Wiener Industriebaustellen um 1900
Das Wiener Photoinstitut Bonartes zeigt mit «Nur die grössten Baustellen» die Fotokampagnen von Marianne Strobl, der ersten Industriefotografin Wiens. Ihre präzisen, technisch brillanten Aufnahmen dokumentieren den Bauboom um 1900 und zeigen, wie die Pionierin mit Licht, Perspektive und Inszenierung eine neue Bildsprache für Arbeit und Fortschritt entwickelte.
2017 zeigte das Photoinstitut Bonartes in Wien Marianne Strobls Industriefotografien – eine fotohistorische Sensation, mit der eine Forschungswelle zu diesem praktisch unbekannten Werk einsetzte. Strobl, Wiener Fotografin mit eigenem Atelier, richtete ihre Kamera ab 1894 auf das damalige Baugeschehen in der gesamten K.-u.-k.-Monarchie.
Neuste Bautechnik: Beton
Die massive bauliche Expansion dieser Umbruchszeit hielt sie dabei ebenso fest wie die Privatvillen von Unternehmern, Architekten oder Militäreinrichtungen. Sie dokumentierte, wie Gebäude gebaut wurden, welche Materialien dabei Verwendung fanden und wer daran arbeitete.
Vor allem gewähren ihre Aufnahmen von Bauprozessen auch Einblicke in die Konstruktion mit Beton. Die damals neueste Bautechnik verschwand später hinter den repräsentativen Fassaden.
Ob ein Wasserreservoir in Brünn, ein Elektrizitätswerk in Vorarlberg oder der Bau einer Eisenbahntrasse um Wien unter Rekrutierung von italienischen Zwangsarbeitern: Strobl reiste mit ihrem schweren Equipment an und scheute keine Mühe, um die Aufnahmen so perfekt wie möglich zu arrangieren.
Blitzlicht mit Magnesium
Spektakulär sind nicht nur die unterschiedlichen Baustellen selbst, sondern ebenso die Qualität und die innovative Technik der Fotos. So arbeitete sie für die Innenaufnahmen meist bei Nacht, um Gegenlicht bei den Fenstern zu vermeiden, und verwendete dabei zwei Blitzlichtanlagen, die die gewünschten Belichtungseffekte erzielten.
Ab 1895 wurden Blitzlichter durch Magnesiumexplosionen erzeugt. Strobl verfeinerte die Methode und arbeitete ab 1898 regelmässig damit. Andererseits inszenierte Strobl ihre Fotografien minutiös, auch die Menschen, die dafür stillstehen und posieren mussten.
Erweiterung des Donaukanals
So sieht man auf einem Foto der Baustelle für die Erweiterung des Wiener Donaukanals, dass neben dem Baumeister, der erhöht auf einem Pfeiler steht, auch die Arbeiter auf Leitern, am Boden oder sogar in Gruben postiert sind, um Grössenunterschiede zu markieren. Ein einzigartiges Dokument ist es aber auch, weil hier Frauen gezeigt werden – als Trägerinnen von schweren Baumaterialien.
Geschenke für Firmenanlässe
Marianne Strobl wurde aber auch engagiert, um besondere Geschenke, Erinnerungsalben oder Werbekampagnen für Firmen zu produzieren. Ihre Fotomappen waren begehrte Geschenke bei Firmenanlässen.
So beauftragte die Belegschaft des Wiener Hotels Meißl & Schadn Strobl mit einem köstlichen Album aller Angestellten zwischen Weinkeller und Gästezimmern, das ihrem Oberkellner zum 25-jährigen Arbeitsjubiläum überreicht wurde. Prestigeobjekte, die sogar in der Zeitung Erwähnung fanden. Im Auftrag der Betonindustrie lichtete Strobl auch neue Gebäude für wichtige Firmenbroschüren ab, beispielsweise für die Inhaberin des Beton-Patents in Paris.
Ein einziges Portrait von Marianne Strobl
Über Marianne Strobl selbst ist relativ wenig bekannt und bis auf ein Foto im Familienbesitz existieren auch keine Porträts von ihr. Das liegt unter anderem daran, dass sie ihre Arbeiten lange lediglich mit M. Strobl signierte: Auf ihrer Visitenkarte stand zwar selbstbewusst, aber missverständlich «Photograph M. Strobl, Specialist für Blitzlicht-Photographien» – über die Gründe dafür kann nur spekuliert werden.
Es ist als Glück zu bezeichnen, dass das Photoinstitut Bonartes, das eng mit der Stiftung Bonartes in Vaduz kooperiert, mit seiner einzigartigen Expertise auf diesen Fundus historischer Fotografien aufmerksam wurde. Die Erforschung und Aufarbeitung (nicht nur) dieses unglaublichen Werks wären sonst nicht möglich gewesen.
Nur die grössten Baustellen – Marianne Strobls Fotokampagnen
13. August bis 21. November 2025
Photoinstitut Bonartes, Wien