Es geht also doch: Mit Bes­tand­se­rhalt zum Sieg

Neu- und Umbau Areal Ackersteinstrasse, Zürich

An der Grenze zwischen den Stadtzürcher Quartieren Wipkingen und Höngg will die Anlagestiftung Pensimo eine Wohnsiedlung aus den 1950er-Jahren nachverdichten. Das Resultat des Studienauftrags zeigt, dass der (Teil-)Erhalt bestehender Bauten in komplexen Situationen Vorteile haben kann.

Date de publication
10-06-2026
Daniela Meyer
Architektin ETH, freischaffende Journalistin und Texterin

Studienaufträge, bei denen die Frage nach dem Bestandserhalt den beteiligten Teams überlassen wird, stellen diese vor eine schwierige Entscheidung. An Ideen, bestehende Bauten zu transformieren, fehlt es ihnen nicht. Doch allzu oft blieben Beiträge, bei denen der Bestand miteinbezogen wurde, in der Vergangenheit chancenlos, weil ökonomische Interessen überwogen. Beim Studienauftrag für das Areal Ackersteinstrasse in Zürich zeigt sich für einmal ein anderes Bild: Drei der acht teilnehmenden Teams schlugen vor, zwei der sechs vorhandenen Häuser zu erhalten. Gleich zwei Teams schafften es mit diesem Vorschlag in die Endrunde, darunter das Projekt «Leben am Limmathang» von Solanellas Van Noten Meister (SVNM), das von der Jury einstimmig zur Weiterbearbeitung empfohlen wurde.

Bestandserhalt unterstützt Integration in die Umgebung

Der Juryentscheid ist eng mit der Lage und der Topografie der Siedlung verknüpft. An der Grenze zwischen Wipkingen und Höngg gelegen, teilt eine Eisenbahnbrücke das Areal entzwei, bevor die Züge im Hang verschwinden. Dabei steigt das Terrain westlich des Tunnelportals besonders stark an. Würden die dortigen Häuser durch einen Neubau ersetzt, der länger als zwölf Meter ist, müsste dieser aufgrund des Mehrlängenzuschlags näher an die Hangkante gerückt werden. Das Baugesetz allein war aber nicht der Grund, warum sich SVNM für den Bestandserhalt entschieden. «Für uns war der Erhalt wichtig, damit es gelingt, die Geschichte des Orts fortzuschreiben und einen weichen Übergang zwischen dem dörflicheren Höngg und dem urbaneren Wipkingen zu schaffen», erklärt Marianne Meister. Dennoch wog ihr Team sorgfältig ab, ob damit genügend Vorteile einhergehen. Denn die maximale Ausnützung erreicht «Leben am Limmathang» nicht; sie liegt im Vergleich mit der Konkurrenz im Mittelfeld. «Uns war klar, dass die Wohnungen im Bestand attraktiv sein müssen, wenn wir diesen erhalten wollen», ergänzt Àngel Solanellas. So stocken die Architekten die beiden Häuser nicht nur auf, sondern lagern ihnen eine neue Raumschicht vor, die gut belichtete Küchen und grosszügige Balkone enthält.

Auf der östlichen Arealhälfte entstehen zwei unterschiedliche neue Typologien: An der Breitensteinstrasse führt das fast hundert Meter lange «Limmathaus» den urbanen Massstab des benachbarten Wohnhauses aus den 1990er-Jahren weiter. An der Ackersteinstrasse stehen die beiden «Hönggerhäuser», deren Fussabdruck den Zeilenbauten des Bestands gleicht. «Nicht nur die Integration in die Körnung der Umgebung war uns wichtig», erläutert Solanellas. «Die Siedlung soll sich auch in die Dachlandschaft am Hang einfügen.» Im Süden, wo die Häuser aufgrund der Hanglage höher in Erscheinung treten, setzen die Schrägdächer weiter unten an als im Norden und gliedern die Ansicht in der Vertikalen. Zwischen den Häusern dehnt sich ein langer Grünraum aus – auch damit knüpft die Siedlung an die Umgebung an.

Den Schlussbericht und weitere Details finden Sie auf competitions.espazium.ch

Hindernisfreie Erschliessung führt durch Wohnhäuser

Die grösste Herausforderung lag darin, alle 135 Wohnungen hindernisfrei zu erschliessen. Marianne Meister erinnert sich noch gut an die Frage, die die Jury im Rahmen der Schlusspräsentation stellte: Wie gelange ich mit meinem Velo von der Limmat zu einer Wohnung ganz oben an der Ackersteinstrasse? Um die rund zwanzig Höhenmeter zu überwinden, führt der Weg einerseits über leicht geneigte Rampen im Aussenraum, andererseits mittels Lifte durch die Erschliessungskerne der Wohnhäuser. Ob dieses Zusammenspiel von horizontalen und vertikalen Verbindungen im Alltag funktionieren wird, hängt davon ab, ob die Siedlung dereinst tatsächlich so durchlässig gestaltet sein wird, wie sie sich die Architekturschaffenden heute vorstellen. «Eine in die Gebäude integrierte Lösung erschien uns an diesem Ort richtig», so Meister. «Wir wollten im Aussenraum keine grossen Gesten wie Brücken kreieren; markante Infrastrukturbauten finden sich bereits genügend in der Umgebung.»

Re-Use-Bauteile unterstützen Identitätsfortschreibung und Emissionsziele

Entlang dem durch die Eisenbahn verursachten Einschnitt im Terrain entstehen zwei baumbestandene Grünstreifen. Über der Tunneleinfahrt, wo es ohnehin laut ist, findet sich der öffentlichste Ort der neuen Siedlung: ein urbaner Quartierplatz mit Aussicht über die Limmat und die Stadt. Aus der Metallkonstruktion, woraus die heutigen Wohnungseingänge bestehen, wird ein ikonischer Pavillon gebaut, der einen Gemeinschaftsraum enthält und die Identität des Orts fortschreibt.

Auch anderswo schlagen SNVM die Wiederverwendung von Bauteilen vor: Die bisherigen Dachziegel kleiden die Stirnfassaden der Neubauten ein, die Dachsparren formen über den gemeinsam genutzten Dachterrassen ein offenes Raumgerüst. Um den Aushub zu minimieren, sind die Untergeschosse möglichst klein gestaltet. Die Waschküchen finden sich in den Dachgeschossen, die Reduits sind Teil der Wohnungen. Dank dieser Massnahmen sowie dem Bestandserhalt und einem moderaten Fensteranteil erreichte das Projekt die tiefsten Erstellungsemissionen aller Teilnehmenden.

Offen formuliertes Raumprogramm

Weniger Mühe als die städtebauliche Setzung, die hindernisfreie Erschliessung am Hang oder die Reduktion der Emissionen bereitete den Teams der Entwurf vielfältiger Wohntypologien. Aufgrund der komplexen Ausgangslage verzichtete die Auftraggeberin auf Vorgaben zu Wohnungsmix und Raumgrössen. Einzig einen durchschnittlichen Wohnflächenverbrauch von maximal 35 m2 pro Kopf galt es anzustreben. Dieser Gestaltungsfreiraum ermunterte SVNM, vertieft über das Wohnen an diesem Ort nachzudenken. Wohin orientieren sich die einzelnen Häuser und zu welcher Seite leben die Menschen darin? Wie kommt man in einer Wohnung an und wohin blickt man dabei? «Die Wohnungen richten sich an Menschen jeden Alters und eignen sich für verschiedene Lebens- und Wohnformen», hält Meister das selbstgesteckte Ziel fest. Dazu zählen urbane Lofts, ineinander verschränkte Maisonette- oder grosszügige Familienwohnungen. Gemeinsam ist ihnen eine flexible Nutzung und ein starker Bezug zum Aussenraum. «Wir können uns vorstellen, in jeder dieser Wohnungen zu leben», so Àngel Solanellas. Er ist überzeugt: «Wenn du eine Wohnung entwirfst, musst du sie selbst mögen.» Diese Maxime hat Solanellas Van Noten Meister auch auf die zwei bestehenden Häuser angewendet. So bringen diese nicht nur städtebauliche Vorteile mit sich, sondern enthalten nach dem Umbau attraktive Wohnungen, die den Vergleich mit den Neubauten nicht scheuen müssen.

Neu- und Umbau Areal Ackersteinstrasse, Zürich

 

Studienauftrag im Einladungsverfahren

 

Empfehlung zur Weiterbearbeitung

Solanellas Van Noten Meister Architekten GmbH, Zürich; BÖE GmbH, Zürich; Atlas Tragwerke AG, Zürich; Timbatec Holzbauingenieure Schweiz AG, Zürich

 

Weitere Teams der Endrunde

Neff Neumann Architekten AG, Zürich; Balliana Schubert Lanschaftsarchitekten AG, Zürich; Synaxis AG, Zürich; Wichser Akustik + Bauphysik AG, Zürich; BB&A Buri Bauphysik & Akustik AG, Volketswil

 

sowie

 

Stereo Architektur GmbH, Zürich; KOLB Landschaftsarchitektur GmbH, Zürich; Schnetzer Puskas Ingenieure AG, Basel; Durable Planung und Beratung GmbH, Zürich; Brandschutzwerkstatt GmbH, Rorschach

 

Fachjury

Anouk Kuitenbrouwer, Architektin, Zürich; Stefan Oeschger, Architekt, Zürich; Christian Salewski, Architekt, Zürich (Moderation); Lukas Schweingruber, Landschaftsarchitekt, Zürich; Lenita Weber, Projektleiterin Architektur, Amt für Städte­bau, Zürich (Werkstattgespräch); Ania Tschenett, Stv. Leiterin Architektur, Amt für Städtebau, Zürich (Schlussbeurteilung, Ersatz)

 

Sachjury

Ana Alberati, Mandatsleiterin Anlagestiftung Pensimo, Zürich; Daniela Häni, Bauherrenver­treterin/Projektleiterin, Pensimo, Zürich; Birgit Hattenkofer, Leiterin Entwicklung und Akquisition, Pensimo, Zürich; Sara Luzón, Leiterin Development & Construction Management, Pensimo, Zürich

 

#NextGen@Pensimo

Desiree Amport; Carina Wiher

 

Auftraggeberin

Anlagestiftung Pensimo, Zürich

 

Verfahrensbegleitung

SHIFT Integrale Entwicklung AG, Zürich

Sur ce sujet