Zeichen einer waldwirtschaftlichen Zeitenwende
WaldDialog Basel 2026
Die Schweizer Wald- und Holzpolitik basiert auf der Vereinbarkeit von Waldschutz und Holzproduktion – das heisst auf der nachhaltigen und naturnahen Nutzung der nachwachsenden und grundsätzlich CO2-neutralen Ressource Holz. Dabei soll das nutzbare Potenzial ausgeschöpft werden und der Rohstoff hochwertig und ressourceneffizient eingesetzt werden.
Wie müssen Wälder ausgeformt und gebaut werden, welche Eigenschaften müssen sie gerade hinsichtlich der biologischen Vielfalt aufweisen, damit wir Menschen langfristig von ihren Ökosystemdienstleistungen – darunter die Holzproduktion – profitieren können?
Diese Frage stand im Zentrum des WaldDialogs 2026 und lockte am 10. September Waldfachpersonen aus Forschung, Lehre und Praxis für einen bereichernden Austausch an die Universität Basel. Die Antwort war wenig überraschend und recht simpel: Die Schweizer Wälder müssen eine hohe biologische Vielfalt aufweisen – darin decken sich die Ansichten der praxisnahen Forstleute mit den Erkenntnissen der Forschenden –, damit sie für die Zukunft gerüstet und ihre Nature’s Contributions To People auch für kommende Generationen sichergestellt sind. Der Wald dient also als unverzichtbarer Lebensraum für eine Vielzahl von Lebewesen, darunter auch seltene und gefährdete Arten. Genau das ist eine der vier gesetzlich festgehaltenen Waldfunktionen, neben dem Schutz vor Naturgefahren, dem Erholungs- und dem Wirtschaftswald. Doch es scheint sich eine neue Denkart zu etablieren, die Biodiversität nicht als eine separierte Waldfunktion neben andern, sondern als Basis versteht. Sie sei eine selbstverständliche und unverzichtbare Grundlage, um überhaupt über die anderen Funktionen – beispielsweise Ökosystemdienstleistungen wie Trinkwasser- und Luftfilterung oder CO2-Speicherung – sprechen zu können.
Integrative Waldbewirtschaftung als Basis für die Holzproduktion
Doch wie kann die Artenvielfalt gerade in wirtschaftlich stark genutzten Beständen erhöht werden? Best Practice nach aktuellem Wissensstand scheint dabei der integrative Ansatz der Waldbewirtschaftung zu sein. Handelt eine Försterin danach, lässt sie auch auf Holzproduktionsflächen bewusst alte, geschädigte oder bereits tote Bäume (also Bäume ohne direkten ökonomischen Nutzen, dafür mit hohem Habitatswert) stehen. So schafft sie Raum für die ökologisch wichtige Alters- und Zerfallphase von Bäumen, einem natürlichen Lebenszyklus des Waldes, auf den eine Vielzahl von Tieren, Pflanzen, Pilzen und Flechten angewiesen und spezialisiert ist. Auf wirtschaftlich getrimmten, monokulturartigen Flächen fehlt genau dieses Habitatsangebot zu Ungunsten der Biodiversität und somit zum Nachteil der Vitalität und Robustheit des Waldes weitgehend, weil die Stämme bereits in einer jüngeren Lebensphase geerntet und dem Holzmarkt zugeführt werden.
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Und in welchem Interesse handelt die Försterin, wenn sie solche sogenannten Habitatsbäume stehen lässt? Wälder mit einer hohen Artenvielfalt sind vitaler und resistenter gegen Störungen wie etwa Wind, Hitze, Trockenheit oder Schädlingsbefall. Sie weisen eine höhere und raschere Fähigkeit zur Erholung nach einem Störereignis auf. Und zudem zeigen Messungen, dass der Holzzuwachs – der Zins der Waldbesitzenden – mit einer Erhöhung der Biodiversität zunimmt. In der Endabrechnung handeln die Forstverantwortlichen also nicht nur im Sinne der Natur und der Sicherstellung der Waldfunktionen, sondern auf lange Sicht auch wirtschaftlich logisch und zugunsten der Holzproduktion.
Das Risiko auf viele Kronen verteilen
Aber welche Baumarten sollen den Schweizer Wald der Zukunft tragen, die Waldfunktionen erfüllen und insbesondere die hiesige Nachfrage des Holzmarktes befriedigen? Der wichtigste Teil der Antwort zuerst: möglichst viele. Statt auf wenige vermeintlich «gute» Baumarten wie beispielsweise die Tanne oder die Eiche zu setzen, streben die Waldbewirtschaftenden eine möglichst breite Palette an Baumarten an. Dies bringt – neben weiteren – zwei wesentliche Vorteile mit sich: Zum einen minimieren sie so das Klumpenrisiko beim Ausfall einer Baumart. Und zum andern ermöglicht ein breites Baumartenangebot eine flexible Bedienung von vorübergehenden Trends, wenn bei Architektinnen und Möbeldesignern zum Beispiel einmal die Eiche als chic gilt und ein andermal Kirschbaum- oder Buchenholz.
Am WaldDialog 2026 ging es hauptsächlich um Biodiversität sowie einen Wald, der für die heissere und trockenere Zukunft gerüstet ist. Es wurde deutlich, dass sich der Fokus in der Schweizer Forstwirtschaft seit rund einem Jahrzehnt merklich von der Holzproduktion, die bis anhin als eigentliche Kerndisziplin galt, hin zu Themen wie klimatauglicher Waldbau und Artenvielfalt verschiebt. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in der Schweizer Wald- und Holzpolitik wider.
Aber «heisser und trockener» ist hinsichtlich des vergangenen Sommers längst nicht mehr Unheil versprechende Prognose für die Zukunft, sondern bereits Realität und statistisch erwartbare Normalität. Diese neue Wirklichkeit trifft gerade mit voller Wucht auf die Wälder rund um Basel sowie auf die ganze Schweiz und stellt die forstliche Praxis vor neue, dringende und bislang unbeantwortete Fragen. Und so bleibt bei manch einer Besucherin und manch einem Besucher das Gefühl zurück, dass der WaldDialog 2026 der neuen Realität aufgrund der Geschwindigkeit der momentanen Veränderungen einen halben Schritt hinterherhinkt. Denn das Jahr 2026 birgt das Potenzial einer waldwirtschaftlichen Zeitenwende.