Blin­der Fleck in der Son­nen­stu­be

Unsere Schwesterzeitschrift Archi hat seit Januar 2018 eine neue Chefredaktorin. In der ersten Ausgabe unter ihrer Leitung stellt sie eine unbequeme Frage: Warum tut sich das Tessin so schwer mit dem genossenschaftlichen Wohnungsbau? 

Publikationsdatum
21-02-2018
Revision
21-02-2018

Nach 20 Jahren als Direttore ist Alberto Caruso, der die Zeitschrift Archi seit deren Gründung geleitet hatte, in den Ruhestand getreten. Seine Nachfolgerin Mercedes Daguerre ist seit 2010 Mitglied des Archi-Teams und gelegentliche Autorin bei TEC21 (vgl. TEC21 20/2013 «Ein Wohnturm am Lario»). Davor arbeitete die aus Argentinien stammende, promovierte Architektin als Hochschuldozentin und Redaktorin von Casabella in Mailand (vgl. «Wechsel an der Spitze der Rivista Archi»).

Die neue Chefredaktorin widmet ihr erstes Heft dem genossenschaftlichen Wohnungsbau. Dieser hat in der deutschen und französischen Schweiz in den letzten Dekaden für wegweisende architektonische und städtebauliche Entwicklungen gesorgt, ist im Tessin aber weitgehend unbekannt. Woran liegt es, dass südlich des Gotthards offenbar wenig Interesse an gemeinschaftlichen Wohnformen vorhanden ist? Was könnte die italienische Schweiz lernen? Dass in der Sonnenstube dringend Nachholbedarf besteht, bezweifelt Daguerre nicht: «Angesichts der verheerenden Zersiedlung, die die Spekulation im Tessin angerichtet hat, ist es offensichtlich notwendig, die Landschaft und das gebaute Erbe zu schützen und das Siedlungsgebiet verträglich nachzuverdichten. Neue Formen von Gemeinschaft könnten einen gangbaren Weg dafür bieten – einen Weg des Widerstands […], der alternative Wohnformen erforscht.»

Mit dieser Forderung wirft Daguerre nicht nur baukulturelle Fragen auf, sondern rührt auch an einer empfindlichen Stelle ihrer Leserschaft: am beruflichen und gesellschaftlichen Selbstverständnis der Tessiner Architekturszene. «In den 1970er- und 1980er-Jahren experimentierten die wichtigsten Tessiner Architekten erfolgreich mit der Typologie des Einfamilienhauses», schreibt sie. «Es brauchte aber weitere 20 Jahre Laboratorio Ticino, bis es erste Ansätze gab, auch das Potenzial des Mehrfamilienhauses als funktionale Einheit und als Siedlungsform zu untersuchen.» Unüberhörbar schwingt die Frage mit, ob sich die Meisterinnen und Meister der Tendenza vielleicht etwas zu lang auf ihren Lordbeeren ausgeruht haben. Tatsache ist, dass der Anteil der Einfamilienhäuser am gesamten Gebäudebestand im Tessin deutlich höher ist als im Rest des Landes (vgl. TEC21 51–52/2015 «Der Preis der Schönheit»).

Lapidar stellt Daguerre fest: «Die Geschichte zeigt, dass die Stadt schon immer eine Art Schlachtfeld war, in dem die Voids (die nicht realisierten Projekte) oft mehr über gesellschaftliche Entwicklungen, symbolische Darstellungen und Widerstände aussagen als das Full (das Gebaute). Folgerichtig setzen wir bei einer solchen Leerstelle an.»

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