Von der Verän­de­rung zum Wan­del fin­den

Zukunftstagung 2017 am Monte Verità

Wer zukunftsfähig gestalten will, muss eine Idee von dieser Zukunft haben. Schon zum zweiten Mal lud der SIA daher Experten zur Tagung auf den Monte Verità bei Locarno ein. Das Thema: die ökonomischen, kulturellen und demografischen Entwicklungsperspektiven der Schweizer Alpen.

Date de publication
21-12-2017
Revision
21-12-2017

In seinem «Buch des Wandels» schreibt Matthias Horx, der bekannte deutsche Zukunftsforscher: «Mir ist wichtig, dass wir zwischen Wandel und blosser Veränderung unterscheiden. Veränderung ist ein externer Prozess, sie entsteht aus Zwängen, ökonomischen Prozessen oder technischen Trends, die ‹über uns kommen›. Diesen Prozessen können wir uns anpassen, aber das ist eine Zwangslösung, die uns weder glücklich macht noch wirklich weiterbringt. Spannend wird es erst, wenn wir selbst als Akteure und Gestalter auf den Plan treten. Echter Wandel beginnt dort, wo wir durch einen Prozess der freien Wahl uns selbst zu verändern beginnen.»

Die subtile Horx’sche Differenzierung zwischen Veränderung und Wandel trifft recht präzise die zentrale Erkenntnis der vom SIA am 25. und 26. September 2017 organisierten Zukunftstagung zum Thema «Auf unseren Höhen – der alpine Raum 2050» auf dem Monte Verità. Nämlich, dass die raumplanerische Veränderung in den Schweizer Alpen nur eine Chance hat, wenn sie zum Wandel wird, wenn sie also auch von den dort lebenden Menschen selbst ausgeht.

Zusammenzug in den Talschaften

Eingeleitet wurde die zweitägige Konferenz mit einem wunderbaren «Referats-Amuse-Bouche» Mario Bottas. Am Beispiel sechs seiner Bauten stand er für eine Architektur ein, die den Genius Loci und die Kultur der dort lebenden Menschen ergründet und ihnen eine raffinierte raum- und materialkompositorische Entsprechung zu geben sucht. Architektur sei dazu da, uns den Spiegel vorzuhalten, so Botta.

Daniel Müller-Jentsch von Avenir Suisse und Patrick Schnorf von WüestPartner befassten sich in ihren Präsentationen mit dem wirtschaftlichen, demografischen und siedlungsräumlichen Strukturwandel im Schweizer Berggebiet. Beide bestätigten, was seit einiger Zeit kaum mehr zu übersehen ist, nämlich eine klare Konzentrationstendenz in den Hauptorten der Talschaften. Diese geht auf Kosten der kleineren und besonders der ganz kleinen Gemeinden in den jeweiligen Seitentälern und höher gelegenen Regionen. Gemäss Schnorf sind die grossen (> 2250 Einwohner) bis eher grossen (1300 bis 2250 Einwohner), meist in den Talböden gelegenen Gemeinden seit 1980 um rund 35 % gewachsen. Die höher gelegenen Dörfer und Weiler (≤ 200 Einwohner) sind im gleichen Zeitraum um annähernd 10 % geschrumpft.

Die letzten Zweifel an der zunehmenden Konzentration in den Talschaften räumten Damian Jerien, Leiter Amt für Raumentwicklungv im Kanton Wallis, sowie dessen Pendant aus dem Kanton Graubünden, Richard Atzmüller, aus – mit Anschauungsmaterial aus dem ­Rhone- respektive dem Alpenrheintal. Die Gründe dieser Dynamik ­seien vielfältig. Die grösste Sogwirkung geht gemäss Müller-Jentsch von der hohen Konzentration von Unternehmen und mit diesen von Arbeitsplätzen in den Talböden aus.

Auch der Klimawandel zeitige inzwischen Konsequenzen, wie David Bresch, Professor und Klimatologe an der ETH Zürich, darlegte. Der Rückgang der Gletscher habe eine Druckentlastung der dar­unterliegenden Böden und Felsen zur Folge, womit sich das Risiko von Murgängen erhöhe. Lawinenverbauungen, die heute noch in Permafrostböden stehen, können ihren stabilen Untergrund verlieren. Die Fichte in vielen Schutzwäldern leidet erheblich unter der zunehmenden Trockenheit. All das wird für immer mehr hoch gelegene Siedlungen zu einem Sicherheitsrisiko und forciert die Abwanderung zusätzlich. Für Bresch geht es nun nicht nur darum, wie wir uns bestmöglich vor den Folgen des Klimawandels schützen. Er will vielmehr grundsätzlich unseren Siedlungshabitus hinterfragen.

Zugleich liessen die Referenten kein Zweifel daran: Auch in Zukunft werden viele Menschen in den Alpen wohnen und ­arbeiten. Die dafür benötigte Infrastruktur müsste auch in den kom­menden Jahrzehnten funktionstüch­tig erhalten und weiterentwickelt werden. Deshalb suchen auch sie nach Strategien, wie man der Abwanderung in die Talböden entgegenwirken kann.

In der anschliessenden Diskussion schälten sich zwei grundsätzliche Vorschläge der Herangehensweise heraus: einerseits die, wenn man so will, übergeordnete Top-down-Strategie sowie, in ent­gegengesetzter Richtung, der Bottom-up-Ansatz. Erstere muss sich ableiten aus der Betrachtung des gesamten, von Wien bis nach Nizza reichenden und für das Selbstverständnis aller Schweizerinnen und Schweizer elementaren Alpenraums. In die Überlegungen einzubeziehen ist auch dessen starke Interaktion mit dem im Norden an­grenzenden Schweizer Mittelland. Die Region Arc Lémanique ist eng verbunden mit dem Wallis, der Metropolitanraum Zürich mit der Zentralschweiz und Graubünden. Und im Süden ist die Millionenmetropole Mailand nur gerade 50 km vom Tessin ­entfernt. Mit anderen Worten: Zu begreifen gilt es die Bedeutungsdimension dieses einzigartigen Kulturraums für unser ge­samtes Land.

Als ein Instrument für das übergeordnete Vorgehen ortete Daniel Müller-Jentsch die Agglomerationsprogramme des Bundes. Sie sind ein wichtiger Pfeiler der nachhaltigen Raumentwicklung der Schweiz und streben eine koordinierte Planung von Verkehr, Siedlung und Landschaft in den urbanen Räumen an. Weil sich die Regiopole in den Tälern baustrukturell und in ihrer Raumtextur je länger, je mehr wie Agglomerationen ausnähmen und vor analogen Fragestellungen stünden, ist es für Müller-­Jentsch naheliegend, die Agglomerationsprogramme auch auf die künftige Entwicklung der alpinen Talschafts­cluster anzuwenden.

Christa Hostettler, Geschäftsführerin der Bau-, Planungs- und Umweltdirektoren-Konferenz (BPUK), pflichtete dem grundsätzlich bei − sie habe festgestellt, dass die Agglo­merationsprogramme eine er­frischende Dynamik der Zusam­menarbeit über die Agglomerationsräume hinweg aktivierten. Eine Dynamik, die auch in der Zusammenarbeit der verschiedenen Alpenregionen von grossem Nutzen sei. Allerdings, so forderte ­Hostettler, müssten die Programme dergestalt umgebaut werden, dass man damit stärker als bisher die Infrastruktur- und Siedlungsentwicklung steuern kann.

Nach Meinung der Anwesenden, das zeigte die weitere Diskussion, sollten die Programme zwingend so ausgerichtet werden, dass auch die Dörfer in den Seitentä­lern und den höher gelegenen Regionen von ihnen profitieren.

Subsidäres Vorgehen: vor Ort ansetzen

Damit wäre die zweite, nach Ansicht der Anwesenden parallel zu erar­beitende Bottom-up-Wirkrichtung angesprochen. «Es waren schon ­immer Einzelinitiativen, die schluss­endlich zu Wandel führten, und noch nie Programme», meinte der mitdiskutierende Theologe und Thea­termann Giovanni Netzer, Gründer des Origen Festival Cultural in Graubünden. Beim subsidiären Vorgehen gelte es, die Landschaft und die Kultur der in den Seitentälern lebenden Menschen präzise zu ergründen. Hierfür würden sich zum Beispiel die Alpensektionen des SIA anbieten; sie haben sich in Form der Sektion Graubünden auch bereits der Sache angenommen. Wie Architektin Francesca Pedrina, Vizepräsidentin des Fachverbands Schweizer Raumplaner (FSU) und in Airolo lebende, ­engagierte Vor-Ort-Akteurin berichtete, gehe es insbesondere darum, die sich aus der geografischen Lage ergebenden Charakteristiken der Landschaft, des Bauwerks und der dort lebenden Menschen als Chance zu sehen und bewusst als Trumpf auszuspielen.

Es gelte, so die übereinstimmende Meinung zum Schluss, sich irgendwo in der Mitte zu treffen, zwischen Top-down- und Bottom-up-Ansatz. Nur wenn man beide Wege zusammenführe, werde man der Aufgabe einer zukunftsfähigen Entwicklung des Alpenraums und der damit einhergehenden Verantwortung gerecht. Und nur auf diese Weise erreiche man auch Akzeptanz, Motivation und Mitwirkung der Menschen – also Wandel.
 

Nach 2016 trafen sich auf dem Monte Verità bei Locarno zum zweiten Mal Vertreterinnen und Vertreter des SIA mit Experten u. a. aus der Raum­planung und Architektur, der Klima­tologie, dem Tourismus, der Kultur­vermittlung, Zukunftsforschung, Soziologie und Ökonomie. Angereist waren sie aus der ganzen Schweiz.

 

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