Ent­wir­rung ei­nes Bahn­kno­tens

Saut-de-mouton, Renens (VD)

Kurzfassung des Artikels von Philippe Morel für die Publikation «Baukultur: Qualität und Kritik».

Publikationsdatum
09-03-2022

Die von den SBB im Rahmen des Programms «Léman 2030» erstellte Überwerfung in ­Renens ist für den Ausbau der Kapazität auf der Strecke Lausanne–Genf unverzichtbar. Das fast 1200 m lange, 17 m breite und 9 m hohe Bauwerk setzt sich aus zwei Rampen, zwei Brücken und einer zentralen Galerie zusammen. Es ist über 350 Bohrpfähle in der Molasse fundiert und somit vergleichbar mit einer Doppelstockbrücke. Die 2 × 66 Stützen, auf denen die zwei ­Brücken und die Riegel der Galerie ruhen, verleihen dem Bauwerk eine eindrückliche Transparenz und erinnern an einen Filmstreifen. Tatsächlich bietet sich den Zugreisenden, die die Überwerfung auf der unteren Fahrbahnebene durchqueren, ein fast filmisches Erlebnis: Die Regelmässigkeit der Rahmen zerlegt die vorbeiziehende Landschaft in Einzelbilder, die einander jedoch deutlich langsamer folgen als die 24 Bilder pro Sekunde bei einem 35-mm-Kinofilm.

Im Video erklärt Philippe Morel, weshalb das Projekt in seinen Augen für hohe Baukultur steht.

Die Galerie mit den 25 Querrahmen könnte man für sehr repetitiv, ja monoton halten. Doch dieser Eindruck täuscht. Jeder Rahmen ist einzigartig. Zum einen variieren die Spannweiten zwischen 11 und 17 m. Zum anderen ist der Trog bei jedem Rahmen an einer anderen Stelle und in einem anderen Winkel auf dem Riegel positioniert.

Die Überwerfung Renens ist ein eindrückliches strategisches Infrastrukturbauwerk in einem dichten und komplexen urbanen Entwicklungs- und Nutzungsraum. Obwohl die Konturen weitgehend von der Funktion vorgegeben sind, gelang es der Bauherrschaft und den Planenden durch ­intelligentes Spielen mit den Randbedingungen, eine erstaunlich leichte und transparente Struktur zu schaffen und ein vermeintlich repetitives Motiv immer wieder neu zu variieren. Wie der Präparator ein Fossil, haben sie den gigantischen Gliederfüsser aus Stahl und Beton bis aufs Skelett freigelegt und ihm durch die Kontrast­wirkung zwischen starren Rahmen und fliessendem Trog sogar den Anschein von Bewegung verliehen.

Dieser Artikel ist erschienen im Sonderheft «Baukultur: Qualität und Kritik». Bestellen Sie jetzt!