Na­ch­hal­tig­keit im Ar­chi­tek­tur­cur­ri­cu­lum

Weltweit befindet sich die Lehre an Architekturschulen aus gutem Grund im Umbruch. Forschung an der ETH Zürich zeigt, dass ökologische Nachhaltigkeit in Architekturcurricula keineswegs neu ist, welche historischen Trends prägend waren und warum Klimakurse als alleinige Massnahme zu kurz greifen.

Date de publication
02-04-2026
Fabian Kastner
Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Post Doc am Lehrstuhl für Konstruktionserbe und Denkmalpflege und dem NCCR dfab (National Centre of Compentence in Research, Digital Fabrication)

Mit dem Ziel das klimafreundliche und ressourcenschonende (Um)bauen zu befördern, finden seit einiger Zeit weitreichende Revisionen der Architekturcurricula statt. Die Bandbreite an Massnahmen reicht von Klimakursen an der Universitat Politècnica de Catalunya bis hin zu Komplettrevisionen von Bachelorcurricula an der ETH Zürich. 

Auch neue Climate-Literacy-Angeboten an RIBA-akkreditierten Hochschulen, das Kernfach Nachhaltigkeit in Bachelorcurricula und neu geschaffene Stellen wie die des Vizepräsidenten für «Responsible Transformation» an der EPFL widerspiegeln diese Entwicklung. 

Angesichts des massgeblichen Ressourcenverbrauchs und der Klimaauswirkungen des Bausektors ist eine reflektierte Praxis mit der gebauten Umwelt auch dringender denn je. Hochschulen bereiten im besten Fall angemessen darauf vor. 

Neu ist das Thema der ökologischen Nachhaltigkeit jedoch keineswegs – weder in der Architektur noch in der Hochschullehre. Doch welche Trends und Events waren prägend für die Etablierung des Themas an den Hochschulen und inwieweit kann uns das Wissen über die historischen Entwicklungen bei aktuellen Herausforderungen behilflich sein? Eines vorweg: In der Architekturlehre greifen Klimakurse zu kurz und können bestenfalls als Grundlage dienen. 

Langfristige Trends: das Beispiel der ETH Zürich

Trotz vieler neuer Kurse gab es bisher kaum wissenschaftliche Studien über längerfristige Trends zum Thema Nachhaltigkeit in der Architekturlehre. Basierend auf einer Fallstudie der ETH Zürich und mithilfe einer Fülle von Materialien wie Lehrplänen und Kursdokumentationen konnten wir 2023 in einer Studie entscheidende Trends identifizieren.1 

Die 1855 gegründete ETH Zürich ist heute mit über 26000 Studierenden aus 120 Ländern, 6581 wissenschaftlichen Mitarbeitenden und 528 Professorinnen und Professoren eine der führenden Bildungsinstitutionen weltweit. Ein Blick zurück in ihre Geschichte zeigt, dass Schlüsselfiguren in der Architektur anfänglich von einem internationalen Blick auf andere Disziplinen profitierten.

Phase 0: Die Anfänge

Im Jahr 1975 wurde im Hauptgebäude der ETH Zürich eine Ausstellung mit dem Titel «umdenken–umschwenken» gezeigt, in der einer breiteren Öffentlichkeit eine kritische Perspektive auf die ökologische Dimension des Bauens vorgestellt wurde. Bereits zwei Jahre davor hielt Dennis L. Meadows, Systemtheoretiker, einen Vortrag über Ressourcendynamiken. Er war Co-Autor der Studie «Limits to Growth» des Club of Rome, die parallel zur Ölkrise in den 1970er-Jahren zu globalen Diskussionen über Ressourcenknappheit führte. 

Seine Forschungsarbeit stiess besonders im Department Architektur auf Interesse. Werner Jaray, von 1967 bis 1985 ETH-Professor für Architektur und Entwurf, veranstaltete schon 1972 eine erste Seminarwoche zum Thema «Limits to Growth». Während seiner Wirkungszeit an der ETH Zürich sollte er Lehrveranstaltungen wie «Oekologie und Planung» oder «Gebäude und Oekologie» anbieten. 

Konrad Osterwalder, ehemaliger Rektor der ETH Zürich, betitelte Jaray posthum als einen Pionier in der Förderung von nachhaltigem Denken in der Architekturlehre. Dieser Teil seiner Biografie scheint heute allerdings fast in Vergessenheit geraten.

Phase 1: Von der Hygiene zur Thermodynamik

Doch langjährig erfolgreiche Kursangebote gerieten leider wieder in Vergessenheit. Die Gründe reichen von personellen Veränderungen bis hin zur Etablierung neuer Themenschwerpunkte. Eine erste wichtige Themenverschiebung bildet dabei die Achse von der Physiologie und Hygiene zur Thermodynamik. 

Étienne Grandjean, Professor für Hygiene und Arbeitsphysiologie, verfolgte bereits in den 1960er-Jahren das Ziel, die Umwelthygiene in die Architekturcurricula zu bringen, was ihm auch langfristig gelingen sollte. Kurse wie «Bauhygiene» und «Stadthygiene» wurden zu Fixpunkten des Architekturcurriculums der 1960er- und 70er-Jahre. Ab den späten 1980er-Jahren kam es dann allerdings zu einer Ablösung von diesen Ansätzen und zur Einführung von Kursen aus der Perspektive der Bauphysik und Gebäudetechnik, die den vermehrt aufkommenden Begriff der Ökologie neu ausrichteten. 

Massgeblich verantwortlich dafür war Bruno Keller, Professor für Bauphysik von 1991 bis 2007, der in den 1990er-Jahren das Thema des (grauen) Energiegehalts von Baumaterialien in die Diskussion einbrachte.2 Basierend auf dieser Verschiebung war die Nachhaltigkeit wieder in der Hand der Architektur und erlaubte fortan ihre Weiterentwicklung anhand vielfältiger Achsen: Low- vs. Hightech, Baumaterialien vs. Stadtplanung, Energie- vs. Ressourceneffizienz, quantitative vs. qualitative Bewertungen.

Phase 2: Betrieb und Bestand

Nachdem sich das Nachhaltigkeitsthema in die Architektur verschoben hatte, spielten bei gelungenen Kursangeboten vor allem soziale Faktoren eine Rolle: akademische Netzwerke, Didaktik sowie inter- und transdisziplinäre Kooperationen. 

eispielhaft kann das mit einer weiteren Verschiebung des Themas von der Gebäudetechnik in das Feld der Denkmalpflege gezeigt werden: Noch bis 2005 bot Klaus Daniels, Professor für Gebäudetechnik von 1991 bis 2005, das MAS-Programm «Umgang mit natürlichen Ressourcen beim Bauen» aus der Perspektive der Gebäudetechnik an. 

Darauffolgend leitete Niklaus Kohler von 2007 bis 2013 an der ETH-Professur für Denkmalpflege und Bauforschung von Uta Hassler – basierend auf einem progressiven Verständnis von Denkmalpflege und gezielten (Praxis-)Kooperationen – das MAS-Programm «Sustainable Management of Man-Made Resources». Dieser neue Ansatz spiegelt ein Verständnis dafür wider, dass sich nun Theorie und Praxis an architektonischen Anforderungen statt an akademischen Disziplinen orientieren sollten. 

Er folgt damit der von Donald Schön geprägten reflexiven Praxis3, die nicht akademische Silos, sondern eine systemische, problemorientierte Haltung propagiert. Ansätze für eine verstärkte Verschränkung von architektonischer Theorie und Praxis sind seither an vielen Architekturschulen virulent.

Ein Blick in die Vergangenheit lohnt sich. Denn viele Kurskonzepte sind bereits erprobt und könnten in die Entwicklung aktueller oder zukünftiger Kurse einfliessen. Es gibt keinen Grund, immer wieder bei null zu beginnen. Institutionell bleiben Fragen zum Wissensmanagement relevant, denen aber mit kollaborativ erarbeiteten Programmen begegnet werden kann. 

Die aktuelle Strategie des Departements Architektur zur Neuausrichtung des Architekturcurriculums an der ETH zeigt, dass Klima und Baubestand klar im Fokus stehen – zwei von fünf Kernbereichen lauten «Answering the Challenges of Climate Change» und «Making the Past Productive». Es scheint, als hätte nun Phase 3 begonnen, in der das Wissen über den Baubestand, seinen Wert und seine Bedeutung für eine nachhaltige Entwicklung der gebauten Umwelt einen neuen Höhepunkt erreicht.
 

1. Fabian Kastner, Silke Langenberg, «Transition in Architecture Education? Exploring Socio-Technical Factors of Curricular Changes for a Sustainable Built Environment.» in: Sustainability, Band 15, Heft 22, 15.11.2023, S. 15949–15980.

 

2. Besprochen wurde das Thema im Kurs «Technology of Construction Materials»Massgeblich ermöglicht hat diese Diskussionen das Institut für Energietechnik in den 1980er-Jahren unter der Leitung von Peter Suter. Dort entstand aus einem Forschungsprojekt ein Ökobilanz-Inventar (LCI) für Energiesysteme: ecoinvent. Diese Datenbank bildet heute für die allermeisten quantitativen Bewertungen der ökologischen Nachhaltigkeit von Bauprojekten in der Schweiz die Grundlage.

 

3. Donald Schön war Philosoph und Stadtplaner am Massachusetts Institute of Technology MIT (USA).

 

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