Wo die Nüs­se wuch­sen

Hella in New York

Governors Island vor der Südspitze von Manhattan diente einst dem Militär. Heute findet sich hier eine gelungene Mischung aus Freiräumen und unangestrengter Landschaftsgestaltung – ein Geheimtipp.

Publikationsdatum
30-05-2022

Noch ist es windig und regnerisch, aber alle reden vom heissen Sommer im New York, dem man unbedingt entfliehen müsse – also schaue ich mich schonmal um. Von der Südspitze Manhattans gelangt man per Fähre in zehn Minuten nach Governors Island, eine Insel, die ursprünglich von den Lenape-Indianern zum Sammeln von Nüssen und zum Fischen genutzt wurde. Nach der Kolonialisierung war sie lange Zeit dem Militär und anschliessend bis 1996 der Küstenwache vorbehalten und nicht öffentlich zugänglich. Daher ist sie auf dem inneren Stadtplan vieler Menschen nicht verzeichnet.

Seit 2010 verwaltet ein Trust der Stadt New York einen Grossteil der 70 Hektar, der Rest ist als National Monument eingetragen. Die Ideen für Nutzungen reichten von einem Casino bis zu einem Flughafen, was zum Glück beides verhindert werden konnte. Aber die Querelen um Ansprüche und Verpflichtungen sind heute noch längst nicht verstummt.

Um die historischen Fort-Anlagen herum ist der nördliche Teil mit rund 60 Häusern aus Backstein bebaut, in denen erst das Militär, später die Angehörigen der Küstenwache lebten. Heute stehen die meisten davon leer. Nur ein Streifen beherbergt eine Highschool, die bis 2010 in Bushwick zuhause war. Und in diesem Jahr öffnet ein hyperluxuriöser Spa, deren Betreibende offenbar genug Geld geboten haben, um das Haus für die nächsten 100 Jahre zur Miete zur Verfügung gestellt zu bekommen.

Einzelne Fonds und Förderer ermöglichen Künstlerinnen und Künstlern Stipendien und Workshops in den Backsteinbauten und investieren in Renovation und Infrastruktur. Das Lower Manhattan Culture Council (LMCC), das sich ebenfalls aus Spenden finanziert und sich dem Publikum gratis öffnet, bespielt ein grosses Haus gleich beim Fähranleger. Hier können sich Tanzschaffende und Kunstschaffende mit Wohnsitz New York über die Sommermonate für einfache Ateliers, teils mit einem eigentlich unbezahlbaren Blick auf Manhattan, bewerben und auch ausstellen. Die Organisation versucht, die Beteiligten untereinander und mit anderen Nutzenden der Insel sowie dem Publikum in Verbindung zu bringen. Dabei gilt der Vernetzung von Themen zur Erforschung der Kreislaufwirtschaft und der nachhaltigen Bewirtschaftung der Insel ein besonderes Interesse.

Unangestrengt gestaltet

Im Anschluss an dieses Gelände, das sich gerade zwischen Verfall und noch angenehm wenig definierten Freiräumen für künstlerische Nutzungen bewegt, ist die südliche Hälfte der Insel bereits neu erschlossen. Nach einem landschaftsplanerischen Wettbewerb, den 2018 das niederländische Büro West8 für sich entscheiden konnte, ist hier auf vier Hügeln aus inseleigenem Bauschutt ein herrlicher Landschaftspark entstanden. Gardening- und Kompostprojekte gliedern die Bewirtschaftung des Parks in die Umweltziele der Insel ein und schaffen Arbeitsplätze. Das Gelände lässt sich auf mäandernden Wegen durchkreuzen oder umrunden. Je nach Himmelsrichtung eröffnen sich Ausblicke auf die Skyline, den Hafen oder auf Red Hook, den nur 400 m entfernten Stadtteil von Brooklyn, der als der aktuelle Hotspot gehandelt wird und mit einer eigenen Fährverbindung angeknüpft ist. Auf dem höchsten Hügel befindet man sich quasi Auge in Auge mit der Freiheitsstatue – fast jedenfalls.

Das ewige Brummen der Helikopter erhält zusätzliche Untermalung von den Vögeln zu Lande und zu Wasser, die sich hier offensichtlich wohl fühlen. Picknickbänke, bewegliche Stühle und Hängematten bieten eine abwechslungsreiche Arbeits- oder Erholungsumgebung unter Weiden, die in der immer gegenwärtigen Meeresbrise schaukeln. Allerdings darf man nicht vergessen, dass die letzte Fähre gegen 18 Uhr die Insel verlässt. Wer länger blieben möchte, kann sich in einem luxuriösen Zelt auf dem Glampingplatz einquartieren, an einem Feuerchen sitzen und zusehen, wie die Lichter der Stadt den Himmel erleuchten. Es ist ein Wunder, dass die Insel noch so unentdeckt ist. Von mir aus kann der Sommer kommen.

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