Frei­heit als Prin­zip

Isamu Noguchi (1904–1988) gehörte zu den experimentierfreudigsten Kunstschaffenden des 20. Jahrhunderts. Das Zentrum Paul Klee in Bern widmet ihm aktuell eine Ausstellung, in der sich Werk und Architektur aufs Schönste ergänzen.

Publikationsdatum
18-10-2022

Amorphe Inseln, die die Ausstellungsobjekte tragen, formen den Ausstellungsraum im Zentrum Paul Klee zu einer eigenen Landschaft. Im Grundriss erinnern sie an ein federleichtes Mobile – im Raum verbinden sie sich mit den umgebenden Flächen und bilden zusammen mit freistehenden Skulpturen einen Besucherparcours. Damit ist es den Ausstellungsmachenden gelungen, eines der grossen Themen im Werk von Isamu Noguchi abzubilden: Bei aller künstlerischer Wandelbarkeit zieht sich die Auseinandersetzung mit der Spannung zwischen Materialien und Oberflächen, zwischen Abstraktion und Haptik, zwischen Innen und Aussenraum als roter Faden durch sein Schaffen.

Und diese Mehrdimensionalität ist Programm. So wenig, wie er angewandte von freier Kunst unterscheiden mochte, so ungebremst lieferte er sich auch allen möglichen Materialien und Techniken aus und machte sie sich zu eigen. Im Kurzfilm, der im Museum zu sehen ist, bezeichnet er seinen Wohnsitz New York als Marktplatz, der sich wohl zum Kommunizieren, nicht aber zum Arbeiten eigne.

Unermüdlich bereiste Noguchi Kontinente, studierte Kulturen und suchte mit gleichem Engagement Inspiration in der Geschichte wie in der neuesten Forschung. Im Heimatland seines Vaters, eines japanischen Dichters, begeisterte er sich für Gartenanlagen. In seinem selbst gestalteten Museum in New York fliessen Innenraum und Garten zu einem Gesamtkunstwerk ineinander.

Die Idee von einer «idealen Welt im Kleinen» als künstlerische und nützliche Form einer Skulptur prägte ab den 1940er-Jahren die Entwürfe Noguchis für Bühnenbilder, Spielplätze und Parks. Wie viele seiner Künstlerkollegen trieb auch ihn der Wunsch um, einen gesellschaftspolitisch relevanten Beitrag zu leisten. Dieser verstärkte sich nach den Angriffen auf Pearl Harbor und später den katastrophalen Zerstörungen von Hiroshima und Nagasaki. Als japanstämmiger Amerikaner schlug ihm aber sowohl in Amerika, als auch in Japan Ausländerfeindlichkeit entgegen, sobald er Vorschläge zu politisch brisanten Themen einreichte. Sein Engagement für zugängliche Kunst, die einen Zweck erfüllt, anstatt im Museum nur einem ausgewählten Publikum zugänglich zu sein, pflegte er dennoch.

Sein freier Umgang mit Dimensionen wird in der Ausstellung, die von London über Köln und Bern nach Lille wandert, sichtbar. Einzelne Objekte sind so positioniert, dass zuerst ihr Schattenwurf auf der Wand auffällt. In Bronze gegossene Modelle von Land Art Projekten wechseln sich mit originalen Bühnenbildern und Kostümen ab. Die Auseinandersetzung mit Marmor und Basalt als den am einfachsten und am schwersten zu bearbeitenden Gesteinen, bilden Antipoden in seinem Oeuvre. Marmor verwendet er für gestreifte, hochpolierte Körper und erzielt eine merkwürdig postmoderne, artifizielle Wirkung. Dagegen ist den brachialen Skulpturen aus Basalt anzusehen, welchen Zusammenhängen sie entnommen sind und wieviel Mühe es kostet, ihnen den gewünschten Ausdruck abzuringen. Der Prozess der Bearbeitung bleibt sichtbar und entfaltet eine besondere Kraft.

Abgesehen von einer heiteren, begehbaren Skulptur vor dem Eingang beschränkt sich die Schau in Bern auf den Innenraum. Der funktionale Teil von Noguchis Werk ist durch die Lichtobjekte vertreten: Die «Akari-Leuchten», Lampions mit einer Bespannnung aus innerer Maulbeerrinde und fein gespaltenem Bambus, die seit 1951 in Produktion sind, tummeln sich unter der Decke des Ausstellungsraums. In ihren ausgewogenen Dimensionen unterscheiden sie sich deutlich von der bekannten Massenware – allerdings auch in ihrem Preis. Eine Entdeckung sind die pyramidenförmigen Papiermodule, die im hinteren Bereich der Ausstellung zu einer Lichtdecke zusammengefügt sind.

Manche Kritiker werfen Isamu Noguchi vor, die künstlerische Qualität seines Werks durch die fehlende Distanz zum Produktdesign zu entwerten. Er selbst legte aber offenbar grössten Wert darauf, sich nicht festlegen zu müssen. Erfreulicher Weise begegnen uns seine Arbeiten daher heute in Museen wie im Alltag. Je nach Material sind sie vergänglich und begleiten uns nur ein paar Jahre – wie die zarten Lampions – oder überdauern, eingereiht in den Kanon der grossen Kunstwerke des 20. Jahrhunderts.

Die Ausstellung im Zentrum Paul Klee in Bern läuft noch bis zum 8. Januar 2023.


Weitere Infos gibt es hier.

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