Wei­ter­bau­en: In­ches Gel­eta Ar­chi­tet­ti

Architekten unter 40

In den ersten Folgen unserer neuen Serie präsentieren wir junge Architektinnen und Architekten mit Verbindung zum Tessin. Die ersten Arbeiten des Architekturbüros Inches Geleta zeigen, wie junge Architekten in einen intelligenten Dialog mit dem historischen Bestand treten.

Publikationsdatum
20-03-2018
Revision
20-03-2018
Giacomo Ortalli
Architekt, Assistent an der Accademia di Architettura in Mendrisio, Korrespondent espazium.ch

Matteo Inches und Nastasja Geleta

Matteo Inches (geboren 1984 in Brescia, Italien) ist ein italienisch-schweizerischer Architekt. Nach seinem Diplom an der Accademia di Architettura in Mendrisio arbeitete er zwei Jahre lang beim Büro Buzzi e Buzzi Architetti, bevor er sich 2010 selbstständig machte. Seit 2013 ist er zudem wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Departement für Umwelt, Raumplanung, Bau und Verkehr (Dipartimento del Territorio) des Kantons Tessin. Nastasja Geleta (geboren 1984 in Rheine, Deutschland) wuchs in Perth und Brisbane, Australien, auf und zog 2009 ins Tessin, wo sie an der Fachhochschule SUPSI Innenarchitektur studierte. 2014 wurde sie Partnerin im Büro inches architettura und 2017 Mitinhaberin des Büros mit dem neuen Namen Inches Geleta Architetti.

Historische Tessiner Ortskerne

Das Architekturbüro mit Sitz in Locarno hatte in den letzten Jahren Gelegenheit, an zwei renommierten Veranstaltungen teilzunehmen, und erlangte so auf nationaler Ebene Bekanntheit: 2016 beteiligten sie sich an der Gemeinschaftsausstellung «Schweizweit. Recent Architecture in Switzerland» im Schweizerischen Architekturmuseum (S AM) in Basel, und 2017 präsentierten sie an den «Swiss Art Awards» als Exponat eine Fotografie der 1985 vom Architekten Livio Vacchini erbauten Casa Rezzonico in Vogorno. Bei diesem zum Wohnhaus umgebauten Rustico setzte Vacchini zwei traditionelle, mit Steinplatten bedeckte Steildächer mit rein dekorativem Zweck auf ein Flachdach, um den lokalen Bauvorschriften zu genügen. Das Foto charakterisiert die intellektuellen Ambitionen von Inches Geleta treffend. Denn die ersten Umsetzungen der Architekten waren Umbauprojekte in historischen Ortskernen im Tessin.

Diese Projekte haben eine Reihe von Gemeinsamkeiten: Die baulichen Einschränkungen zum Schutz der Ortsbilder lassen nur wenig Spielraum für Veränderung. So sind zum Beispiel keine Anpassungen der bestehenden Öffnungen möglich. Die Typologie und die Materialisierung der Dächer werden zu Ausdrucksmitteln, die die Landschaft und die regionale Architektur widerspiegeln. Im ausgehöhlten und neu ausgebauten Innern der Häuser stellen die Architekten neue Bezüge zur Umgebung her und schaffen mit klaren Konzepten und Liebe zum Detail eine zeitgemässe Atmosphäre.

Ausgewählte Projekte

Für die Fondazione Museo MeCrì (2012–2016) haben die Architekten ein ländliches Wohnhaus im Ortsteil Mondacce in Minusio zu einem Museum umgebaut und mit einem neuen Ausstellungspavillon erweitert (lesen Sie auch: «Baujuwelen im Goldregen»). Der Erweiterungsbau wirkt wie eine altertümliche Hütte: Seine Waschbetonwände, die gegen aussen den Innenhof und gegen innen den Ausstellungsraum begrenzen, harmonieren mit der bestehenden Einfriedungsmauer. Das Satteldach ist mit horizontalen Gneisplatten aus dem nahen Maggiatal bedeckt und erinnert so an die Steindächer der benachbarten Siedlungen (mehr zum Museo MeCrì finden Sie in Archi 1/2016).

Beim Umbau der Casa Rizza (2011–2012) im historischen Dorfkern von Vacallo liessen die Architekten die Hülle unverändert. Im Innern des Turmhauses mit quadratischem Grundriss betonen die neuen, selbst aussteifenden Sichtbetondecken die Raumhöhe. Die innenbündigen Fenster heben die Tiefe und Präsenz der massiven Aussenmauern hervor.
Für die Renovation der Casa Desgraz in Solduno (2013–2015) wurde die traditionelle Bauweise der Region nach modernen ästhetischen Gesichtspunkten neu interpretiert. Die Sparren des schlanken Dachs ragen als dekoratives Element über die massiven, nicht rechtwinklig verlaufenden Aussenmauern des historischen Gebäudes hinaus.
In der Casa Canfora in Locarno, einem schmucken Gebäude aus den 1920er-Jahren, bauten die Architekten das Dachgeschoss mit minimalen Eingriffen zu einer Wohnung um, in der das Zusammenspiel verschiedener Materialien die Raumübergänge kennzeichnet (2016–2017).

Im urbaneren Kontext von Locarno bauen die Architekten zurzeit ein Mehrfamilienhaus. Mit einer klaren Gliederung und einem ausdrucksstarken, aussen liegenden Betontragwerk nehmen sie dabei erneut auf Livio Vacchini Bezug.
Die Aufstockung des Schulzentrums von Viganello (ab 2017) wurde in einem Wettbewerb vergeben. Das Siegerprojekt von Inches Geleta besteht aus einem leichten Stahltragwerk, das die architektonische Sprache des bestehenden Schulgebäudes von 1978 – ein Werk des Tessiner Architekten Sergio Pagnamenta – aufnimmt und in die heutige Zeit übersetzt.

Wertschätzen, was war

Die Herangehensweise der Architekten zeugt von einem sensiblen Umgang mit dem Bestand. Neben der Neuinterpretation von traditionellen Elementen nehmen sie Bezug auf neuere architektonische Werke im Tessin und in der ganzen Schweiz. Diese Methode mag konventionell sein, sie ist deshalb aber nicht weniger zielführend und erzeugt eine präzise Architektur.

Die Bauten des Büros fügen sich in die historische Umgebung ein. Die architektonische Geste tritt zugunsten einer stillen Ästhetik in den Hintergrund. Die Umbauprojekte stehen nicht nur für eine gute Architektur, sondern auch für einen ausgewogenen Planungsprozess, der durch die Auseinandersetzung mit der gebauten Umwelt und der Landschaftsmorphologie den öffentlichen Raum und damit den Raum des kollektiven Gedächtnisses würdigt.

Junge Architekten
In einer neuen Reihe stellen wir in loser Folge Architektinnen und Architekten unter 40 Jahren vor, die in der Schweiz oder im Ausland tätig sind. Wir starten im Tessin. Weitere Beiträge dieser Serie finden Sie hier.

 

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