Funk­tio­na­le Aus­schrei­bun­gen bei feh­len­der In­ge­nieur­kunst

Leserbrief

Aus unserer Leserschaft: Kommentar zu Ausschreibungen im Holzbau. 

Publikationsdatum
31-08-2026

Ingenieure und Ingenieurinnen verkaufen die funktionale Ausschreibung im Holzbau immer mehr als flexibles Planungsinstrument, mit dem das Unternehmer-Know-how optimal ins Bauprojekt einfliessen kann. Ist diese Ausschreibungsart aber nicht viel eher ein Indiz für fehlende Planungs- und Holzbaukompetenz?

Die zu erbringenden Ingenieurleistungen sind in SIA 103 Ordnung für Leistungen und Honorare der Bauingenieurinnen und Bauingenieure verbindlich definiert. Sie erfordern ein tiefes Verständnis der Materialeigenschaften, der Statik, der Konstruktion, der Kosten und der praktischen Umsetzung. Eine leistungsgenaue Ausschreibung setzt ein theoretisches Wissen und ein baupraktisches Können der Ingenieurin und des Ingenieurs voraus. Sie zwingt diese dazu, sich ab dem Vorprojekt aktiv mit dem Projekt auseinanderzusetzen, Konstruktions- und Detaillösungen zu entwickeln, die Kosten zu optimieren und die Ausführbarkeit zu gewährleisten. 

Gerade im Holzbau gilt es, neben der Statik auch die konstruktiven Anforderungen aus Brandschutz und Bauphysik sowie die Dauerhaftigkeit und Montierbarkeit von Beginn weg mitzudenken. Dies war lange Normalzustand in der Ingenieurpraxis und garantiert ein koordiniertes, abgestimmtes Vorgehen der Beteiligten sowie den Qualitätsstandard, den Bauherrschaften erwarten.

Eine funktionale Ausschreibung definiert die Anforderungen an Bauteil und Tragwerk – nicht die Lösung und den Weg. Für Totalunternehmerausschreibungen mag das sinnvoll sein. In einzelnen Fachbereichen, wie im Holzbau, führt dieses Modell jedoch dazu, dass das nötige Detailwissen und die statische und ökonomische Verantwortung von der Ingenieurseite an die ausführende Firma abgeschoben werden. 

Genau hier liegen aber auch zwei Probleme: Zum einen kommt das Know-how viel zu spät ins Planungsteam, wodurch die Planung so lange stockt, bis das ausführende Unternehmen am Tisch sitzt. Das Resultat sind Verzögerungen, Unsicherheiten und Mehrkosten in der Planung und Ausführung. Zum anderen ist zu bedenken, dass Ausführende im Gegensatz zu Ingenieurbüros ihre Planungsarbeiten nicht mit den bekannten hohen Deckungssummen versichern können. Das Risiko für die Bauherrschaft steigt beträchtlich. 

Um das Selbstverständnis im Ingenieurwesen zu prüfen, hilft ein Blick zum Massivbau. Dort gehören die konzeptionelle und kons­truktive Planung, die statische Bemessung der Bauteile sowie die Planung der Baugrube und der Wasserhaltung zum Leistungsumfang der Ingenieurinnen und Ingenieure. Ihre Verantwortung reicht bis ins Detail. Warum wird diese Ingenieurskultur im Holzbau aufgegeben? Weil offenbar viele Ingenieurinnen und Ingenieure mit dieser Bauweise überfordert sind. Um einen Holzbau mit Tragwerk und den konstruktiven und verkleidenden Bauteilen zu planen und die Kosten im Griff zu haben, braucht es praktische Erfahrungen und Wissen. 

Beides fehlt ihnen, womit sie die Krücke über die funktionale Ausschreibung wählen. Ingenieurinnen und Ingenieure haben den Auftrag und werden von der Bauherrschaft dafür bezahlt, Lösungen zu entwickeln und diese zu planen – und nicht, dies an andere weiterzuschieben und sich damit der Verantwortung zu entziehen. Wer im Holzbau planen will, muss bauen können – und das beginnt bei der detaillierten, koordinierten Planung gemeinsam mit der Architektur und den weiteren Fachplanenden. Auf dieser Basis erfolgt die Ausschreibung gemäss SIA 103, um das geeignete Unternehmen für die Ausführung auszuwählen. In engem Austausch mit diesem wird die Ausführungsplanung erarbeitet, die Ausführung als Treuhänder der Bauherrschaft begleitet.

Seien wir Ingenieurinnen und Ingenieure uns unserer Verantwortung wieder bewusst. Pflegen und erhalten wir auch in Zukunft unsere Ingenieurskunst.

E-Dossier «Holzbau»
Auf espazium.ch finden Sie Artikel zu Umbauten, Aufstockungen, mehr­geschossigen Gebäuden, Brücken und anderen Bauwerken, die in Holzbauweise realisiert worden sind.

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