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Die 61. Ausgabe des Salone del Mobile Mitte April zeigte einmal mehr eine überbordende Fülle an Events, Installationen und Produkten. Ein Rückblick auf die grösste und bedeutendste Möbelmesse der Welt sowie die Standorte der Fuorisalone – mit Fokus auf Schweizer Design.

Publikationsdatum
26-04-2023

In Mailand war es sonnig und frühlingshaft warm, UV-Faktor 3 bis 4: Die skulpturale Installation Sensbiom 2 machte deutlich, dass man jetzt Sonnenschutz auftragen sollte. Von der Decke hängende Biopolymer-Gitter änderten ihre Farbe und zeigten Veränderungen der Sonneneinstrahlung in Mailand in Echtzeit an. «Wir wollen die Besucher auf die unsichtbare Bedrohung aufmerksam machen, die jedes Jahr weltweit 3 Millionen Menschen an den Augen und der Haut schädigt», so die Designerin Vlasta Kubušová. Ihr in Bratislava ansässiges Studio war einer der zahlreichen Aussteller am neuen Standort von Alcova. Das Event eröffnete die Mailänder Designwoche bereits am 17. Juni – und damit einen Tag vor dem offiziellen Start des Salone del mobile in den Messehallen von Rho-Pero.

Die mittlerweile fünfte Ausgabe von Alcova belegte einen monumentalen ehemaligen Schlachthof, das Ex-Macello di Porta Vittoria. Die zwischen 1912 und 1914 erbaute Anlage ist für die Öffentlichkeit normalerweise nicht zugänglich, was Valentina Ciuffi, Kuratorin und Mitgründerin der Designplattform gemeinsam mit ihrem Mitgründer Joseph Grima reizte. Alcova hat sich als eines der interessantesten Pilgerziele des Fuorisalone etabliert. In den verfallenden Gemäuern waren mehr als 70 Projekte versammelt, eine Installation zum Thema Materialität eröffnete das experimentelle Event: «Wir sprechen damit an, was Design jetzt sein sollte», erklärt Ciuffi. Mit dabei war unter anderem das Atelier Luma aus Arles, das Installationen aus landwirtschaftlichen Nebenprodukten, Algen, Reisstroh, Salz und Textilien zeigte. Auf sein kulturelles Erbe setzt das aufstrebende Talent Kiki Goti. Die griechischstämmige Designerin aus New York fertigt ihre neofuturistischen Ankleideräume aus Acryl und Schaum.

Laboratorium der Zukunft

Alcova ist nur eines von rund 950 Events, die den Fuorisalone bilden. Das traditionelle Begleitprogramm erstreckt sich weit über die lombardische Hauptstadt hinaus. Passenderweise lautete das diesjährige Thema des Fuorisalone «Future Laboratory». Wie dieses aussehen könnte, zeigte beispielsweise die Plattform Dropcity, ein neues Zentrum für Architektur und Design, das in der Via Sammartini in den Magazzini Raccordati des Hauptbahnhofs entstehen soll. Das Projekt ist eine Initiative, die auf eine Idee des Architekten Andrea Caputo zurückgeht und einen Ort für Begegnungen und Debatten über Architektur, Design und die zeitgenössische Stadt schaffen will. Einen Vorgeschmack bekommt man jetzt schon, beispielsweise in der Installation «Hackability of the Stool», die Hacks des legendären «Stool 60» von Artek zeigt: Mal verwandelt er sich in einen Schachtisch, mal in einen Schaukelstuhl, dann wieder in einen Katzenkorb.

Ein paar Tunnels weiter präsentierte das Schweizer Taschenlabel Freitag seine Prototypen für eine Entwicklung in Richtung Kreislauffähigkeit. «Always Beta. Never Waste» heisst die Installation, die aufzeigt, wie Freitag zusammen mit verschiedenen Industriepartnern an der Entstehung der ersten zirkulären Lastwagenplane tüftelt, die auch nach einem langen, zweiten Leben als Tasche nicht im Müll, sondern wieder im Kreislauf landen wird. Zudem gab das Unternehmen erstmals einen Einblick in einen neuen Ansatz für zirkuläre «Freitag»-Produkte am Beispiel eines funktionalen Rucksacks. Dieser wird von den Gurten über die Schnallen bis zum Reissverschluss und dreischichtigen, wasserdichtem Gewebe aus einem einzigen, rezyklierbaren Material – PA6, bekannt als Nylon – gefertigt sein. «So werden mehr kreislauffähige Produkte auch wirklich zurück im Kreislauf und nicht doch im Abfall landen», sagt Lena Fisler, Communication and Collaboration bei Freitag. 

Schweizer Designschaffen konnte man auch in diesem Jahr in der «Casa degli Artisti» erleben. Der gemeinsame Auftritt von Firmen, Hochschulen und der Kulturförderinstitution Pro Helvetia sorgte bereits zum zweiten Mal für Aufsehen. Das Motto des «House of Switzerland Milano» lautete 2023 «Urgent Legacy». Das Programm umfasste vielfältige Zugänge zu diesem Thema – von der lokalen Produktion über verantwortungsvollen Materialeinsatz bis zur Auseinandersetzung mit der Klimakrise. Während die ETH Zürich neue Ansätze für inklusives Design präsentierte, zeigten Studierende des Masterstudiengangs Raum und Kommunikation an der Genfer Hochschule für Kunst und Design HEAD unter dem Titel «Spirits – Excellent for the head» eine Reihe von sieben mundgeblasenen Gläsern. Jedes Glas ein Unikat und verbunden mit einem dafür erdachten Cocktail, der den Namen einer Designerin trägt – von Ray Eames über Sophie Taeuber-Arp bis Valentine Schlegel. Mittelpunkt der Inszenierung ist ein kleiner Zug, dessen Waggons jeweils ein Glas tragen.

Auf Materialexperimente zum Thema Papier setzte die Genfer Galerie NOV: So wurde beispielsweise Silvio Rebholz’ Vasenserie «Dip» präsentiert, die die strukturelle Spannung und Saugfähigkeit von Papier mit den Klebe- und Dichtungseigenschaften von Bienenwachs kombiniert. Oder Maxwell Ashfords biomorphe Objekte «Bamana», eine umweltfreundlichere Alternative zu aufblasbaren Partyballons. Die Objekte werden vollständig aus recyceltem Papier hergestellt. Die Schale ist aus Papierzellstoff geformt, die Füllung besteht aus recyceltem Seidenpapier, die Farbe ist mit natürlichem Lebensmittelfarbstoff pigmentiert.

Gemeinsam stärker

Neben Experimenten wie diesen stellten sechs Schweizer Marken in einem Gemeinschaftsauftritt ihre Kreationen vor: Embru, Lehni, Lichtprojekte, schindlersalmeron, Seledue und Röthlisberger Kollektion. Röthlisberger hatte «Winku» im Gepäck, einen Tisch des Berner Designers Marc Gerber. Der Kniff des Entwurfs: Die quadratischen Beine werden um 45 Grad gedreht und ergeben so eine neue, fast architektonische Perspektive. Je nach Blickwinkel erscheinen die Beine optisch dünner oder dicker.

Der Traditionshersteller Embru zeigte den Gartenstuhl «Park Chair» des Berner Designers Moritz Schmid. Die Position der Hinterbeine und deren Bogenform prägen das Bild des Stahlblechstuhls und verleihen dem Stahlrohrgestell eine bewegte Dynamik. Dank seiner Reduziertheit und den langen Hinterbeinen wirkt der Entwurf fein und leicht. Eine schöne Reminiszenz an die ikonische Altorfer-Liege sind die Spaghetti-Kordeln an der Armlehne.

Bei Christian Deubers Label Lichtprojekte konnte man die Weiterentwicklung der Leuchte «Spoto» bewundern: Die Hängeleuchte «Multispoto» mit acht Leuchtkörpern lässt dank Spot- und Raumlicht variable Lichtsituationen zu. Seledue wiederum zeigte den neuen Gartentisch «Bordo» von Ueli Biesenkamp. Mit dem handlichen, leichten und robusten Tisch soll der «Coray»-Stuhl eine ideale Ergänzung finden. Lehni, erstmals dabei, zeigte unter anderem Hanspeter Weidmanns Tisch «Flex», einen extrem leichten Metalltisch. Das Zürcher Label schindlersalmeron dagegen präsentierte nichts Neues, bot seinen Kunden zum 20-jährigen Jubiläum aber an, liebgewonnene Stücke aus dem Portfolio aufzufrischen – ein smarter Gedanke.

Auf der Design-Landkarte der Messe befindet sich seit vergangenem Jahr auch die Galerie Assab One. Die Fahrt an den Standort im Nordosten der Stadt lohnte sich in mehrfacher Hinsicht. Das japanische Label Karimoku Commons zeigte neben Entwürfen von Daniel Rybakken und Ville Kokkonen auch den Stuhl «Chesa», ein Entwurf des Zürcher Designers Jörg Boner. Die durchgängig geschwungene Linie, die von den Vorderbeinen zur Rückenlehne reicht, schafft einen bequemen, schützenden Raum, der es gleichzeitig erlaubt, auch diagonal zu sitzen und sich so den Gesprächspartnern zuzuwenden. Der feingliedrige Rahmen ist aus massivem, japanischem Eichenholz gefertigt, die Rückenlehne aus gebogenem Sperrholz.

Von Jörg Boner stammt ein paar Räume weiter auch die Standgestaltung von Schätti. Der Glarner Hersteller präsentierte mit «BO20» die zweite Kollektion von Jörg Boner, bestehend aus einer Wand-, Tisch-, Pendel- und Stehleuchte. Die Leuchten aus dünnem Blech streuen das indirekte Licht. «Mir schwebte eine Absenz der Leuchte vor. Das Leuchtmittel sollte unsichtbar werden, die Leuchten sind reduziert auf Blech und Licht», erklärt Jörg Boner.

Im zweiten Stock der Galerie spannten Teppich-Manufaktur Ruckstuhl und Designer Stephan Hürlemann in der Ausstellung «Fellow – Metamorphosis
of a Rug» zusammen. «Wir wollen den Lebenszyklus eines Teppichs neu denken», sagt Stephan Hürlemann. Das Projekt ist das Ergebnis eines gemeinsamen Experiments mit dem Ziel, die Ökobilanz von Produkten zu verbessern und eine Antwort auf die Frage zu finden, wie die Möbelbranche nachhaltiger werden kann. Dabei wurden Design, Herstellung, Vertrieb, Nutzung und Handel eines Teppichs neu gedacht und jeder Fellow-Teppich an ein Non-Fungible Token (NFT) gekoppelt, das alle Handlungen rund um das Produkt bündelt und digital abbildet. Designer Stephan Hürlemann hat dafür ein Gestaltungsprinzip aus 14 Farben und fünf Rechtecken entwickelt, mit dem unzählige Teppich-Unikate erstellt werden können

Luxus trifft Handwerk

Das Westschweizer Büro Atelier Oï reiste auch dieses Jahr wieder mit mehreren Neuheiten an: Auf dem Messegelände war bei de Sede ein Entwurf des Gestalterbüros zu sehen. Schwungvolle, wellenförmige Formen prägen das Sofa «DS-808». Die geschwungene Gestaltung reizt die Grenzen des Materialdesigns aus – das Leder wird wie ein Überwurf auf eine gebogene Struktur gelegt.

Auf den Fuorisalone hatte Atelier Oï unter anderem einen Auftritt im historischen Palazzo Serbelloni. Dort flogen – als Teil der Präsentation der Objets Nomades von Louis Vuitton – über den Köpfen der Besucherinnen und Besucher prächtige Phantasievögel: «Quetzal» ist von dem auffälligen Gefieder mittelamerikanischer Vögel inspiriert, dreizehn steife, gewundene «Federn» sind mit zwei Lederteilen überzogen – blau auf der einen und grün auf der anderen Seite, mit rot gefärbten Rändern. Ein Hingucker war auch der «Spiral Chandelier». Die Hängeleuchte besteht aus zwei ineinandergreifenden Volumina, die durch eine Vielzahl von zweifarbigen Lederstreifen strukturiert werden. Das Licht wird durch die Verdrehung der goldenen Streifen reflektiert. Das Resultat ist ein kinetischer Effekt, der sich je nach Blickwinkel verändert.

Zurück in den Messehallen in Rho Pero drängten sich die Besucherinnen und Besucher – umso mehr, als sich die Messe 2023 auf einer einzigen Ebene präsentierte. Und dies während gleichzeitig die Leuchtenmesse Euroluce stattfand. Im Trend lag dieses Jahr Keramik und Porzellan. So war bei dem traditionsreichen Porzellanhersteller Lladró die verspielte Leuchtenserie «Soft Blown» zu sehen. Der Entwurf von Nichetto Studio besteht aus einer Reihe von «Ballons» aus Porzellan, die zusammengefügt werden, um eine Illusion der Schwerelosigkeit zu erzeugen. Auch Naturmaterialien wie Holz sind weiterhin gefragt. Der Zürcher Designer This Weber liess sich beim zierlichen Stuhl «Bowie» für Very Wood vom Bow Kite anregen, der beim Kitesurfen verwendet wird. Zwei konkave Schalen umschliessen den Körper wie ein leichter, dünner Panzer und schaffen so eine bequeme und flexible Form, die eine Vielzahl von Sitzpositionen ermöglicht. Beim Hersteller Mattiazzi überzeugten mehrere Entwürfe aus Holz: Jasper Morrisons minimalistischer Stuhl «Zampa» besticht mit seinen gebogenen Beinen und schlichter Formgebung. Aus der Feder der Westschweizer Designerin Julie Richoz stammt die Serie «Pipaio», eine Schale und ein Beistelltisch aus Buchenholz.

Allerorten an der Messe zu sehen waren auch Teppiche. Beim Label Ames – bekannt für seine in Kolumbien gefertigten Möbel- und Wohnobjekte – war die von Sebastián Jaureguí entworfene Kollektion handgewebter Wollteppiche «Balcones» zu sehen. Die Serie spielt mit pastelligen bis kraftvollen Farben, die in Streifen sanft ineinander übergehen – ein Effekt, der mithilfe einer komplexen Handwerkstechnik in den Stoff eingewoben ist. Der deutsche Hersteller Classicon wiederum setzte Gouachen und Collagen von Eileen Gray in handgeknüpfte Teppiche aus feinster Wolle um.

Voluminöse Sitzmöbel

Auffällig bei Sofas und Sesseln waren voluminöse Formen und helle, fröhliche Farben. Die «Tortello»-Kollektion der britischen Designer Edward Barber und Jay Osgerby für B&B Italia ist von der gleichnamigen Pasta inspiriert. Die runden Formen und gekerbten Volumina lassen an die Teigtasche aus der Lombardei denken. Opulent ist auch die Polsterserie «Moncloud» bei Cassina, für die die Designerin Patricia Urquiola grossformatige Kissen in elegante Faltungen legte. Die Schaumstruktur des Sofas ist aus recyceltem PET gemacht, das wiederum von hölzernen Schienen getragen wird und dem Möbel eine beeindruckende Leichtigkeit verpasst. Auch das Sofa «Nook», das Markus Jehs und Jürgen Laub für Cor entwickelt haben, wirkt wie ein gemütliches Nest. «Wie eine Vase aus den 50er-Jahren, die sich nach oben verjüngt», beschreibt es der Designer Jürgen Laub.

Als Material ist Bouclé auf dem Vormarsch. Beim österreichischen Hersteller Wittmann beispielsweise schmückt das Material Sessel und Sofa der Serie «Figure». Josef Hoffmanns Broschen waren Inspirationsquelle für Luca Nichettos Entwurf. Sofa und Sessel holen die ovalen Steine von der zweidimensionalen Oberfläche in die Dreidimensionalität. Die Idee der bunten Schmucksteine wird bei den Möglichkeiten der Bezugsgestaltung fortgeführt: Die Elemente können auf Wunsch in verschiedenen Farben bezogen werden. 

Ein Gang über den Salone Satellite rundete den Messebesuch ab. Auf der dem Design-Nachwuchs gewidmeten Fläche war auch ein Gemeinschaftsprojekt des Swiss Business Hub Italien und dem Schweizerischen Generalkonsulat in Mailand anzutreffen. Unter dem Titel «Swiss Hub» versammelten sich drei junge Designerinnen und Designer: Fabian Bolliger, Laure Gremion und Ginger Zalaba. Der Badener Gestalter Fabian Bolliger präsentierte «Iris», eine multifunktionale Leuchte welche eine Hommage an das menschliche Auge darstellt. Die in Zürich ansässige Designerin Ginger Zalaba greift mit ihrem Studio Zalaba Design das Werk und Denken ihres Grossvaters Otto Kolb auf. Und die Neuenburger Industriedesignerin Laure Gremion zeigte eine Auswahl an Objekten, die sowohl spielerisch als auch funktional sind, so eine wendbare Vase aus mundgeblasenem Glas und einen Couchtisch aus Keramik.

Die Mailänder Designwoche ging am vergangenen Sonntag zu Ende – und mit ihr eine wahre Schatzsuche, die so inspirierend wie überwältigend war.

www.salonemilano.it