Je­dem seine Tun­nel­bohr­ma­schine

Mit seiner Firma The Boring Company baut und betreibt Elon Musk Tunnels für vollautomatisierte Fahrzeuge. Die Idee vereint gleich mehrere aktuelle Mobilitätstrends.

Date de publication
19-11-2020

Alles begann mit Baseballkappen, einem Flammenwerfer und dazu passendem Feuerlöscher. Mittels dieser Mer­chandiseartikel kamen mehr als 11  Mio. US-Dollar an Kapital für The Boring Company zusammen. Die im kalifornischen Hawthorne auf dem Gelände von SpaceX ansässige und von Elon Musk gegründete Firma versteht sich selbst als Tunnel- und Infrastrukturtotal­unternehmung.

Ausgehend von einem kreisrunden Tunnelrohling mit 12 Fuss (3.66 m) Durchmesser bietet die Firma aktuell fünf Ausbaustandards feil: «bare» (kein Ausbau; «We build the tunnel, you put what you want in it»), «utility» (für Werkleitungen), «pedestrian» (für Fussgänger), «freight» (Frachttunnel) und «loop» (für vollautomatisiertes und autonomes Fahren). Als Dienstleistung erbringt The Boring Company die Planung, die Realisierung, die Umweltverträglichkeitsberichterstattung und sorgt sich ausserdem um alle erforderlichen Behördengänge. Der Kunde hat die Rolle des Bestellers.

Als Referenzen hat die Firma seit ihrer Gründung Ende 2016 bereits einen 1.14 Meilen (1.83 km) langen und 10 Mio. US-Dollar teuren Testtunnel in ihrer Heimatstadt in Eigenregie realisiert und baut zurzeit im Auftrag der örtlichen Behörden an einem zweiten Loopsystem für das Kongresszentrum in Las Vegas. Zudem befinden sich aktuell zwei weitere, von The Boring Company selbst finanzierte Loopprojekte in der Bewilligungsphase: der «Dugout Loop» in Los Angeles (Erschliessung des Dodger-Stadions) und der «East Coast Loop» zwischen Washington D.C. und Baltimore.

Zur Nutzung dieser Loopsysteme fährt man ganz einfach mit einem kompatiblen, vollautomatisierten Elektrofahrzeug (z. B. Tesla Model X und Model 3) zu einem Schachtbauwerk, lässt sich dort mit einem Lift in den Untergrund befördern (oder fährt je nachdem selbst eine Rampe hinunter), klappt die als optionales Zubehör erhältlichen «Stützräder» aus und fährt mit bis zu 200 oder noch mehr Stundenkilometern zum Zielschacht (www.boringcompany.com). Alternativ zum Individualverkehr beabsichtigt The Boring Company auch Systeme für den Massentransport und Hyper­loop-Systeme mit Geschwindigkeiten von bis zu 1000 km/h und Druckkabinen zur Beförderung zu entwickeln. Eine ­Anfrage für den nächsten Teilchenbe-schleuniger­tunnel am Cern hat Musk angeblich schon auf dem Tisch.

Bestechend an The Boring Company ist einerseits die unbekümmerte Her­angehensweise und andererseits die Verkörperung von vielen aktuellen Mobilitätstrends. Sei es die vertikale Verkehrsentflechtung, das automatisierte Fahren, die Elektromobilität oder die öffentlich-private Partnerschaft. Die Projekte verkörpern aber auch eine neue Rollenverteilung im Infrastrukturbau.

Was, wenn in der Schweiz plötzlich Private die traditionellen Aufgaben der öffentlichen Hand übernehmen und öffentliche Infrastrukturen finanzieren? Sind solche Modelle typisch für die Pionierphase in der Infrastrukturplanung (z. B. Gotthardtunnel)? Und haben wir im Untergrund überhaupt Platz dafür? Seit der kürzlich bundesrätlich verabschiedeten Botschaft für unterirdische Gütertransportanlagen und mit dem Projekt «Cargo sous terrain» in dem Startlöchern sind das längst keine hypothetischen Fragen mehr.

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