Wenn Ar­chi­tek­tur Farbe be­kennt

Das Gewerbemuseum Winterthur zeigt die Ausstellung «Farben der Architektur». In acht Stationen untersucht die renommierte Designinstitution, wie Farbe als funktionale, soziale und gestalterische Kraft wirksam wird.

Date de publication
09-02-2026

Von Graublau über Hellgelb bis zu Siena und warmem Orange: Das Licht, das im Lauf eines Tages über die Granitfassade des Schlosses zieht, wandelt sich stetig – und mit ihm die Wahrnehmung des Gebäudes auf der südfranzösischen Domaine de Boisbuchet. Ein Zeitraffervideo, das einen Sommertag vom ersten Licht bis zur Dämmerung nachzeichnet, bildet den atmosphärischen Auftakt der Ausstellung «Die Farben der Architektur» im Gewerbemuseum Winterthur. 

Auf Initiative von Alexander von Vegesack, dem ehemaligen Direktor des Vitra Design Museums, entstand Ende der 1980er-Jahre die Domaine de Boisbuchet: Das 150 ha grosse Anwesen mit historischem Schloss und mehreren Nebengebäuden hat sich seither zu einem internationalen Ort des Austauschs für Design und Architektur entwickelt. 

Jedes Jahr kommen Architektinnen und Designer aus aller Welt für einwöchige Sommerworkshops zusammen. Dann wird die Domaine zu einer offenen Werkstatt, in der Architektur und Design im Spannungsfeld von Landschaft, Material und Experiment erforscht werden. 

Mit «Farben der Architektur» entfaltet die Institution ihren Blick auf die regionale Farbpalette, geprägt von lokalen Gesteinen und Pigmenten. Die Ausstellung fragt nach der Bedeutung von Farbe in lokalen Bautraditionen und danach, wie sie heute Identität stiftet und Emotionen trägt. 

Sie blickt dabei weit zurück in die Vergangenheit. Denn nur rund 120 km südöstlich von Boisbuchet liegt die weltberühmte Höhle von Lascaux – wegen ihrer Malereien oft als die Sixtinische Kapelle der Steinzeit bezeichnet. Der seit 1963 geschlossene prähistorische Felsraum zeugt von den ältesten Überresten menschlicher Besiedlung. 

In einem abgedunkelten Raum kann man ein Faksimile aus dem steinzeitlichen Bildkosmos bestaunen. Für die gemalten oder geritzten Tiere nutzten die Menschen damals, was sie vorfanden – Manganoxide, Holzkohle und Eisenoxide wie Hämatit. 

Architektur im Farbkreis

Von der Steinzeit bis in die Gegenwart sind es hier nur wenige Schritte – auch räumlich. Auf einem Podest versammeln sich Steine, Ziegel, Metalle, Beton, Erden, Hölzer und Fliesen, allesamt aus der Region Nouvelle-Aquitaine, in der sich die Designinstitution befindet. Die vielfältigen Farbtöne der Materialien unterstreichen den Reichtum der lokalen Ressourcen. 

Wie sehr sie die ästhetische Identität der regionalen Architektur prägen, lässt sich an der Wand gegenüber ablesen: Ein Farbkreis ist umgeben von Fotos aus dem nahe Boisbuchet gelegenen Ort Confolens, einem Ort, der auf den ersten Blick unscheinbar wirkt, bei näherer Betrachtung jedoch eine überraschend reiche chromatische Palette offenbart. 

Gelbe Tore, braunes Fachwerk, gekalkte Wände, blaue Fensterläden, rote Dachziegel – eine Farbpalette, die durch Verwitterung und Oxidation noch reicher wird, Ocker und weiche Pastelltöne treffen auf die Patina auf den Steinoberflächen. 

Nach dieser aufschlussreichen Fallstudie zur Erforschung von Architektur und Farbe geht es in anderen Ausstellungsstationen unter anderem um Farben, die Botschaften senden. Die Einheit von Licht und Farbe macht unter anderem ein kunstfertiges Buntglasfenster des Ateliers Vitrail Saint-Joseph deutlich. Im sakralen Kontext als Kirchenfensterglas verändert es die Erscheinung des Raums je nach Lichteinfall. 

Farben können das psychologische und emotionale Wohlbefinden des Einzelnen nachhaltig beeinflussen. Diesen Ansatz, mit Farben zum Wohlbefinden beizutragen, nutzte schon Alvar Aalto im Sanatorium Paimio, in Winterthur repräsentiert durch eine Liege, ein Waschbassin und Fotos aus dem Treppenhaus des Baus. 

Im Wandel des Lichts

Fehlen darf in der Schau natürlich nicht der Blick in die Workshops der Domaine de Boisbuchet, wo Studierende und Forschende auch immer wieder die Anwendung von Farbe erkunden. So leitete die für ihren sinnlichen Umgang mit Licht, Farbe und Materialität bekannte Designerin Sabine Marcelis 2017 einen Sommerworkshop unter dem Motto «Exploring Light». 

Eines der Ergebnisse zeigt ein Foto: Eine Goldfolie bedeckt einen Teil der Schlossfassade und der Eingangstreppe – schimmernd, im Tageslicht changierend, das Licht reflektierend und der Fassade eine neue, eigenständige Präsenz verleihend.

Farben der Architektur: Die Domaine de Boisbuchet zu Gast. Noch bis 15. März 2026. www.gewerbemuseum.ch

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