Un­ter dem Pfla­ster: Das Le­ben

Die Umgebungsgestaltung des Nutzungsplans 1 (NP1) des Lausanner Stadtviertels «Plaines-du-Loup» wurde von mehreren Büros für Landschaftsarchitektur entworfen und ausgeführt, und doch ist aus den Teilstücken ein stimmiges Ganzes geworden. Böden, Wasser und Vegetation dienen dabei als Schlüsselelemente.

Data di pubblicazione
23-10-2025

Eine nordsüdlich verlaufende Hauptstrasse, breite bepflanzte Querstrassen, hangabwärts ein Park. Im Quartier Plaines-du-Loup ist das Raster der unbebauten Flächen der ersten Bauphase denkbar einfach gehalten und fügt sich in die Topografie ein. Und doch mussten einigen Reflexen Einhalt geboten werden, die sonst die besten Planungen erschweren: Eine erste Entscheidung war es, den motorisierten Verkehr und die dazugehörigen Parkplätze aus dem Quartier zu verbannen. 

Es folgten weitere Entscheide auf allen Projektstufen, die zu den heute unbebauten öffentlichen und privaten Räumen des Quartiers führten. Hierbei galt die Stimmigkeit als Schlüsselbegriff. Dank einer straffen Führung durch die Stadt Lausanne, insbesondere der Abteilung für Parks und Domänen (SPADOM), wird diese Stimmigkeit nun sichtbar, nachdem zwei Drittel des Quartiers fertiggestellt sind. 

Dieser Artikel ist im Sonderheft «Biodiversität im Siedlungsraum» erschienen. Weitere Beiträge zum Thema Biodiversität finden Sie auch in unserem digitalen Dossier.

Man erkennt sie an den grossen Verkehrswegen, aber auch innerhalb der urbanen und privaten Einheiten, wo die beauftragten Landschaftsarchitektinnen und -architekten verschiedene Akteure für ein und dasselbe Gestaltungsprojekt koordinieren mussten. Will man die Entstehung einer Stadtlandschaft dieser Grössenordnung begreifen, muss man sich mit den Kernthemen der Landschaftsplanenden befassen und bei den Böden beginnen.

Die Böden

Sie liegen heutzutage im Kern aller Stadtentwicklungsprojekte und betreffen nicht mehr nur die Umgebungsarbeiten, um die man sich erst nach Fertigstellung der Gebäude kümmert. Die Böden gelten als unverzichtbare Grundlage von Lebewesen, des Wassermanagements und klimatischen Wohlbefindens; sie sind nicht mehr nur Grundeigentum, das mit Anlagen versehen werden soll, sondern eine zu bewahrende Ressource. 

Vorgaben im Sondernutzungsplan

Hier hat ein gewaltiger Paradigmenwechsel stattgefunden – umso mehr als die Stadt Lausanne schon beim Sondernutzungsplan der ersten Einheit (NP1 von 2016) beschloss, die Wiederherstellung eines oberen Bodenmeters auf fast allen Grünflächen des künftigen Quartiers vorzuschreiben. Diese Vorgabe wurde Bestandteil der Nutzungsrechte, damit die privaten Entwickelnden sie umsetzen.

Daher wurde beim Abbau der Sportplätze die Erde sorgfältig zwischengelagert, wobei man nach Bodenhorizonten trennte: Zwischen dem fruchtbaren und lebendigen Mutterboden (Horizont A) und dem stärker mineralisch geprägten, aber weniger organischen Unterboden (Horizont B). Auch der Grad der Verschmutzung bestimmte die Sortierung. 

90% des Erdreichs wurde wiederverwertet

Da man bei der Wartung der Sportplätze seit Jahren auf chemische Mittel verzichtet hatte, erwies sich die Qualität des Mutterbodens als gut. Doch die nahegelegene Avenue de Plaines-du-Loup hatte Spuren von Schwermetallen in den Böden hinterlassen, die in diesem Sektor glücklicherweise kaum mit Dioxinen belastet waren. Geringe Mengen Erdreich wurden auf Deponien entsorgt, aber die verbleibenden 90 % konnten wiederverwertet werden. 

Nun ging es darum, dieses Material unter Berücksichtigung der potenziellen Risiken am richtigen Ort wiederzuverwenden und für die in den urbanen Bereichen und öffentlichen Plätzen vorgesehenen Anpflanzungen ausreichend dicke Erdschichten wiederherzustellen. Im Klartext: Die «sauberen» Erdschichten sollten auf Spielplätze und Gemüsegärten, die anderen auf Areale, wo sie nicht verschluckt oder angefasst werden können. 

Ausreichende Deckschicht

«Bäume und Sträucher profitieren von tiefen Nährböden, die reich an organischen Stoffen sind, Wiesen begnügen sich mit mageren Böden», erläutert Marion Vanlauwe, die für SPADOM die Baustelle der öffentlichen Räume leitet. Man wollte vor allem vermeiden, Böden mit einer kleinen Deckschicht aufzuschütten, wie das auch heute noch oft geschieht. 

«Der obere Bodenmeter darf nicht zu einem Zwang für die Weiterführung eines Projekts werden, er muss präziser mit der Oberflächenplanung abgestimmt werden. Er ist nicht erforderlich unter Bereichen ohne Anpflanzungen oder begrünten Kiesflächen, wo die Böden mager und eher für genügsame Pflanzengattungen geeignet sind», sagt man beim Büro approches, Sieger des Hochparterre Wettbewerbs für das städtische Ensemble E.

Wasser

Diese sorgfältige Wiederherstellung hat zwar die vorhandene lehmige und wenig durchlässige Bodenschicht, deren Erde für die Herstellung von Ziegeln geeignet ist, nicht verändert, aber das Versickern von Wasser in tiefere Schichten behindert. Daraus folgte, dass man den Abfluss in die Kanalisation maximal verlangsamte. 

Die Schaffung von Überschwemmungsgebieten ermöglicht es, das Wasser so lange wie möglich vor Ort in den oberen Bodenschichten und unter freiem Himmel zurückzuhalten, um die Abwassersysteme nicht zu überlasten. Dies wirkt sich nebenbei noch auf das örtliche Mikroklima aus.

Rückhaltefunktion eingeplant

Um kleine Regenfälle – der grösste Teil der Niederschläge – und die immer häufigeren Grossereignisse zu bewältigen, mussten möglichst viele Flächen diese Rückhaltefunktion ausüben, ohne sie der Vegetation zu entziehen. So ist ein Teil des Spielplatzes der Rue Germaine-Ernst überschwemmbar, wie auch die bepflanzte Mulde in der Rue Edith-Burger. 

«In diesen Querstrassen hat sich das Verhältnis zwischen befahrbaren Wegen und Fussgänger- sowie Grünflächen umgekehrt: Letztere nehmen von Fassade zu Fassade zwei Drittel der Strasse ein», betonen Sibylle André und Simon Bailly von Paysagestion, dem Büro, das für die öffentlichen Plätze des Quartiers verantwortlich zeichnet.

Semidurchlässige Materialien auf den Wegen

Auf den Wegen sind semidurchlässige Materialien wie Pflastersteine oder Schotter die Regel. Gefälle und Drainagegräben leiten das Wasser in die mit Bäumen bepflanzten Areale weiter, die als grosse zusammenhängende Gruben angelegt sind. Das Wasser wird durch Zugabe von porösen Materialien zurückgehalten – in diesem Fall pyrolisierte organische Stoffe oder bioaktivierte Biokohle, die kleinste Hohlräume für Wasser und Luft schaffen. Dieser atmungsaktive Boden kann besser von den Wurzeln durchdrungen werden. 

Der zentrale, an die Schule grenzende Platz des Quartiers folgt derselben Logik: Der Bodenbelag besteht aus Rasenkies, und im Untergrund befindet sich eine grosse Pflanzgrube, die das Wasser zurückhält. «Der ursprüngliche Entwurf sah aus Düsen gespeiste Wasserspiele vor, aber wir sagten uns, dass die Ressource verloren ginge», betont Marion Vanlauwe. 

«Wir zogen die Installation einer Sprühnebelanlage, die durch Druckknöpfe auf Masten eingeschaltet werden kann, auf einem Platz mit durchlässigem Bodenbelag vor.» Jonathan Musy vom Büro Approches merkt an, dass das Dachwasser nicht zugunsten der Pflanzgruben abgeleitet wurde. «Das war zur Zeit des Wettbewerbs nicht üblich, aber mit den begrünten Dächern und den wasserdurchlässigen Materialien am Boden gelangt kaum etwas tatsächlich ins Sammelbecken.»

Vegetation

Eine solche Form des Wassermanagements, die schon in der Konzeptionsphase auf das gesamte Quartier Anwendung findet, ist in mehr als einer Hinsicht beispielhaft. So kann auf die automatische Bewässerung von Bäumen und Sträuchern verzichtet werden. Man stattet sie mit Beuteln aus, die die manuelle Bewässerung zur Belebung und zum Wachstum der Pflanzen unterstützen. 

Hieran erkennt man das Engagement der öffentlichen Dienste sowohl während der Bau- als auch während der Wartungsphasen dieses ganzheitlichen Vorgehens. In den Plaines-du-Loup ging dieses Engagement sehr weit, bis hin zur Vorbereitung der zu pflanzenden Bäume. So wurde schon 2018 auf einem nahegelegenen Grundstück eine provisorische Baumschule eingerichtet, um dort die jungen Bäume aufzuziehen, die im neuen Quartier gepflanzt werden sollten. 

Provisorische Baumschule vor Ort

Das Büro Paysagestion, das den Auftrag für die Gestaltung der Flächen auf öffentlichem Grund und des Parks erhielt, konnte also unter anderem auf diese Baumschule zurückgreifen, um seine Projekte mit den rund 300 Eichen, Kiefern und anderen Baumarten zu gestalten. 

In den Innenhöfen hatten die Landschaftsarchitektinnen und -architekten mehr Spielraum, aber auch hier galt das Ziel eines stimmigen Gesamtbilds: «Wir haben im Ensemble E viele Bäume mit grossen Kronen gepflanzt, die in dieser sehr dichten Bebauung den Blick von einer Fassade zur anderen filtern werden», heisst es beim Büro Approches. 

Bäume verändern die Wahrnehmung der dichten Bebbauung

Anders gesagt: Die Landschaft kann dazu beitragen, die Wahrnehmung der Gebäudegrösse abzumildern, die vor den Planungsprojekten und ohne die Landschaftsplanenden festgelegt worden war, aber nicht den Eindruck der grossen Höhe im Verhältnis zu den Freiflächen beseitigen. 

Wie wird man diese Gartenhöfe nutzen? «Das ist derzeit schwierig zu sagen. Wenn niemand sie frequentiert, können sie sich wie eine Oase begrünen. Ansonsten bekommen wir einen stark mineralischen Boden wie auf einem öffentlichen Platz, und die Bäume schaffen das Ambiente», so die Vorstellung von Jonathan Musy.

Logistik und Nutzung

In Anlehnung an die Ergebnisse der Besprechungen zur Gestaltung des Parc du Loup, die 2017 begannen, tendiert das Ganze eher zu Räumen, die ihren Nutzern wenig vorschreiben und ihnen gewisse Freiheiten lassen. Ein Zeichen für diesen schwachen Definitionsgrad ist das Fehlen von Begrenzungen (und damit von Betonfundamenten) zwischen den ineinander übergehenden Materialien. 

Im öffentlichen Raum folgte man dem Grundsatz, grosse bepflanzte Inseln entlang der Hauptachse zu schaffen. Betonflächen markieren die Ankerpunkte der Achse, während die Querverbindungen aus Betonpflastersteinen bestehen, die auf den Wegen geradlinig und auf den Plätzen zufällig angeordnet sind. Alle beauftragten Landschaftsarchitekten befolgten eine Materialcharta. 

Grosszügige Spielplätze

Die zahlreichen und grosszügigen Spielplätze entziehen sich naturgemäss diesem Minimalismus. Sie waren in Wettbewerben bei mehreren spezialisierten Unternehmen ausgeschrieben. Der von der Firma Kukuk Schweiz entworfene Spielplatz im Park bietet neue Erlebnisse: Die quergestellten Hütten mit ihren Fenstern aus rotem Plexiglas verzerren die räumliche Wahrnehmung, während ein Spielparcours in eine Mulde führt, die unter Wasser gesetzt werden kann. 

Doch was ist mit den schwächeren Zielgruppen wie den Älteren, Menschen mit eingeschränkter Mobilität, aber auch den Mädchen und Heranwachsenden, die oft vergessen werden? Der Hauptplatz des Parks ist dank seines Korkbodens auch für Menschen mit eingeschränkter Mobilität zugänglich. 

Generationenübergreifende Fitnessanlage 

Das städtische Ensemble A war ebenfalls Gegenstand einer vertieften Überlegung des Landschaftsarchitekten Jean-Jacques Borgeaud. «Der neue Platz bietet eine generationsübergreifende Fitnessanlage, die von Älteren leicht genutzt werden kann und auch für Körpergrössen von 1.60 m geeignet ist», erklärt Marion Vanlauwe. «Die Sportplätze sind nicht auf Fussball ausgerichtet und lassen auch andere Sportarten zu.»

Positive erste Bilanz für NP1...

Autofreie Strassen ohne zu viele Nutzungsvorgaben, eine Vegetation, die sich in Luft und Erdreich ausdehnen kann, eine Chance für neue Spielarten in urbaner Natur, Orte der Begegnung und sozialen Vielfalt; derzeit ziehen die noch tätigen Landschaftsplanenden eine positive Bilanz für den NP1. 

Eines bedauern sie jedoch alle: Die Notzugänge konnten wegen einiger nicht durchgehender Wohnungstypen nicht aus den Hofkernen herausgehalten werden, was sich stark auf die Aussenbereiche auswirkte, da grosse Flächen zwingend frei von Anpflanzungen und festem Mobiliar bleiben müssen. 

...und Wünsche für NP2

Dies gilt auch für die Versorgungsnetze im Untergrund, die alle in den Aussenbereichen verlegt wurden, obwohl diese zu Beginn der Arbeiten nicht belegt waren. Die Verlegung der Leitungen unter den Trottoirs der Verkehrsstrassen hätte viele Einschränkungen beseitigt, auch wenn in manchen Fällen oberhalb der Leitungen angepflanzt werden durfte. 

Aus der Erfahrung mit NP1 ergibt sich ein weiterer Wunsch für NP2: die Verpflichtung zu durchgehenden Wohnungen und ein echtes Projekt für Versorgungsnetze in Verbindung mit hohen Anforderungen an die Qualität der unbebauten Flächen, deren Rolle dadurch gestärkt würde.

Aussenräume der Etappe 1 (NP1) des Ökoquartiers Plaines-du-Loup, Lausanne

 

Bauherrschaft: Stadt Lausanne, Bureau Métamorphose

Landschaftsarchitektur: Paysagestion 



Tragwerksplanung: EDMS

 

Verkehrsplanung: Christe & Gygax

 

Stadtbaustein A, Gesamtkonzept und Aussenraumgestaltung:
bunq architectes, Nyon, und Landschaftsarchitekturbüro Jean-Jacques Borgeaud, Lausanne


Stadtbaustein B, Gesamtkonzept und Aussenraumgestaltung:
Pont12 architectes, Chavannes-près-Renens, und Oxalis architectes paysagistes associés, Carouge


Stadtbaustein C, Gesamtkonzept und Aussenraumgestaltung:
Nicolas de Courten architectes, Lausanne, und Aurélie Barral, DUO architectes paysagistes, Lausanne


Stadtbausteine D und E, Gesamtkonzept und Aussenraumgestaltung:
Aeby Perneger & Associés, Carouge, und Approches paysage, Lausanne


Vorbereitende Arbeiten im Gebiet NP1: 2018

Übergabe der Wohnungen NP1: 2022–2024

Articoli correlati