es­pa­zi­um un­ter­wegs: Ar­chi­tek­tur-Par­cours am Zü­rich­berg

Die Häuser am Zürichberg bilden eine Enfilade stilistisch erlesener Ingredienzien, die von schweizerischen Qualitäten erzählen. Ein Spaziergang von der Tramhaltestelle Fluntern zum Irchelpark führt entlang an Architekturperlen aus dem vorletzten Jahrhundert bis in die Gegenwart – von städtebaulicher Akzentuierung zwischen den Bauten ist dagegen wenig auszumachen.

 

Publikationsdatum
18-03-2021

Auch in diesem Sommer bleibt das internationale Reisen schwierig. Unter dem Motto «In Grenzen unbegrenzt» präsentieren wir Ihnen daher wöchentlich unsere Redaktionstipps mit Ausflugsideen zu Schweizer Perlen der Baukultur.

Hinter der Haltestelle des Tram Nr. 6 führt die Strasse am Rand des Friedhofs zum Hotel Zürichberg, seit 1899 bis heute ein Klassiker für sonnenhungrige Ausflügler. Seinerzeit vom Frauenverein unter dem Attribut «alkoholfrei» gegründet, passte es zur Reformbewegung um Max Bircher-Benner und seinem nahe gelegenen Sanatorium «Lebendige Kraft», von dem aus das Mus des Doktors seinen Siegeszug um die Welt antrat.

Seit 1995 ist das Hotel mit dem Anbau von Burkhalter Sumi Architekten verbunden, der wie eine zierliche Schnecke am Waldrand liegt. Viele Architekturinteressierte haben seit seiner Fertigstellung hinter dem Restaurant im Altbau einen Blick ins Atrium mit der spiralförmigen Rampe geworfen.

Weiter geht es den Heubeeriweg hinab. Links im Hang «sitzt» das städtisch inventarisierte Schulhaus von Werner Frey aus dem Jahr 1954, ein feiner, leichter Bau mit Sheddach. Von Frey stammen auch das emblematische Lichtspielhaus «Studio 4» im Kreis 1 und die Siedlungen Mattenhof und Bellariapark – typische Zeilenbauten für den unteren Mittelstand, die heute in der Stadt vom Abbruch bedroht sind.

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Gleich rechts vom Schulhaus das Ensemble der drei skulptural wirkenden Wohnhäuser in mediterranen Farben. Die Architekten Gigon/Guyer entwickelten sie im Jahr 2000 zusammen mit Adrian Schiess. Die Couleurs haben Patina angesetzt, was ihrer Qualität nichts abtut. Der Weg zur Susenbergstrasse lässt sich durch den zentralen Aussenraum der drei Häuser abkürzen – ein rares Beispiel für einen gelungenen Kiesgarten.

Entlang der Susenbergstrasse

Unten folgt man nach rechts eine Weile der Susenbergstrasse mit Villen, die mehrheitlich aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg stammen. Hecken, Zäune aus schmiedeeisernen Ranken und goldlackierten Spitzen, mannshohe Palisaden oder pragmatische Maschendrahtzäune grenzen die individuellen Reiche der Häuser von der Strasse ab. Auf ein untadelig geputztes Anwesen mit millimetergenau getrimmtem Rasen folgt ein Nachbarhaus mit blühender Magerwiese, aus der kryptische Kunstwerke ragen.

Die Nr. 108 ist jedoch ein typischer 1970er-Jahre-Bau. Vielleicht mag man durch die Hecke einen Blick auf den Umbau des Erdgeschosses von Gmür, Geschwentner aus dem Jahr 1999 erhaschen. Auf der gegenüberliegenden Strassenseite sieht man zwei Mehrfamilienhäuser aus den 1950er-Jahren, als hier auch einfache Angestellte wohnten. Die feine Renovation der Häuser stammt aus dem Jahr 2017 von Fiktiv Architektur.

Eine diametral entgegengesetzte Welt offenbart die Nummer 123, wo die seit mehr als zehn Jahren in einen Dornröschenschlaf versunkene Villa Weber-Altwegg in ihrem verwilderten Garten einer neuen Ära entgegenschlummert. Der Architekt Hermann Weideli, der auch das «Kaufleuten» und die Innenräume des «Odeon» im Kreis 1 gestaltete, baute den neobarocken Bau aus der Zwischenkriegszeit für eine Textilfamilie.

2015, sechs Jahre nachdem die letzte Tochter der Besitzerfamilie gestorben war, versteigerte ein Auktionshaus das Inventar, die Villa steht bisher erfolglos für über 30 Millionen Franken zum Verkauf. Das unter Schutz gestellte Haus ist dabei wohl der «Klumpfuss» für das übrige Grundstück, das ohne sie einfacher, schneller und lukrativer überbaut werden könnte. Nicht verwunderlich, dass der das Gut umwehende Erbstreit Veränderungen blockiert. Die hohen Grundstücks- und Liegenschaftspreise werden irgendwann nach ökonomischer Logik den langen Leerstand wieder kompensieren. Auf dem weiteren Weg folgen immer wieder ein paar Bauten, die wohl mit Kalkül dem Zahn der Zeit überlassen werden.

Krönleinstrasse bis Spillmannweg

Nicht weit davon führt links die Krönleinstrasse bergab. Über die Fassade der Nr. 31 schlängeln sich grazil die Linien einer verblassenden Lady aus der Sprühdose Harald Nägelis. Er stiess wie viele andere Kunstschaffende (und Architekturschaffende) in der konservativen Schweiz lang auf Widerstand. Nägeli, der die Schweiz als bieder und ordnungsfanatisch taxierte, protestierte in den 1970er-Jahren mit seinen leichten, zwanglosen Figuren gegen Urbanisierung, Uniformierung und Unwirtlichkeit der Stadt.

Die vom Sprayer vermisste lebenspraktische Leichtigkeit findet sich wohl im folgenden, unter kommunalem Schutz stehenden Landhaus mit Baujahr 1914 und einem anarchisch anmutenden Büffelschädel im runden Dachfenster. Den scharf im Rank stehenden, futuristisch wirkenden Anbau mit Metallfassade entwarf die Architektin Vera Gloor, die hier auch wohnt und arbeitet. Der Garten dahinter mit seinen Kleinbauten und Baumhütten muss wohl vielen Kindern Vergnügen bereitet haben, genauso wie die amerikanischen Autos in der Garage darunter den Erwachsenen.

Rechts geht es weiter zum Spillmannweg, der zwischen zwei maisgelben Bauten quer den Hang hinab führt. Der rechte ist ein bemerkenswerter, eternitverkleideter Repräsentant aus den 1970er-Jahren. Sein eindrückliches, in die Höhe gestapeltes, rhythmisiertes Volumen ist eine beispielhafte Verdichtung an schwieriger Hanglage. Der Architekt war leider nicht ausfindig zu machen (die Autorin dankt für Hinweise).

Restelberg- bis Bionstrasse

Die Restelbergstrasse am unteren Ende des Steigs mit dem steiler abfallenden Terrain und der Molasse im Untergrund gilt als Rutschgebiet. Das manifestieren die immensen Fundamente der talseitigen Einfamilienhäuser, die sich mit riesigen Dächern gegenseitig die Aussicht versperren. Eine Ausnahme sind die kommunal geschützten Nummern 79 bis 83, drei quer zum Hang stehende, typische Mehrfamilienhäuser aus dem Jahr 1950. Sie wurden nicht durch eines dieser hier häufig anzutreffenden «gestalterischen Upgrades» ihrer Einfachheit entfremdet.

Verglichen mit dem eleganten Wohnhaus von Professor Otto Salvisberg an der Restelbergstrasse Nr. 97, das doch 20 Jahre älter ist, wirken sie bescheiden. Der kantonal geschützte, elegante Salvisberg-Bau ist ein Highlight am Zürichberg und atypisch für den Ort. Strassenseitig ist nur seine lange, geduckte Etage erkennbar, die alle Attribute der Moderne aufweist. Wie eindrücklich der Bau sich nach unten entwickelt, ist ersichtlich, wenn man an der Breitseite den Hang hinunterblickt. Dank massiver Eisenbetonwände konnte das hohe Gebäude auf vier Pfeiler abgestellt werden. Man erahnt neben der für die damalige Zeit gewagten Konstruktion auch das exquisite Interieur.

Nun gehen wir wieder ein paar Schritte zurück zum Spyristeig und diesen hinab. An seinem untersten Ende ist die Umgebung eine andere – man ist im topografisch flacheren und vor allem historisch gewachsenen mittleren Teil des Quartiers Oberstrass in einer viergeschossigen Zone. An der Spyristrasse 36 steht der Bau von Edwin Schoch aus dem Jahr 1964. Die zwei aneinandergereihten, von skandinavischen Einflüssen geprägten Einfamilienhäuser aus Lärchenholz, Sichtbetonmauern, Tonbodenplatten und Schieferschindeln vereinen sich naturnah mit der knorrigen Föhre und dem verwachsenen Gartenstreifen. Der Bau erhielt eine Auszeichnung Guter Bauten der Stadt Zürich. An der Bionstrasse liegt rechts ein neues viergeschossiges Mehrfamilienhaus von Züst Gübeli Gambetti, eine Stadtvilla, die sich durch Volumen, die fein profilierte Fassade und Proportionen gut in die Umgebung einfügt.

Büchner- bis Krattenturmstrasse

Wir biegen bei der Büchnerstrasse ab und folgen an ihrem Ende der Rigistrasse hoch bis zum denkmalgeschützten Haus Nr. 41. Es ist Teil der nie ganz realisierten Grossüberbauung «Rigiviertel», die die Firma Grether & Cie, 1894 ein Jahr nach Eingemeindung der Quartiere am Zürichberg plante. Die Firma erwarb hier 17 Hektar Land – damals vor allem Rebberge – und baute immerhin Strassen, eine Tramlinie und einige herrschaftliche Schlösschen. Erstaunlicherweise war die Bewohnerschaft aus Handwerkern, Arbeitern und Akademikern gut durchmischt.

Ein Blick lohnt sich auch auf den Bau gegenüber, wohl aus den frühen 1950er-Jahren, der mit seiner dezent konvex gekrümmten Fassade und dem objektivartig gerahmten Eingang für damalige Zürcher Verhältnisse wohl einen Hauch gewagte Exzentrik darstellte.

Rechts davon, an der Goldauerstrasse, überquert man dann das Trassee der 1901 in Betrieb genommene Standseilbahn Rigiblick. Nach einem der letzten Bauten, einem schönen, im Inventar der Stadt stehenden 1970er-Jahre-Mehrfamilienhaus aus Sichtbeton, folgt man rechts dem Schäppiweg hoch. Nach der Kurve zur Hadlaubstrasse gehen wir etwas aufwärts und nehmen den Fussweg in den Wald bis an die Krattenturmstrasse. Links bergab stehen zwei Häuser mit je einem gelb und grün leuchtenden Garagentor. Dieses Werk von Gigon/Guyer Architekten entstand ungefähr zur gleichen Zeit wie die Häuser zu Beginn des Spaziergangs

Der Mont Diggelmann und der Irchelpark

Die Krattenturmstrasse führt wieder in die Frohburgstrasse, und über die Wiese mit alten Obstbäumen kann man den Mont Diggelmann erklimmen und von dort Stadt und Flughafen überblicken. Auf dem Weg Richtung Milchbuck gelangt man links vom kantonalen Staatsarchiv, das unzählige Laufmeter an Pergamenten, Papieren und Mikrofilmen beherbergt, in den Irchelpark.

Die grosse Grünanlage ist ein nach den Pländen Eduard Neuenschwanders künstlich angelegter Landschaftspark, der in den umliegenden Naturraum übergeht. Liest man ihn als Ganzes bis zum Wald, so verkommt der obere Teil mit den neuen Campusbauten leider immer mehr zu einem architektonischen Wasserkopf, umrahmt von einem Wiesenstreifen – daran können auch Treppenanlagen und neue Bäume nichts ändern.

Die Karte mit dem eingezeichneten Spaziergang als pdf zum Download gibt es hier.

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