Hun­dert Ta­ge «Va­lue app» – ein Be­richt der Ent­wick­ler der Va­lue Me­tho­de

Im vergangenen Herbst wurde die «Value app» in einer Pionierphase lanciert. Seither reichten Userinnen und User 119 Projekte ein. Die erste Auswertung zeigt, wo das Instrument verlässlich Orientierung bietet und wo weitere Präzisierungen nötig sind.

Publikationsdatum
12-02-2026
Sacha Menz
Professor für Architektur und Bauprozess, ETH Zürich, Partner SAM Architekten und Partner
Axel Paulus
dipl. Arch. ETH SIA, Dozent ETH Zürich, Partner arc experts

Mit der öffentlichen Testphase der «Value app» hat der SIA die Value Methode im September 2025 erstmals einem breiten Fachpublikum zugänglich gemacht. Diese Pionierphase dient der Validierung der statistischen Grundlage und ist bewusst als Realitätscheck angelegt: Funktioniert die Methode unter realen Projektbedingungen? Sind die Ergebnisse nachvollziehbar und bilden sie die tatsächlich geleisteten Aufwände plausibel ab? Und eignet sich die App als gemeinsames Arbeits- und Verhandlungsinstrument für Auftraggebende und Planende?

Die Value Methode entstand ursprünglich an der ETH Zürich und wird heute in enger Zusammenarbeit mit dem SIA weiterentwickelt. Wichtig ist die klare Abgrenzung: Weder die ETH noch arc experts wurden vom SIA beauftragt oder legitimiert, Honorarstrategien oder Honorarempfehlungen zu entwickeln. Die «Value app» ist kein Honorarinstrument. Sie dient ausschliesslich der neutralen, WEKO-konformen Ermittlung und Plausibilisierung von Zeitaufwänden – zu Projektbeginn ebenso wie über alle Projektphasen hinweg – und schafft damit eine transparente Gesprächsgrundlage für alle Beteiligten.

Regulatorischer Rahmen und methodische Grundlagen

Gemäss den Vorgaben der WEKO darf die «Value app» keine systematisch überhöhten Aufwände ausweisen. Hintergrund sind kartellrechtliche Einwände gegen frühere honorarähnliche Modelle, insbesondere hinsichtlich fehlender Transparenz, intransparenter Bezugsgrössen, eingeschränktem Ermessensspielraum und nicht repräsentativer Grundlagen.

Die «Value app» basiert inhaltlich auf den Grundleistungen der SIA 102 «Ordnung für Leistungen und Honorare der Architektinnen und Architekten»; die Integration der Ordnungen SIA 103 für das Bauingenieurwesen und SIA 108 für die Bereiche Gebäudetechnik, Maschinenbau und Elektrotechnik ist in Arbeit. Die Ordnung SIA 105 für Landschaftsarchitektur folgt. Bewusst verzichtet die Methode auf das 2017 kritisierte Baukostenmodell und bewertet stattdessen den Zeitaufwand pro Quadratmeter und Bautypologie – sachgerecht für frühe Projektphasen, in denen das Raumprogramm im Vordergrund steht.

Qualitative Anpassungsfaktoren präzisieren den Zeitaufwand projekt-, prozess- und qualitätsbezogen, unter anderem auf Basis des Davos Qualitätssystem für Baukultur. Sie sind transparent, begründungspflichtig und sichern den notwendigen Ermessensspielraum, ohne die Neutralität der Methode zu gefährden.

Die erste Kalibrierung erfolgte auf Basis von über 1500 abgerechneten Referenzprojekten, erhoben durch die Schweizerische Zentralstelle für Baurationalisierung (CRB) und publiziert in Werk, Bauen und Wohnen. Analysiert wurden ausschliesslich Abweichungen von mehr als ±10 %; kleinere Differenzen gelten als zulässiger Ermessensspielraum. Die Prognoseintervalle bilden mit 80% Wahrscheinlichkeit den Zusammenhang zwischen Geschossfläche und Zeitaufwand ab.

Ergebnisse nach hundert Tagen

In den ersten hundert Tagen reichten Userinnen und User der «Value app» 119 Projekte ein, davon konnten 107 ausgewertet werden. 83 Projekte wichen um mehr als ±10 % vom jeweiligen Grundmodell ab und wurden deshalb vertieft analysiert. 

Die grössten Abweichungen zeigen sich bei kleinen Projekten unter 2000 m² Geschossfläche – ein statistisch erklärbares Muster, das bereits aus früheren KOF-Auswertungen bekannt ist. Bei Projekten über 8’000 m² Geschossfläche liegen die Abweichungen über alle Nutzungen hinweg innerhalb des Zielparameters von ±10 %. Aufgeschlüsselt nach den Nutzungen ergeben sich folgende Erkenntnisse: 

  • Wohnen: bis 2’000 m² Geschosssfläche Median +25 %, zwischen 2’000–10’000 m² Geschossfläche Median +9 %, ab 10’000 m² Geschossfläche Median +20 %
  • Ausbilden und Forschen: bis 5’000 m² Geschossfläche Median +30 %, für höhere Geschossflächen Median +10 %
  • Heilen und Pflegen: stabil mit Median +2 %
  • Arbeiten: bis 5’000 m² Geschossfläche Median +86 %, für höhere Geschossflächen Median –4 %
  • Lagern / Produzieren: derzeit nicht repräsentativ, da nur je 1 Datensatz ausgewertet werden konnte. 

Massnahmen und Weiterentwicklung

Um die Streuung bei kleinen Projekten zu reduzieren, werden die Prognoseintervalle künftig frühzeitig anhand des Projektbeschriebs angepasst. Damit werden charakteristische Gebäudetypologien (z. B. typologische Unterschiede bei Einfamilienhäusern, Kindergärten, Laboren usw.) anhand der Projektbeschreibung differenziert und entsprechend der Prognoseintervalle identifiziert. Die Umsetzung ist innerhalb der nächsten drei Monate vorgesehen.  

Als nächste Verbesserung wird die Eingabe der Anpassungsfaktoren grafisch und funktional überarbeitet. Weitere Verbesserungen zielen auf Nutzerfreundlichkeit, Übersichtlichkeit und Nachvollziehbarkeit der Ergebnisse.

Eine zusätzliche Vereinfachung betrifft das Dateneingabeformular. Dort werden neu übersichtlich und reduziert nur die wesentlichen Angaben der Nutzerinnen und Nutzer abgefragt.

Die ersten hundert Tage zeigen: Die «Value app» liefert bereits belastbare, WEKO-konforme Prognosen. Die verbleibenden Unschärfen konzentrieren sich hauptsächlich auf kleine Projekte. Eine breite Anwendung von Nutzenden ist daher zentral, um die Datenmodelle weiter zu schärfen und realitätsnähere Datengrundlagen zu liefern – zum Nutzen aller Beteiligten und als Beitrag zur Sicherung unserer immer noch hohen Baukultur.

Sacha Menz, Professor für Architektur und Bauprozess ETH Zürich, Partner arc experts, Axel Paulus, dipl. Arch. ETH SIA, Dozent ETH Zürich, Partner arc experts

Der SIA hat einen Begleitartikel zum Bericht verfasst, welche aus der Perspektive des Vereins ergänzend einordnet, wo die «Value app» steht. Hier geht es zum Artikel.

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