Vier Pioniere
Auch wenn Photovoltaik sich in Siedlungen etabliert hat und weltweit gesehen riesige Solarfelder keine grosse Besonderheit mehr darstellen – die vier derzeit im Bau befindlichen Schweizer Anlagen im Gebirge kann man als Pionierleistung einordnen. Die erste Anlage, die Strom ins Netz lieferte und dabei die Erwartungen bereits übertraf, war Madrisa Solar.
Die Madrisa im Prättigau GR kennen vor allem Skifahrer. Nicht unbedingt den Gipfel selbst, aber das Skigebiet ist ein Begriff. Von Klosters bringt die Madrisa-Bergbahn die Gäste zur 1884 m hoch gelegenen Bergstation, von wo sie sich bis auf 2617 m Höhe weiter befördern lassen und auf die Pisten verteilen können.
Die Dächer und teilweise die Fassaden der Bahngebäude sind mit Photovoltaikmodulen bestückt, was der Wirtschaftlichkeit der Bergbahnen und dem ökologischen Gewissen der Gäste zugute kommt. Etwa 440 MWh werden so jährlich generiert. Nun entsteht am Rand des Skigebiets, etwas oberhalb der Bergstation, die alpine Photovoltaikanlage Madrisa Solar, an der die Bergbahnen ein gewichtiges Interesse haben. Werben sie doch mit 100 % Solarstrom für ihren Bahnbetrieb. Bauherrin ist die Madrisa Solar AG, an der die Gemeinde Klosters, Repower und die EKZ gleichen Anteil haben.
Ausgerichtete Tische
Auf einer Fläche von 150 000 m2 verteilen sich etwa 3170 stählerne Solartische mit einer Höhe bis zu 5.6 m. Bestückt werden sie mit ungefähr 20 000 Solarmodulen, von denen jedes eine Spitzenleistung von 580 Wp aufweist. Dies wird eine installierte Leistung von 11 MWp ergeben, was eine jährliche Stromproduktion von 17 GWh nach sich zieht. Über 40 % davon fallen in das Winterhalbjahr zwischen 1. Oktober und 31. März. Die erste Netzeinspeisung – sie erfolgte wie vom Solarexpress gefordert spätestens am 31.12.2025 – war erfolgreich. Die Anlage übertraf die prognostizierten Erwartungen.
Die verwendeten bifazialen Solarmodule sind mit dickerem Glas, stärkeren Busbars und robusteren Rahmen speziell für alpine Gegenden ausgelegt. Sie sind zwar teurer als Standardprodukte, bei alpinen Solaranlagen ergibt dies aber Sinn. Da die Konstruktion der Solarfelder an sich schon sehr teuer ist, fallen die Mehrkosten der Module, die zu höherer Zuverlässigkeit führen, weniger ins Gewicht.
Je drei Solartische mit je sechs Solarmodulen sind zu einem String zusammengehängt. Dies bedingt, dass die Tische in einem möglichst gleichen Winkel zur Sonne ausgerichtet sind. Käme es hier zu Abweichungen, hätte dies einen sogenannten Mismatch zur Folge: Das schwächste Modul bestimmt die abgegebene Strommenge, besser ausgerichtete Module würden nicht ausgelastet werden.
Daher ist die Ausrichtung der Tische eine nicht zu unterschätzende Angelegenheit, die einer recht hohen Präzision bedarf. Schon die Bohrungen der Verankerungen müssen sehr genau ausgeführt werden. Bei Madrisa Solar kommen primär Handlafetten, ergänzt mit Schreitbaggern, zum Einsatz.
Gemäss Projektleiter Jonathan Beyli von EKZ sind Handbohrungen aufgrund des geringeren Gewichts untergrundschonender. Die beiden vorderen Beine der Tische lagern auf zwei stählernen Kugeln. Dadurch lassen sie sich genau positionieren. An den beiden hinteren Füssen ist eine Höhenverstellung mittels Schrauben möglich, um den Winkel zur Sonne exakt ausrichten zu können.
LKW, Kran und Heli
Madrisa Solar profitiert von der Nähe des Skigebiets. Die Anlieferung des benötigten Materials erfolgt über LKW bis zum Installationsplatz direkt am Solarfeld. Dies spart erheblich Kosten. Nur die letzten Meter kommt der Helikopter zum Einsatz. Er setzt die Solartische ab. Sind diese montiert, werden die Rahmen mit den Solarmodulen daran befestigt. Die Flüge werden nach Möglichkeit nur vormittags durchgeführt, was dem Lärmschutz zugute kommt.
Durchschnittlich acht Lastwagenfahrten täglich fallen für den Materialtransport an. Aufgrund des begrenzten Installationsplatzes werden die Elemente möglichst just-in-time verbaut. Über das Skigebiet erfolgt auch die Einspeisung des Stroms ins Netz. In einem kleinen Anbau an der Talstation der Schaffürggeli-Sesselbahn ist der Anschluss untergebracht. Hier fliesst bereits Wechselstrom, da die Wechselrichter in sechs Trafohäusern direkt am Solarfeld untergebracht sind.
Grüne Baustelle
Wer bei Madrisa Solar grossräumige Zerstörung der Flora erwartet, dürfte überrascht sein. Selbstverständlich sieht man Eingriffe, vor allem dort, wo Maschinen zum Einsatz kommen, etwa bei den Kabelkanälen. Bedingt durch die Konstruktion – die Tische stehen ja nur auf vier Beinen – bleibt aber der Bewuchs auf grossen Teilen der Baustelle erhalten und wird wenig beeinträchtigt. Auf weiten Flächen wachsen Alpenrosen; die Hänge sind auch Kreuzottergebiet.
Sollte die Anlage einmal ausser Betrieb gehen – die Politik geht von 60 Jahren aus – wird sie komplett rückgebaut. Dies war schon eine Auflage des Solarexpress. Bis dahin werden die Solarmodule aber einmal ersetzt werden. Nach rund 30 Jahren erfolgt ein Repowering der Anlage. Wahrscheinlich gibt es bis dahin noch bedeutend effizientere Paneele.
Und die Landschaft?
Dass grossflächige Anlagen das Landschaftsbild verändern, liegt in der Natur der Sache. Lawinenverbauungen können ebenfalls grosse Dimensionen erreichen, möchte man aber auf sie verzichten?
Die Konstruktion alpiner Solarfelder ist sogar an die von Lawinenbauten angelehnt. Die Solartische werden von Büros gerechnet, die mit den Bauten im Naturgefahrenbereich Erfahrung haben. Der Stahl bleibt unbehandelt. Auf eine Verzinkung wird verzichtet. Rost wird zugelassen, die sich entwickelnden Brauntöne stechen aus der Umgebung weniger hervor. Unsichtbar werden die Anlagen dadurch natürlich nicht, aber ihre Integration in die Landschaft wird erleichtert. Bei Madrisa Solar schliesst das Solarfeld nach unten an den Schutzwald an. Dies erleichtert die Einpassung ebenfalls.
Die oft angeführten immensen Dimensionen der Anlagen relativieren sich im alpinen Raum. Luftbilder von Drohnen täuschen gerne. Nur ein Bruchteil der Bevölkerung hat eine solche Perspektive. Der alpine Normaltourist und wohl auch die Bewohner der Gegend schauen aus völlig anderen Perspektiven auf die Anlagen. Steigt man nur wenige Höhenmeter hinauf, weitet sich der Horizont zwangsläufig.
Im weiten Gesichtsfeld nehmen alpine Solarfelder einen verschwindend geringen Anteil ein. Und die Farbtöne harmonieren nicht schlecht mit den Schuttfeldern und Matten ringsherum.
Ob man die Anlagen nun ästhetisch oder verstörend empfindet, ob sie einem gleichgültig sind oder man sich an ihnen aufreibt: Sie produzieren klimafreundlichen lokalen Strom für unsere energiehungrige Gesellschaft – im Gegensatz zu anderen Methoden ohne grössere Folgeschäden.
Das Einzige, was um Tschernobyl herum noch intakt ist, ist die Landschaft. Nur kann man sie dort nicht mehr nutzen. Ist es da nicht besser, einen geringen Teil der Landschaft zu nutzen, damit das Ganze lebenswert bleibt?
Sehen Sie auch die weiteren drei Pionieranlagen weiter unten im Anschluss.
Madrisa Solar, Klosters
Bauherrschaft
Madrisa Solar (Gemeinde Klosters, EKZ, Repower)
Projektleitung Bauherrschaft
Repower, EKZ
Generalplanung und Gesamtleitung
Fanzun, Chur
DC-Elektroplanung
Amstein + Walthert, Zürich
NS-Elektroplanung
Amstein + Walthert, Zürich
Fachplanung Solartische
Zendra, Chur
Umweltbaubegleitung
Concepta, Davos
Geologie
SC + H Sieber Cassina + Handke, Chur
Logistik, Tiefbau, Verankerung, Solartischmontage
Bauunternehmung Vetsch Klosters, Klosters
Stahlbau Solartische
Jörimann Stahl, Bonaduz
PV-Module, DC-Elektrik, Installation
Planeco, Münchenstein (BL)
Stahlbau Trafostationen
Terno Stahlbau, Küblis
NS-Elektroinstallation
EKZ Eltop, Davos
Gebäudeautomation
SF elektro-engineering, Flums (SG)
Mittelspannung Netzanschluss
Repower, Poschiavo und Küblis
Anlagenleistung
11 MWp
Jahresproduktion
ca. 17 GWh, Winteranteil über 40 %
Modultische
ca. 3170
PV-Module
ca. 20 000
Beanspruchte Fläche
15 ha
Investitionsvolumen
ca. 70 Mio. Fr.
Alpine-PV Sidenplangg
Oberhalb von Spiringen UR, an der Südflanke des Gamperstocks, entsteht die erste alpine Photovoltaikanlage der Zentralschweiz. Vorhandene Lawinenverbauungen prägen das Gelände, eine Erschliessungsstrasse gab es bereits und die Energieeinspeisung konnte über eine Trafostation neben dem Skigebiet Ratzi erfolgen. Der erzeugte Strom wird unter anderem von der Stadt Winterthur abgenommen, deren Stadtwerke auch an der aventron beteiligt sind. Seit Ende 2025 sind über 10 % der Anlage bereits am Netz. Bis Ende 2028 ist der Bau abgeschlossen.
Alpine-PV Sidenplangg, Spiringen UR
Bauherrschaft
APV Sidenplangg
(aventron, Münchenstein;
energieUri, Altdorf)
Gesamtprojektleitung
energieURI, Altdorf
Ausführungsplanung
Zendra, Chur
Elektroplanung
Brüniger, Chur
Bauingenieur
IUB Engineering, Bern
Stahlbau
Jörimann Stahl, Bonaduz
Umweltbaubegleitung
B+S, Bern
Naturgefahren
CSD Ingenieure, Chur
Unternehmung
Porr Suisse, Altdorf
Anlagenleistung
8.04 MWp
Jahresproduktion
ca. 12 500 000 kWh, Winteranteil ca. 48 %,
Strom für ca. 2600 Haushalte
Modultische
2310
PV-Module
13 860
Beanspruchte Fläche
10.7 ha
Trafostationen
2
Investitionsvolumen
ca. 40 Mio. Fr.
Sedrun Solar
Die erste ist zugleich auch die grösste alpine Photovoltaikanlage der Schweiz. Sedrun Solar entsteht oberhalb von Tschamut GR. Am Südhang bestehen bereits Lawinenverbauungen, die Skiarena Andermatt Sedrun ist in unmittelbarer Umgebung des Solarfelds. Über das Skigebiet erfolgt auch die Netzeinspeisung. Die Transformatorenstation Milez liegt an der Bergstation des Skilifts Milez Flyer.
Sedrun Solar, Sedrun
Bauherrschaft
Sedrun Solar (Energia Alpina, aventron solar)
Ausführungsplanung
Zendra, Chur
Gesamtprojektleitung
Provisio, Altdorf
Elektroplanung
Brüniger + Co, Chur
Bauingenieur
IPZ Ingenieure + Planer, Disentis
Stahlbau
Jörimann Stahl, Bonaduz
Umweltbaubegleitung
Umweltbüro Monn, Camischolas
Naturgefahren
Geotest, Davos
Unternehmungen
Strabag, Disentis;
Crestageo, Chur;
Loretz, Sedrun
Weitere Beteiligte
Solarmarkt, Aarau
Anlagenleistung
19.3 MWp
Jahresproduktion
29.1 GWh, Winteranteil 47 %, Strom für ca. 6500 Haushalte
Modultische
5700
PV-Module
34 200
Beanspruchte Fläche
33 ha
Investitionsvolumen
ca. 87 Mio. Fr.
NalpSolar
Mit dem Stausee Lai da Nalps wurde das Val Nalps bereits zuvor zur Stromproduktion genutzt. Insbesondere die Nähe zur Wasserkraftwerksinfrastruktur mit der vorhandenen Zufahrtsstrasse sind wesentliche Vorzüge des Standorts. Die SBB konnten als Bezüger des erneuerbaren Stroms gewonnen werden.
NalpSolar, Tujetsch GR
Bauherrschaft
axpo, Baden
Gesamtplanung
Basler & Hofmann, Zürch
Ausührungsplanung
ILF, Zürich; Amstein + Walthert, Zürich
Umweltbaubegleitung
umwelt3, Rothenthurm
Naturgefahren
geoformer igp, Brig-Glis
Unternehmungen
Strabag, Disentis
Anlagenleistung
8 MWp
Jahresproduktion
11 GWh, Winteranteil ca. 40 %, Strom für ca. 2000 Haushalte
Modultische
ca. 1300 Tische
PV-Module
ca. 13 000
Beanspruchte Fläche
ca. 10 ha
Investitionsvolumen
ca. 50 Mio. Fr.