Das blaue Haus der Kind­heit

SIA-Tage 2016

Ob in Kleinandelfingen oder Winterthur: Gebäude mit ihren Erbauern zu besichtigen führt in bemerkenswerte Raumwelten und zu anregenden Gesprächen. Impressionen von den SIA-Tagen im Kanton Zürich.

Date de publication
09-06-2016
Revision
09-06-2016

Wie kommt der Eisbrecher nur ins Kino-Café? Über der kleinen Bar des kürzlich eröffneten Winterthurer Programmkinos «Cameo» hängt das grosse, etwas angegilbte Farbfoto eines Eisbrechers in voller Aktion. Soll er das Eis brechen beim Plaudern mit dem Sitznachbarn?

Mikko Lange, der mit seinen Kollegen vom Büro Architekten-Kollektiv das Kino als kompakten Baukörper unter zwei offenen Schutz­dächern der Firma Sulzer errichtete, kann das Rätsel lösen: Die Fotografie hing lange im benachbarten Gebäude 118 der Sulzer AG – weil man stolz war, dass das sich so hoch im Norden ein Schiff mit Sulzer-Motor den Weg durchs Eis bahnt.

Neben dieser Reminiszenz an das industrielle Vorleben des Orts rührt dasbehagliche Flair der neuen Kino-Bar auch von einem Arrangement messingfarbener Wandleuchten aus den 1960er-Jahren, die die Architekten aus dem mittlerweile abgerissenen Winterthurer Kino Talgarten bargen. Abgesehen von diesen «Fundstücken», wie sie Projektarchitekt Mikko Lange nennt, entspricht das Kino dem neuesten Stand der kinematografischen wie baulichen Technik. Das 1.6-Millionen-Franken-Projekt war in Winterthur einer der Besuchermagneten am zweiten Wochenende der diesjährigen SIA-Tage. 

Engagement der Sektion 

Die Sektion Winterthur des SIA hatte mit einem Rahmenprogramm und einem für den Projektrundgang aufwendig gestalteten Faltblatt mit Lageplan und Projektsteckbriefen alles getan, um den SIA-Tagen grösst­mögliche öffentliche Aufmerksamkeit zu verschaffen. Zu dieser Strategie gehörte es, unter dem Slogan «Architektur Tag Winter­thur» alle Besichtigungen am Samstag, den 28. Mai zu bündeln. Und wo immer eines der SIA-Banner an einem Gebäude hing, fanden sich Gruppen von Interessierten ein, selten weniger als zehn Personen.

Das weitläufige Werksgelände des einstigen Maschinenbauunternehmens Sulzer war zweifellos der Hotspot der diesjährigen Besichtigungen in Winterthur: Fünf der insgesamt 19 in der Stadt gezeigten Projekte waren hier zu finden – neben dem erwähnten Kino etwa die von P&B Partner Architekten mit Sorgfalt und Eleganz ebenfalls in eine frühere Werkhalle eingerichtete ZHAW-Bibliothek. Oder die Halle 181 direkt an den Gleisen der Bahntrasse, die von KilgaPopp Architekten zum Atelier- und Bürohaus umgebaut wurde. Stephan Popp, der mit seinem Büro selbst auf dem Gelände ansässig ist, führt die Besucher durch die frühere Halle 181. Mit wenigen, gezielten Eingriffen wurden die Dimensionen der Industriehalle für neue Nutzungen erschlossen. 

Rohe Materialien in industrieller Kulisse

Die Treppengeländer des neu eingefügten Erschliessungskerns setzen ersten Rost an. Es war ein Wunsch der Bauherrin, der Pensionskasse Abendrot, dass die industrielle Vorgeschichte der Gebäude spürbar bleibt – was auch bedeuten kann, bei den neuen Erschliessungstreppen unbehandelten Stahl zu verwenden. Fast schon vertauschte Rollen zwischen Bauherren und Architekten: Stephan Popp hätte sich auch eine Lackierung vorstellen können. 

Auch Peter Wehrli, Mitinhaber von RWPA-Architekten, der wenige Meter entfernt einem Dutzend Besuchern sein Umbaukonzept für die frühere Modellschreinerei des Werks aus dem Jahr 1912 erklärt, nahm nur die nötigsten Eingriffe vor, um den dreigeschossigen Ziegelbau für die Zwecke der ZHAW-Lehre zu adaptieren. Eine kurze Diskussion zwischen Architekt und Gästen machte sich fest an dem skulpturalen, seitlich neben dem Gebäude platzierten Treppenturm – die einzige deutlich sichtbare Hinzufügung zum bestehenden Bau. 

Auch fernab des traditionsreichen Industriestandorts lockten Bauwerke aller Art die Besucher an – seien es die drei in den Hang komponierten Terrassenhäuser an der Tachlisbrunnenstrasse mit ihren kubischen Baukörpern aus grau eingefärbtem Sichtbeton (Dahinden Heim Architekten) oder das von Staufer & Hasler Architekten sorgfältig erneuerte Personalrestaurant der Axa-Versicherung von 1969/70, ein typisches Beispiel des International Style in der Museumsstrasse. 

Am Ende der Besichtigungen kamen alle Interessierten am Lagerplatz auf dem Sulzer-Gelände zusammen – wo am Nachmittag der von der Sektion ausgerichtete Apéro stattfand, zwischen dem Kino Cameo und der ebenfalls von RWPA Architekten entworfenen Bar «Les Wagons» – bestehend aus drei historischen Waggons der Uetlibergbahn. Um einen als Terrasse genutzten Perron ergänzt, werden sie zum Treffpunkt des Areals. 

Indigoblau glänzende Hülle

Doch als am Lagerplatz angestossen wurde, hatte der SIA-Redaktor Winterthur längst schon verlassen, um mit der S 24 Richtung Thayngen in die Hügellandschaft des östlichen Kantons Zürich zu rollen, der Neugier folgend, was die SIA-Tage fernab der Städte bieten. Zum Beispiel den neuen Doppelkindergarten in Kleinandelfingen. «Das ist das stärkste Gebäude im Kanton in diesem Jahr», sagt ein Besucher zu Architekt Daniel Hunkeler, den das Kompliment für einen Moment sprachlos macht.

Der Kindergarten ist ein Solitär in Form eines gestreckten Oktagons am Rand des idyllischen Dorfkerns, geplant von Hunkeler Hürzeler und Meyer Stege­mann Architekten. Basis des Entwurfs ist ein gleichseitiges Dreieck. Die eigenwillige Form des Gebäudes ergab sich aus Überlegungen, wie man es am besten auf dem begrenzten Grundstück platziert. Das Raumprogramm fügte sich dann perfekt in diese Struktur – die dreieckigen Gruppenräume erinnern von innen an hohe Zelte. Der Clou des Hauses ist jedoch seine Hülle aus indigoblau glasierten Dachziegeln − sie machen das Haus zum Blickfang.

In Gestalt einer homogenen, das ganze Gebäude umschliessenden Hülle erzielen sie jedoch eine klare, keineswegs aufdringliche Wirkung. Je nach Licht ändert sich auch die Wirkung des schimmernden Schuppenkleids. Gebäudehülle wie Grundriss sorgten denn auch für angeregte Gespräche unter den Gästen des Architekten.

«Ob ein Material passt, hängt von der Bauaufgabe, dem Ort, der Nutzung ab», meint Daniel Hunkeler.Nach anfänglicher Skepsis willigte auch die Bauherrschaft ein, inzwischen lieben alle das Gebäude. «Den Kindern wird es in Erinnerung bleiben», meint Daniel Hunkeler. «Mein Kindergarten war blau, werden sie später sagen», so hinterlässt das Gebäude ein Bild im Gedächtnis – mehr könne man als Architekten doch wohl kaum erreichen. Allerdings hätten sich Hunkeler und seine Planungspartner an diesem Tag durchaus noch ein paar mehr Besucher vorstellen können. 

Matthias Denzler, Präsident der SIA-Sektion Winterthur, zeigte sich indes zufrieden mit der Resonanz. Immerhin war es der erste «Architektur Tag Winterthur». Auch 2017 will die mit rund 340 Mit­gliedern eher kleine Sektion wieder etwas auf die Beine stellen. Mit 19 Gebäuden waren in Winterthur in diesem Jahr übrigens fast doppelt so viele Gebäude zu sehen wie in der Stadt Zürich. Das Beispiel zeigt, dass Architekturvermittlung vom Engagement regionaler Akteure lebt und sich auf die Dauer bezahlt macht.

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