«Je mehr ‹Bot­tom-up›, um­so grös­ser der Bei­trag für die Zi­vil­ge­sell­schaft»

Zu unserer Ausgabe «Utopien auf Zeit» (TEC21  5/2020) erhielten wir Post von Matthias Bürgin, Stadtgeograf, Berater und Zwischennutzer der ersten Stunde. Wir trafen uns zu einem Online-Interview und sprachen mit ihm über die Geschichte und die Zukunft von Zwischennutzungen.

Publikationsdatum
08-06-2020
Tina Cieslik
Redaktorin TEC21 / Architektur und Innenarchitektur

TEC21: Wie kamen Sie zum Thema Zwischennutzung?

Matthias Bürgin: Das begann 1991, mit der Eröffnung der Zwischennutzung im Schlotterbeck-Areal in Basel, einer ehemaligen Autogarage direkt neben der Markthalle. Über diese Eröffnung berichtete ich für das Regional-Journal des Schweizer Radios und blieb dann quasi auch privat beim Thema hängen.
Von 1994 bis 2001 hatte ich ein Büro und Atelier in einer Zwischennutzung. In dieser Zeit habe ich auch deren Verwaltung übernommen. Dazu gehörten Dinge wie Mieten und Nebenkosten eintreiben, das Organisieren von Putz- und Abfalldiensten und immer mal wieder auch juristische Auseinandersetzungen mit der Eigentümerin SBB.
 

TEC21: Wie hat sich das Thema Zwischennutzung im Lauf der Jahre verändert?

Matthias Bürgin: Anfänglich war ich Nutzer, dann Verwalter, und schlussendlich konnte ich mit meiner Ausbildung als Stadtgeograf mit dem Schwerpunkt Quartierentwicklung mit einer Gruppe Interessierter in Basel das nt/Areal auf der heutigen Erlenmatt mitbegründen.

Wir wandten uns damals an die Eigentümerin Deutsche Bahn, die positiv auf unser Anliegen reagierte. Daraufhin entwickelten wir ein Konzept für das Areal, wie wir uns diese Zwischennutzung vorstellen. Wir propagierten, dass wir nicht einfach nur Räume mit Zwischennutzungen füllen wollen, sondern Standortentwicklung betreiben, schon im Hinblick auf die Entwicklung der Erlenmatt.
 

TEC21: Standortentwicklung mithilfe von Zwischennutzung war zu dieser Zeit noch ein unbekanntes Vorgehen?

Matthias Bürgin: Der Begriff «Akupunktur für Basel» nahm seinen Anfang mit der Entwicklung des nt/Areals. Heute wird er auch von Fachleuten verwendet. Zwischennutzung als Standortentwicklung war ein wichtiges Argument, um viele Projekte zu realisieren. Vor allem bei der Wiederbelebung von Industriebrachen, auch in Deutschland und Österreich. Diese Idee, mit Zwischennutzung nicht nur Räume zu besetzen, sondern Stadtentwicklung zu betreiben, hat sich durchgesetzt.


TEC21: Das Bafu brachte 2010 den Leitfaden Zwischennutzung heraus. Wie kam es dazu?

Matthias Bürgin: Ich bin damals mit der Idee eines Leitfadens auf das Bundesamt für Raumentwicklung ARE zugegangen. Da das ARE das Thema jedoch nicht als eine seiner Kernaufgaben betrachtete, haben sie abgesagt. Über die damalige Baselbieter Nationalrätin Susanne Leutenegger-Oberholzer, die sich zu der Zeit für die Umnutzung von Industriebrachen einsetzte, kam es zur Zusammenarbeit mit dem BAFU.

Das BAFU wollte Zwischennutzungen mit einem Leitfaden fördern wegen des Altlastenproblems der Industriebrachen. Diese sollten möglichst schnell beseitigt werden, und die These war, dass dies mit Zwischennutzungen möglich sei. Dabei gibt es zwei Aspekte: Erstens kann man mit Zwischennutzung verhindern, dass entsprechende Substanzen an die Oberfläche gelangen. Und zweitens: Wenn durch Zwischennutzung eine Industriebrache aktiviert wird, ist die Wahrscheinlichkeit, dass man auch eine Umnutzung realisieren kann, grösser.

Aus dem Leitfaden resultierte später die Webseite zwischennutzung.ch. 2016 zog sich das Bafu aus dem Projekt zurück. Mittlerweile kümmert sich die Espace Suisse mit der Plattform www.densipedia.ch um das Thema.


TEC21: Sind Sie hier auch involviert?

Matthias Bürgin: Nach dem Rückzug des Bafu fragte ich verschiedene Institutionen an, einen Relaunch von zwischennutzung.ch zu finanzieren, unter anderem eben auch Espace Suisse. Sie wollten im Rahmen der Domain www.densipedia.ch etwas Neues entwickeln. Dafür erhielt ich den Auftrag, die Inhalte zu erstellen. Sie bilden ein Konzentrat und auch eine Aktualisierung der Inhalte der alten Internetseite, bezogen auf das Thema Innenentwicklung und Verdichtung.

Zwischen 2018 und 2019 habe ich alle Projektbeispiele besucht, die ich für densipedia.ch porträtierte. Sie sind von der Stossrichtung her alle ganz ähnlich wie das nt/Areal. Für mich war immer wichtig, dass Zwischennutzung einen Mehrwert für die Zivilgesellschaft darstellt. Der Begriff Zwischennutzung wird momentan leider für alles gebraucht, was nur vorübergehend ist.


TEC21: Die Grenze zwischen einer echten Zwischennutzung und allem, was als Zwischennutzung verkauft wird, ist fliessend.

Matthias Bürgin: Ich habe verschiedene Kriterien definiert, die eine Zwischennutzung beeinflussen. Dabei gibt es zwei Pole, extrovertiert und introvertiert. Dazwischen sind alle Nuancen möglich. Die Beispiele auf densipedia.ch sind bei den extrovertierten Projekten angesiedelt. Extrovertiert bedeutet, dass man eine Ausstrahlung in die Umgebung erreichen will. Introvertiert wäre wiederum ein Raum, in dem ich etwas produzieren kann und dieser Raum ist günstig. Mehr nicht. Das ist dann das Provisorium.


TEC21: Was sind für die Voraussetzungen für eine gelungene Zwischennutzung?

Matthias Bürgin: Grundsätzlich ist wichtig, dass sie eine Ausstrahlung auf die Umgebung, auf das Quartier oder gar auf die Stadt hat. Je mehr «Bottom-up», desto grösser der Beitrag für die Zivilgesellschaft.


TEC21: Bei Ausstrahlung nach aussen geht man immer davon aus, dass es sich um eine positive Ausstrahlung handelt.

Matthias Bürgin: Ein Entscheidungsgrund vieler Eigentümer für eine Zwischennutzung ist der Schutz vor Vandalismus. Aber man hat auch festgestellt, dass es so etwas wie sekundären Vandalismus gibt, wo Areale zum Beispiel zu Spielwiesen für ungewollte Sprayer und für Littering geworden sind. Wobei es auch Vertreter extremer Ansichten gibt, die sagen, selbst Littering sei eine Form der Aneignung. Aneignung bedeutet, Spuren zu hinterlassen – und diese Spuren können positiv oder negativ sein.


TEC21: Kann man sagen, dass Zwischennutzungsprojekte früher eher von Privatpersonen oder Besetzern initiiert wurden und heutzutage ein anerkanntes Mittel sind, um eine Wertschöpfung für die eigene Immobilie zu generieren?

Matthias Bürgin: Das Letztere wage ich zu bezweifeln. Aber es ist sicher eine Tendenz. In den 1980er-Jahren waren es hauptsächlich Besetzungen, in den 1990er-Jahren haben sich Zwischennutzungen langsam etabliert. Da waren auch Leute involviert, die vorher Besetzer waren, aber den Vorteil erkannt haben, den eine Kooperation mit den Eigentümern bringt.

Mit der Aufmerksamkeit in den Medien und von Planungsverantwortlichen entstand vermehrt der Typus «Top-down» für Zwischennutzungskonzepte. Hier muss man sich mit einem Konzept, oft sogar einem Businessplan bewerben. Man kann sich natürlich fragen, ob ein Businessplan nicht gerade die Kreativität abwürgt, die man sich erhofft. Es gilt das Prinzip: Ich gebe dir den Raum günstig, aber deine Zeit, in der du ihn bekommst, ist nur befristet. Heute sind die Preise, die teilweise von Eigentümern verlangt werden, zu hoch. Früher waren das leistbare Mieten, die vereinbart wurden.

Zurück zu Ihrer Frage, ob man die eigenen Erträge aufbessern kann: Man kann immerhin überhaupt Erträge generieren, wenn man Leerstand vermietet. Alle Zwischennutzer zahlen einen bestimmten Betrag. Diese Erträge reichen für den Eigentümer aus, um einerseits in der ganzen Bilanz besser dazustehen, andererseits kann ein Teil auch für Planungskosten, Marketing oder Ähnliches eingesetzt werden.


TEC21: Wie sehen sie die Zukunft für die Zwischennutzungen? Wird es neue Modelle geben, die sich etablieren werden, oder wird es mehr in Richtung Kommerzialisierung gehen?

Matthias Bürgin: Im Moment sehe ich zwei Tendenzen: Von «Bottom-up» zu «Top-down». Aber auch hier gibt es Beispiele, die «Top-down» geplant wurden und nun «Bottom-up» funktionieren, z.B. das Neubad in Luzern und die Alte Feuerwehrskaserne Victoria in Bern.

Eine weitere Tendenz ist, dass vermehrt Aussenflächen genutzt werden. Beispiele hierfür sind zwei Projekte von «I lake Lausanne»: La Jetée de la Compagnie in Lausanne und La Galicienne in Prilly oder auch die Warmbächli-Brache in Bern. Was auch damit zu tun hat, dass weniger Innenräume auf den Zwischennutzungsmarkt kommen, weil Projektentwickler von Anfang an an Umnutzung denken oder der Abbruch viel schneller kommt, als dass es sich lohnen würde, eine Zwischennutzung zu initiieren.

Und für die Zukunft spielt vor allem eine Rolle, welche Flächen noch zur Verfügung stehen werden. Gut möglich, dasss durch Corona vermehrt wieder Innenflächen wie Ladenlokale leer stehen werden. Eine Frage ist auch immer die des Zeithorizonts: Die Faustregel besagt, dass eine Zwischennutzung drei Jahre dauern sollte, damit sich etwas Prägendes aufbauen lässt.

 

Weiterführende Links:

«Utopien auf Zeit», TEC21 5/2020
www.zwischennutzung.ch

www.densipedia.ch/zwischennutzung