Es be­gann im Kin­der­gar­ten

Auch bestehende Wohnquartiere lassen sich zu Eigenverbrauchsgemeinschaften verbinden. Ein Forschungsversuch im Tessin war derart erfolgreich, dass nun weitere Projekte realisiert werden.

Publikationsdatum
03-01-2023

Fragen kostet nichts: Die Gemeinde Capriasca nördlich von Lugano baute vor drei Jahren einen neuen Kindergarten mit einem 30-kW-Solardach. Und weil die PV-Anlage in den langen Sommerferien besonders viel Strom liefert, suchte die Behörde im Quartier nach Abnehmern. Der Aufruf an einer eigens einberufenen Versammlung wurde zum Grosserfolg: Alle 18 benachbarten Einfamilienhausbesitzer interessierten sich für Strom aus der nahen Quelle. In der Folge übernahm das örtliche Energiewerk Azienda Elettrica di Massagno AEM die Gründung eines Zusammenschlusses zum Eigenverbrauch (ZEV). Darin wird nicht nur der PV-Ertrag vom Kindergartendach ausgetauscht, sondern es sind sechs weitere Solaranlagen im Quartier mit Gesamtleistung von 72 kWp darin integriert.

Die AEM wollte aber noch mehr: Sie zog die Tessiner Fachhochschule SUPSI als wissenschaftliche Partnerin bei zur Erforschung von technischen, wirtschaftlichen und sozialen Fragestellungen. Technologisch wurde der Eigenverbrauchsverbund «Lugaggia Innovation Community» (LIC) aufgerüstet – einerseits mit einer Quartier-Batterie (60 kWh) und andererseits mit einer Blockchain-basierten Steuerung des internen Stromhandels. Das Bundesamt für Energie unterstützte das Pilot- und Demonstrationsprojekt im Tessin von 2019 bis 2021.

ZEV entlastet Verteilnetz

Die Verantwortlichen ziehen nach Abschluss des ZEV-Projekts eine positive Bilanz. Der Eigenverbrauch konnte deutlich gesteigert werden. Das belegt ein Blick auf jenen Teil der PV-Produktion, der nach lugAbzug des Bedarfs der Haushalte und des Kindergartens jeweils übrig bleibt. Ohne Eigenverbrauchsorganisation beträgt dieser Überschuss rund 70 bis 80 %. Dank der Batterie und einem Lastmanagement, das den Betrieb von Wärmepumpen und Elektroboilern optimiert, wird das meiste nun vor Ort genutzt. Gemäss den wissenschaftlichen Erhebungen erreicht die Eigenverbrauchsquote sogar 94 %, wozu die Speicherung einen grossen Teil beiträgt. Dies kommt den Strombezügern und dem örtlichen Stromwerk AEM zugute: «Ein hoher Eigenverbrauch entlastet das lokale Verteilnetz», sagt Prof. Vasco Medici, der das Projekt vonseiten SUPSI betreute. Wird die PV-Produktion, etwa durch den Zubau weitere Solaranlagen im Quartier, erweitert, lasse sich der Batteriespeicher noch besser ausnützen.

Weitere Beiträge zum Thema sind im digitalen Dossier «Immobilien und Energie» abrufbar.

Das Projekt lieferte auch wirtschaftliche Erkenntnisse. Die Nutzung von eigenem Solarstrom ist für ZEV-Teilnehmer grundsätzlich lukrativ. Die ZEV-Haushalte bekommen den Strom für durchschnittlich 16 Rp./kWh (im Vergleich zu 21 Rp./kWh ausserhalb des ZEV) und sparen damit im Jahr ca. 50 bis 150 CHF. Die Betreiber von PV-Anlagen innerhalb des ZEV können ihren Strom zudem innerhalb des ZEV zu besseren Preisen verkaufen als das lokale Elektrizitätswerk. Der ZEV in Lugaggia profitiert zusätzlich davon, dass AEM den Quartierspeicher im Rahmen des Pilotprojekts extern finanzieren konnte. Hätte die Amortisation über die ZEV-Organisation laufen müssen, sähe die Kalkulation ungünstiger aus: Bei Kosten von 45 000 CHF und einer theoretischen Nutzungsdauer von zehn Jahren kostet der Batteriespeicher pro Kilowattstunde zusätzliche 30 bis 40 Rp. ZEV-Strom mit Batterie wäre also teurer als Energie aus dem öffentlichen Verteilnetz.

Für den Stromversorger AEM rechnet sich ein ZEV im Prinzip nicht. Künftige Ausbaumassnahmen an der lokalen Netzinfrastruktur lassen sich erst mittelfristig einsparen. Kurzfristig nimmt AEM dagegen in Kauf, weniger Geld aus dem Stromverkauf einzunehmen. Trotzdem plant die Tessiner Stromversorgerin bereits weitere ZEV-Quartiere in ihrem Versorgungsgebiet. Damit rüstet sich das Werk mittelfristig, sobald sich der Ausbau der dezentralen PV-Produktion fortsetzt. «Zudem können wir mit innovativen Dienstleistungen neue Geschäftsfelder erkunden», sagt Daniele Farrace, Chief Innovation Officer bei der AEM.

Mit Ausschnitten aus einem Text von Benedikt Vogel, für das Bundesamt für Energie.

Mit Unterstützung von energieschweiz und Wüest Partner sind bei espazium – Der Verlag für Baukultur folgende Sonderhefte erschienen:

Nr. 1/2018 «Immobilien und Energie: Strategien im Gebäudebestand – Kompass für institutionelle Investoren»

Nr. 2/2019 «Immobilien und Energie: Strategien der Vernetzung»


Nr. 3/2020 «Immobilien und Energie: Strategien der Transformation»


Nr. 4/2021 «Immobilien und Energie: Mit Elektromobilität auf gemeinsamen Pfaden»

Nr. 5/2022 «Immobilien und Energie: Strategien des Eigengebrauchs»


Die Artikel sind im E-Dossier «Immobilien und Energie» abrufbar.