Die Poe­sie der Plat­te

Publikationsdatum
18-07-2018
Revision
18-07-2018
Tina Cieslik
Redaktorin TEC21 / Architektur und Innenarchitektur

Ist das eine neuartige Form von Landwirtschaft? Oder doch ein Stück Land Art? Nein, der Grund für diese Bodenbearbeitung ist ungleich profaner: Wenn alljährlich im Juli Zehntausende Musikbegeisterte zum Gurtenfestival auf den Berner Hausberg pilgern, treten sie ihn sprichwörtlich mit Füssen. Kommt noch Regen dazu, gibt es die – je nach Präferenz und Alkoholpegel – begehrten oder berüchtigten Schlammbäder. Für den Boden aber heisst das vor allem eines: leiden. Also verlegen Arbeiter im Vorfeld zwischen den Bühnen 13 000 ­Quadratmeter aneinander­gekettete ­wabenförmige Bodenplatten. Sie sollen Besucherfüsse und Wiese ­gleichermassen schützen.
Ist die Veranstaltung vorbei, gibt es den eigentlichen Magic Moment: Die Bühnen werden abgebaut, die Platten entfernt. Zum Vorschein kommt ein flächiges, endlos scheinendes Relief. Stempeln gleich prägten die Aluminiumplatten ihre Unter­seite in die Erde; sich scheinbar unendlich wiederholende Kreise und Bögen zeugen von einem Wochenende voller Musik, langen Nächten und sommerlicher Unbeschwertheit. Wie das Open Air selbst lässt sich aber auch dieser Anblick nur kurz geniessen – bald wächst wieder Gras über die Sache. Doch im nächsten Jahr, wenn der Gurten wieder bebt, beginnt alles von vorn – versprochen.
 

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