«Un­ser Mot­to war noch nie so spür­bar wie je­tzt»

Eigentlich hatte die IBA Basel 2020 geplant, der Öffentlichkeit ab dem 27. Juni 2020 ihre Arbeit zu präsentieren. Doch das Coronavirus zwang die Verantwortlichen zum Umdenken. Nun sollen die entstandenen Projekte und Prozesse im Frühling 2021 gezeigt werden. Über die Zeit bis dahin und darüber, wie sie die Grenzschliessung erlebt hat, spricht IBA-Geschäftsführerin Monica Linder-Guarnaccia mit TEC21.

Data di pubblicazione
30-06-2020

TEC21: Seit zehn Jahren geht es bei Ihrer Arbeit um das Thema «Gemeinsam über Grenzen wachsen». Im März 2020 wurden aufgrund von Covid-19 plötzlich die Grenzen geschlossen. Was waren Ihre ersten Gedanken?

Monica Linder-Guarnaccia: Das war eine intensive, belastende und zugleich schöne Zeit. Unser Thema ist noch nie so spürbar gewesen wie jetzt. Es war ernüchternd zu sehen, wie fragil eine Grenze ist. In der Raum- und Verkehrsplanung sind die Grenzen nach wie vor da, auch wenn man sie im Alltag nicht spürt. Durch den brutalen Einschnitt der Grenzschliessung wurde das allen bewusst. Schon daran ist zu erleben, wie gross die Kooperation in der Region Basel über die Grenzen hinweg bereits verstetigt ist und wie sehr wir unsere gemeinsame Arbeit vermisst haben.


Drei Länder, drei Kulturen, eine Pandemie – haben Sie die Unterschiede in der täglichen Arbeit gespürt?

Das Paradebeispiel sind die Abstandsregeln: In der Schweiz galt bis vor Kurzem 2 m Abstand, in Deutschland 1.5 m und in Frankreich 1 m. Ein weiteres Beispiel ist der Umgang mit den Mund-Nasen-Schutzmasken: In der Schweiz wurden sie zunächst nicht empfohlen, nun werden sie in öffentlichen Verkehrsmitteln Pflicht; in Deutschland sind sie neben den öffentlichen Verkehrsmitteln auch in allen öffentlichen Gebäuden vorgeschrieben, und in Frankreich waren die Masken quasi immer Pflicht. Es ist unglaublich, dass man auf so engem Raum so unterschiedlich mit der Situation umgeht. Ich hoffe, in einem nächsten Fall konsultieren die Entscheidungsträger der Staaten die Regierungen vor Ort noch mehr. Die Eingrenzung der Beweglichkeit war aus Sicht der Pandemie-Eindämmung vernünftig. Dennoch bin ich der Meinung, man muss eine Pandemie in einer Metropolitanregion nicht nach Ländern bekämpfen, sondern gemeinsam.
 

Inwiefern hat sich die Situation auf die IBA-Projekte ausgewirkt?

Viele Projekte sind in Verzug, weil nun wieder übergeordnete, nationale Regeln gegriffen haben und nicht die trinationalen, die wir gemeinsam für die Region vereinbart hatten.
 

Gibt es ein Beispiel?

Die Ausschreibung für den Parc des Carrières – ein trinationales IBA-Projekt auf französischem Boden – war bereits komplett vorbereitet. Frankreich hat aber festgelegt, dass im Pandemiefall von den Verwaltungen aus keine Ausschreibungen mehr stattfinden dürfen. Dadurch hat sich der Ablauf verschoben, was sich auch auf die Projektentwicklung auswirkt.
 

Können Sie der Krise auch etwas Positives abgewinnen?

Ich finde, das Schöne ist, dass unsere Region zusammengehalten hat. Wir sind nicht drei Länder, wir sind voneinander abhängig. Es ist ja nicht nur das Wirtschaftliche – hier wohnen Familien ganz selbstverständlich grenzüberschreitend. Die Idee des Zusammengestaltens gibt es in der Region schon lang, aber mit der IBA ist diese Idee in die Umsetzung gegangen. Wenn man nur das Problem anschaut, dann waren die Corona-Pandemie und die Grenzschliessung eine Katastrophe. Wenn man den Blick weitet und positiv denkt, dann haben wir durch die Krise viel gelernt. Wie Vertrauen gebildet wird zum Beispiel. Klare Kompetenzen oder Organisationsstrukturen nützen nichts, wenn das Vertrauen fehlt. Das ist das Wichtigste am IBA-Prozess: Alle glauben daran, dass man die Grenzen überschreiten und die Metropolitanregion gemeinsam entwickeln kann.
 

Wurde in Ihrer bisherigen Arbeit eine Grenzschliessung in Betracht gezogen? Hatten Sie Szenarien dafür ausgearbeitet?

Bei uns ging es immer darum, wie wir Grenzen abbauen. Sicher haben wir auch darüber diskutiert, wie man weiter zusammenarbeiten kann, sollte sich weltpolitisch etwas verändern. Früher wurde in den Brücken Sprengstoff gelagert, damit im Kriegsfall die eine oder die andere Seite die Brücke hätte sprengen können. Ende 2014 hat die Schweizer Armee den letzten Sprengstoff aus den Brückenköpfen der Rheinbrücke zwischen Stein (CH) und Bad Säckingen (D) entfernt. Das zeigt, welches Vertrauen gegenseitig in den letzten Jahren entstanden ist.
 

Werden die neuen Erkenntnisse in die Schlusspräsentation einfliessen?

Der Umgang mit der Pandemie und auch einer möglichen nächsten Pandemie in Bezug auf die Projektentwicklung wird in der Ausstellung und der Fachpublikation sicher erwähnt werden.
 

Die Ausstellung wurde ins Frühjahr 2021 verschoben. Wie nutzen Sie diese Zeit?

Wir wollten die Zeit der Ausstellung von Juni bis September 2020 nutzen, um mit der Bevölkerung ins Gespräch zu kommen. Geplant war auch die Wirkung bei Projektveranstaltungen vor Ort abzufragen. Stattdessen versuchen wir nun, die Bevölkerung über eine Öffentlichkeitskampagne zu erreichen. Im Mittelpunkt steht ein dreiteiliges Herz, das in den kommenden Wochen an verschiedenen Projektorten aufgestellt wird. Diese Reise wird auf Instagram begleitet. So kommen wir wieder ins Gespräch.
 

Sie drehen das Vorgehen also um?

Genau, wir integrieren die Statements der Bevölkerung in die Ausstellung, statt die Erkenntnisse aus den Diskussionen während der Expo im Nachhinein auszuwerten. Unverändert bleibt aber die wissenschaftliche Untersuchung der Wirkung. Nur so kann es uns gelingen, wieder eine neutrale Position einzunehmen. In der Projektarbeit nehmen wir nicht mehr wahr, was aus der IBA entstanden ist. Wir brauchen die Wirkungsanalyse, um anderen Grenzregionen zeigen zu können, welches die wichtigen Impulse waren, welche Entscheidungen eine Veränderung in den Verwaltungsstrukturen oder den grenzüberschreitenden Planungskulturen bewirkt haben, sodass andere aus unseren Fehlern und Erfolgen lernen können.


Die IBA Basel sollte 2020 enden. Nun wird sie im Prinzip verlängert. Können Sie sich das finanziell leisten?

Der politische Lenkungsausschuss hat zwar die Budgetverschiebung von September ins Jahr 2021 genehmigt. Doch um das Budget einzuhalten, mussten wir den geplanten Fachkongress absagen. Das ist ein harter Schnitt, denn diese Art des fachlichen Austauschs ist besonders wertvoll. Wir möchten nun während der Expo themenbezogene Führungen und IBA-Days durchführen, die der Fachöffentlichkeit gewidmet sind. Mehr können wir auch aus personellen Ressourcengründen nicht leisten.


Der Titel der Expo lautet «Grenzen überschreiten». Warum haben Sie das Motto geändert?

Gemeinsam über Grenzen wachsen, das haben wir während zehn Jahren mit der IBA Basel angestrebt. Mit der Schlusspräsentation zeigen wir, wie man diese Grenzen überschreitet. Zugleich ist es eine Einladung an die Fachöffentlichkeit und die Bevölkerung, die Grenzen zu überschreiten und die Region zu entdecken.