Vor­gär­ten, Steinfrau­en und as­sor­tier­te Neu­bau­ten

Architekturspaziergang Zürich

Der Kreis 6 zwischen Milchbuck und Seilbahn Rigiblick ist stark geprägt durch Genossenschaftssiedlungen aus der Zwischenkriegszeit, die mit ihren grosszügigen und sie verbindenden Grünräumen jede einen eigenen Charakter haben. Dazwischen stehen punktuell Ersatzneubauten aus unterschiedlichen Zeiten.

Publikationsdatum
20-07-2022

Von der Tramhaltestelle Guggachstrasse ein paar Schritte zurück Richtung Milchbuck führt ein Durchgang rechts vom Restaurant Gonzalez an den Buchmattweg 5. Hier steht ein Mehrfamilienhaus (2008) von von Ballmoos Krucker Architekten. Das System aus glasfaserverstärkten Kunststoff-Flachplatten, unter dessen leicht speckiger Oberfläche sich die Schatten der Metallunterkonstruktion abzeichnen, weist eine ansehnliche Patina auf. Je nach Lichteinfall spannt sich die Hülle fast wie Baubronze über den skulptural auskragenden Gebäudeecken. Die langen braunen Sonnenschutzvorhänge verleihen  dem Bau etwas Theatralisches. Geht man an dem Gebäude entlang, erreicht man links dahinter die Guggachstrasse.

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Hier stehen mit beeindruckender Präsenz seit bald 100 Jahren die bis zu sechs Stockwerke hohen Bauten der städtischen Siedlung Birkenhof mit 96 Wohnungen, die die Architekten Albert Froelich, Karl Kündig und Heinrich Oetiker (1925/26) errichtet haben. Sie befindet sich im kommunalen Inventar der kunst- und kulturhistorischen Objekte. Die kräftigen, je nach Lichteinfall hell- bis rotbraunen Volumen, die kunsthandwerklich gestalteten Fresken um Eingänge, Fenster und an den Erkern charakterisieren die Anlage. Das Hauptgebäude orientiert sich mit seiner gebogenen Fassade in einer starken Geste gegen das Schulhaus Milchbuck, das ebenfalls von Albert Froelich stammt. Zwischen den beiden Anlagen erstreckt sich eine grosse Wiese, von Birken umgeben, und mit einer mächtigen Eiche in ihrer Mitte, bewacht von zwei übergrossen respekteinflössenden Frauenskulpturen am Parkbrunnen. Das ausgewogene Zusammenspiel der Gebäudevolumen – der baulichen Höhe gegen die Strasse mit dem rückwärtigen Park sowie die niedrigeren Zeilen seitlich mit ihren Wegen – verleihen dem Birkenhof Prägnanz. Das Büro Ruggero Tropeano Architekten setzt die Anlage aktuell für weitere 30 Jahren instand. Das Farb- und Materialkonzept sowie die inventarisierte Umgebung wird gemeinsam mit der Denkmal- und Gartendenkmalpflege entwickelt.

Auf der anderen Seite der Tramhaltestelle Guggachstrasse führt die Milchbuckstrasse links an der Ecke zur Stüssistrasse 83 an einem Bau mit milchkaffeefarbener Fassade vorbei. Er stammt von Rolf J. A. Kamer Architekten und leuchtet hinter der dichten, mauerartig geschnittenen Hecke mit den für Zürcher Verhältnisse auffällig tomatenroten Fensterelementen und Erkern – sie erinnern ein wenig an jene des Birkenhofs. Obschon Architekturkundigen sofort klar ist, aus welcher Zeit der Bau stammt, wirkt er neben den ersten Zeilen des bürgerlichen Ilanzhofs auf der rechten Seite wie ein futuristisches Teatro del mundo und steht schon wieder mit seinen rund 50 Jahren retrospektiv auf dem leicht vom Trottoir abgehobenen Terrain. Er fügt sich fremd und durch seine Volumetrie und die architektonische Qualität doch vertraut an den Rand des homogenen Viertels der Genossenschaft Freiblick.

Pauluskirche und Siedlung Ilanzhof

Am Ende der Milchbuckstrasse führt eine Freitreppe auf eine Plattform zur immensen Front der reformierten Pauluskirche mit ihrem dreiteiligen Glockenspiel (1933). Sie wurde nach den Plänen des Architekten Martin Risch erbaut – im gleichen Jahr übrigens, in dem Giuseppe Terragni sein Casa del Fascio in Como begann, an das diese Fassade entfernt erinnert.. Im Innern spannen sich die Hochmauern des Mittelschiffs als horizontale Träger von der Empore bis zum Altarraum, möglich machte das der damals neue Eisenbeton.

Einige Schritte zurück zur Abzweigung Stüssistrasse ist das Quartier von den einheitlich wirkenden Bauten des Ilanzhofs (1928/29) mit 335 Wohnungen geprägt. Wie viele Genossenschaften hat auch die Genossenschaft Freiblick in den letzten Jahren eine langfristige Planung der strategischen Arealentwicklung vollzogen und sieht sozialverträgliche Ersatzneubauten vor – was unter anderem heisst, dass in Etappen rückgebaut wird. Ein Argument, das häufig hervorgehoben wird, wenn es um Abbrüche geht,  so als ob der schrittweise Rückbau etwas daran ändert, dass die Bewohner in ihren über 90-jährigen Bauten und mit den moderaten Mietzinsen eigentlich noch immer zufrieden wohnen. Die Frage nach der Notwendigkeit eines Ersatzes wird durch diese Diskussion nach dem Wie auch kosmetisch überdeckt. Die Wohnungen lassen sich problemlos vermieten – davon zeugen die Homepages aller Genossenschaften, die «leider keine freien Objekte» haben und meist nicht einmal mehr eine Warteliste führen.

Gelungener Ersatz und zwei Zeitoasen

Zum Glück steht an der Stüssistrasse 62/64 ein gelungener erster Schritt dieser Planung: Die Zeile von Chebbi Thomet Bucher Architektinnen mit 41 Wohnungen, einer Alterswohngemeinschaft und separat mietbaren Zimmern ging 2014 aus einem Wettbewerb hervor. Die Architektinnen entwarfen den Bau, der sich stark vom Bestand abhebt, in einer modernen Sprache, die das Quartier mit Neuem ergänzt. Die Setzung des Baukörpers, seine Volumetrie, die Gliederung der gneisgrünen Fassade, die vielen Staketen um Fenster und Balkone bringen eine feine Eleganz ins Quartier.

Geht man bei der nächsten Kreuzung nach links die Strasse «Im eisernen Zeit» hoch, gelangt man zu zwei Siedlungen, die wie Zeitoasen im offenen Kreis 6 wirken. Die erste, nach der Strasse benannte denkmalgeschützte Siedlung (1924–1926), erstellten Otto Gschwind und Anton Higi für die Eigenheimgenossenschaft Vrenelisgärtli. Die durch Holzzäune getrennten Vorgärten entlang der beiden Wohnstrassen mit den Reihenhäusern sind durch ihre Jahrzehnte gewachsene Bepflanzung zusammenhängend lesbar. «Im eisernen Zeit» gehört mit der gleichzeitig erbauten Bernoulli-Siedlung an der Limmat zu den ersten Zürcher Kolonien in einer sachlichen Heimatstilsprache.

Der von «Im eisernen Zeit» abzweigende Lauffernweg mündet in den Zanggerweg, wo zwischen zwei übergrossen Frauenskulpturen von Arnold Hueggler die Wohnkolonie Oberstrass beginnt, die die Attribute von «Im eisernen Zeit» in ausgeprägter Form weiterführt. Ebenfalls von der Eigenheimgenossenschaft Vrenelisgärtli in Auftrag gegeben und von Gschwind und Higi im Jahre 1927 umgesetzt, sind die Typenhäuser unter durchlaufenden Walmdächern in Reihen zusammengefasst. Die hier etwas breitere Strasse ist eine Art Wohnplatz, der mit den Vorgärten der Anlage Raum und Licht verleiht. Zentral abgeschlossen wird die gerade Sackgasse vom sehr schönen, fein detaillierten Kindergartenbau des ehemaligen Stadtbaumeisters Herman Herter. Eigentlich kaum vorstellbar, dass unter dieser Idylle der verkehrsreiche Milchbucktunnel führt. Am Ende der Anlage führt ein Fussweg hinauf an die Winterthurerstrasse.

Bijou Siedlung Riedtli

Ein interessanter Neubau von Rychener Partner aus Horgen befindet sich an der Nummer 71/73. Geht man von der geschlossen wirkenden Strassenfassade auf die Rückseite des Baus, wirkt diese mit ihren geschwungenen Balkonen wie ein mediterraner Kontrast zur Vorderseite. Wieder der Winterthurerstrasse folgend, gelangt man über die Kinkelstrasse in die denkmalgeschützte Riedtli-Siedlung mit ihren einst 319 Wohnungen. Stadtarchitekt Friedrich Wilhelm Fissler erstellte ab 1911 während acht Jahren diese bis heute drittgrösste städtische Siedlung, sie ist wohl auch eine der schönsten. Mit ihren durch Bauten, Plätze und Wege klar gegliederten Grünräumen strahlt sie Grosszügigkeit und durch die stattlichen Häuser mit den mützenartigen Dächern Wohnlichkeit aus. Jedes Volumen kann umgangen werden, ohne dass man den Bauten zu nahekommt.  

Um die Instandsetzung der Siedlung gab es von den 1970er-Jahren bis zur Jahrtausendwende leidenschaftliche Debatten. Es ging um die Frage nach der Wohnqualität und dem Preis, der dafür entrichtet werden kann oder soll, das Problem der Werterhaltung geschützter Bausubstanz sowie die Perspektive der langfristigen und nachhaltigen Sicherung der Vermietbarkeit der Wohnungen. Die Eingriffstiefe beziehungsweise der Umfang der Renovation in vier Etappen zwischen 2003 und 2008 war anschliessend Bestandteil einer zum Teil heftig geführten Debatte zwischen der selbstbewussten und engagierten Mieterschaft und der Stadt Zürich als Bauherrin, so die Stadt Zürich. An der Riedtlistrasse verlassen wir die Siedlung und gehen wieder zur Winterthurerstrasse.

Am Rigiplatz erinnern die beiden hart an die Strassenfront platzierten Wohnbauten von Knapkiewicz & Fickert Architekten farblich ein wenig an eine Wildterrine. Mit ihren Volumen, den vorspringenden, vor Sonne und Regen schützenden Obergeschossen sowie mit ihren Läden an der Strasse schliessen sie den Rigiplatz bereichernd und prägnant als Quartierstreffpunkt ab. Unter dem vorspringenden Obergeschoss des Baus, vor dem «Kafi Seilbahn Rigiblick» lässt sich dieser Spaziergang gut mit einem Stück Kuchen abschliessen.

Innen und Aussen gehören zusammen

Der Spaziergang macht die Vielfalt der alten Gartenkolonien deutlich. Ihrer Balance zwischen den Aussenräumen – grosszügige Symmetrien aufspannend oder kleinteilig, ja flickenhaft vielfältig – und den oft mächtigen Bauten entspringt ein Grossteil der beachtlichen Lebendigkeit dieser Quartiere. Die heutige Ersatzneubautaktik, die wohl nicht genau diese denkmalgeschützten Orte erfassen wird, aber viele andere Bauten dazwischen, wird all diese Orte verändern. Gute Architektur kann aber auf Dauer nur in Koexistenz mit dem Aussenraum und der mit ihm verbundenen und in ihrer Freiheit respektierten Natur bestehen. Das mag auch die aufwendige Gestaltung der oft an «Verlegenheitsgrün» grenzenden Restflächen um die neuen Bauten nicht leisten.

Paradoxerweise bringt solch neue Architektur sogar auffällig oft die an ihrer Stelle vorher bestehende Gartenstadt als Referenz ins Spiel – so als liesse sich das Freiraumkonzept mit der Verdichtung in Einklang bringen. Die neuen Wohnungen für sich mögen ein Gewinn sein, aber im Zusammenspiel mit dem Aussenraum verliert der architektonische Eingriff gegenüber dem Bestand. Der individuelle Bezug von Erwachsenen und Kindern zu ihrer Umgebung und die Ortsverbundenheit kann mit der zunehmenden Anzahl an Stockwerken und dem schrumpfendem Grünraum nur verloren gehen, denn diese Quartiere werden nie zu Altstadtkernen.

Eine Karte dieses Spaziergangs durch den Kreis 6 gibt es hier.

 

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