Ein afro­fu­tu­ris­ti­sches Ka­bi­nett in NY

Hella in New York

Längst überfällig: Das Metropolitan Museum in New York würdigt das Kunsthandwerk und die Wohnformen der afrikanischen Einwanderer. Die Interieurs thematisieren aber nicht nur die Vergangenheit, sondern deuten auch eine mögliche Zukunft an.

Publikationsdatum
16-05-2022

Wie alle grossen kulturellen Institutionen bemüht sich auch das Metropolitan Museum of Art in New York um Schadensbegrenzung betreffend dem Umgang mit dem Kunstschaffen der sogenannten Minderheiten in der jüngeren Vergangenheit. Dass die Qualität zahlreicher afrikanischer Möbel und Einrichtungselemente aus Museumssicht von jeher unangefochten war, beweist der reiche Fundus, auf den das Kuratorenteam für den jüngsten Coup zurückgreifen kann.

Dieser Beitrag ist der Auftakt zu unserer Sommerserie «Hella in New York». TEC21- Redaktorin Hella Schindel wird für uns während drei Monaten in loser Folge über Trouvaillen aus dem Big Apple berichten.

In Form eines neu gestalteten «afrofuturistischen» period rooms – ein Kunstwort, was soviel bedeutet wie ein «transdisziplinärer kreativer Umgang mit schwarzer Vorstellungskraft, Exzellenz und Selbstbestimmtheit» – erhält nun auch das Möbeldesign und die Wohnkultur der afrikanischen Bevölkerung einen Platz im Amerikanischen Flügel des Metropolitan Museum. Er ist als Ergänzung der 34 period rooms zu betrachten, in denen das Museum ikonische Interieurs widerspiegelt, die in der Vergangenheit Einfluss auf die amerikanische Innenarchitektur hatten. Von einem römischen Schlafzimmer aus Pompei bis zu einem Wohnraum von Frank Llyoyd Wright ist die Spanne gross– die naheliegendsten Einflüsse der ersten Einwanderer Manhattans fanden allerdings bisher keinen Platz in der Ausstellung. Eine Lücke, die man schleunigst vergessen machen möchte.

Transformation der Wurzeln

Als Basis der Installation dienen Erkenntnisse von Ausgrabungen, die 2011 im benachbarten Central Park zutage traten. Denn bevor der Park 1857 entstand und die fünf «borroughs» zu der Stadt New York zusammengefügt wurden, befand sich hier eine Ansiedlung. Mitte des 19. Jahrhunderts bildeten rund 50 Häuser das «Seneca Village», in dem hauptsächlich Menschen afrikanischer Herkunft auf gekauftem Land zusammenlebten. Abseits vom damals bereits stark besiedelten Lower Manhattan schufen sie sich hier eine eigene Welt mit Schulen, Kirchen und Gärten. Zugunsten des Parks wurden die Menschen unter dem Vorwand unhygienischer Zustände enteignet und umgesiedelt.

Die Schau trägt den Namen «Before yesterday we could fly» – eine Anspielung auf eine Fabel, gemäss der sich eine Gruppe von Westafrikanern der Versklavung entzog, indem sie sich in die Luft erhob und zurück in ihre Heimat flog. Eine Hütte, wie sie damals ausgesehen und sich durch die Jahrzehnte transformiert haben könnte, steht nun in einem eigenen Saal. Die Besuchenden können drumherum gehen und durch Fenster und geöffnete Wände in Wohnraum und Küche hineinblicken.

Der offene Grundriss ist dabei auch als ein Verweis auf die Maximen des Mies'schen International Style zu lesen. Denn im Unterschied zu den bestehenden Interieurs setzt sich die Gestaltung der Räume nicht nur aus Bestandteilen der Vergangenheit, sondern auch der Gegenwart und einer denkbaren Zukunft zusammen. Der Entwurf einzelner Objekte wurde extra für diesen Raum in Auftrag gegeben. Die Verquickung der Zeitebenen ist als Referenz an das afrikanische Kunstverständnis zu verstehen, dessen Einordnung sich nicht an Zeiten oder Perioden orientiert, sondern entlang mündlich weitergegebenen Geschichten veränderbar bleibt.

Möbel mit Bedeutung

Die ausgestellten Artefakte sind überall dort entstanden, wohin es Menschen afrikanischen Ursprungs getrieben hat. Von besonderer Bedeutung sind die ausgestellten Kämme, die heute als ein wichtiges Symbol des afrikanischen Selbstverständnisses gelten. Die Pflege des Haars, das so oft malträtiert oder unter Perücken versteckt wird, ist heute Ausdruck der Annäherung an eine gleichberechtigte Betrachtung unterschiedlicher Körper.

Dazu gesellen sich zeitgenössische Möbelentwürfe und Haushaltsgegenstände, die sich auf künstlerische, aber auch industrielle Errungenschaften beziehen, wie sie überall in der Welt entstehen und zugleich in der afrikanischen Kultur verwurzelt sind. Neben einem Bugholzstuhl, der die Form eines Kamms aufnimmt (Mido Chair, 2021, Walnussfurnier; Designer: Jomo Tariku, Äthiopien/USA, geb. 1969)), stehen mit traditionellen Mustern verzierte Hocker aus Keramik (Imbizo Stool; Artist: Chuma Maweni, Südafrika, geb. 1976).

Das Ensemble von rundem Tisch und Hockern, an dem die Mitglieder eines Haushalts zusammenkommen, stellt damals wie heute und in Afrika ebenso wie in Amerika den zentralen Ort der Zusammenkunft dar. Für den anschliessenden Wohnraum hat Ini Archibong drei Möbelstücke geschaffen. Sein Leuchter aus flaschenartigen, gelblich-grünen Glaskörpern taucht das Szenario in ein atmosphärisches Licht. Die Farben erinnern an afrikanische Stoffe, sind aber in traditioneller Glasbläsertechnik entstanden, wie sie in Venedig beheimatet ist.

Die Konstruktion eines Sessels spielt auf die mythologische Figur des Atlas an, der die Last der Welt auf seinen Schultern trägt – ein Bild von Leid und Verantwortung, das der Designer in sein Bild der gegenwärtigen afrikanischen Kultur integriert. Der zugehörige Tisch steht auf drei gläsernen Beinen und trägt eine Platte aus Marmor, die viel zu schwer zu sein scheint. Bewusst bedient sich der Designer, der als Kind nigerianischer Eltern in Kalifornien aufgewachsen ist und nun in Neuchâtel lebt, luxuriöser Materialien, die er in einfache Formen setzt. Damit reiht er sich zwar in den internationalen Designzirkus ein; indem er aber die Bezüge zu Orten, Kulturen und Zeiten durcheinanderbringt und in neue Beziehungen setzt, stellt er ihn auch in Frage.

Was ist wahr?

Diese Skepsis gegenüber der gewohnten kunstgeschichtlichen Einordnung, die den Einfluss der Afrikanischen Kultur überspringt, prägt auch den Entwurf der Videokünstlerin Jenn Nkiru («Out/side of time», Künstlerin und Regisseurin nigerianischer Herkunft, aufgewachsen in London und berühmt geworden mit Videos für Beyoncé): anstelle eines Tischs hat sie einen Würfel aus Monitoren gebaut. Die Filme zeigen nachgestellte Szenen einer Familie im Seneca Village, gemischt mit Archivmaterial aus dem 19. Jahrhundert und verstörenden Bildern einer schreienden Gestalt. Sowohl die Form des Möbels, dessen Bestandteile der Ästhetik der 1960er-Jahre entsprechen, dessen technische Ausrüstung aber dem neuesten Stand der Technik entspricht, als auch die Filminhalte vermischen Realitäten.

Angeregt von diesem unorthodoxen Umgang mit Wahrheit und Erzählung erscheinen die umgebenden Period rooms, die ja auch aus erfundenen und historischen Elementen zusammengesetzt sind, jedoch ohne dies explizit zu erläutern oder gar zum Thema zu erheben, in einem neuen Licht.

Durch die Infragestellung des bisherigen Umgangs mit ikonischen Bildern der nationalen amerikanischen Kultur leistet das Metropolitan Museum einen Beitrag im Diskurs um die Integration und Wiedergutmachung gegenüber der schwarzen Bevölkerung Amerikas. Die Installation kann den verheerenden Umgang mit den Bewohnenden des Seneca Village nicht ungeschehen machen, ist aber als Symbol einer Öffnung zu diesem dunklen Kapitel ein bemerkenswerter Schritt.