Über­for­dert, nicht ge­för­dert

Erweiterungsbau Berufsschule, Bülach

Das Gesamtplanungsteam um Nuar Architekten gewinnt den ­Projektwett­bewerb für die Erweiterung der Berufsschule in Bülach. Dem baukulturell ausgefeilten Ursprungsbau wird ein kompakter Nachbar aufgezwungen.

Publikationsdatum
23-10-2025
Paul Knüsel
Fach- und Wissenschaftsjournalist bei Faktor Journalisten

Erweiterungsbau Berufsschule, Bülach 
Projektwettbewerb im offenen Verfahren

Die «Schulbaute der Zukunft» ist einfach, rationell und wartungsarm. Der Zürcher Regierungsrat lancierte vor zwei Jahren ein Programm zur Optimierung seiner Bildungsinfrastruktur und der absehbare Ausbaubedarf sollte nicht an knappen Ressourcen scheitern. Deshalb spurt die Exekutive politisch vor; sie möchte die Kosteneffizienz für Neubauten steigern. Mithilfe verkürzter Bauprozesse, reduzierter Flächen- und Ausstattungsstandards sowie vereinfachter Haustechnik sollen künftige Schulbauten bei Erstellung und im Betrieb «5 bis 10 %» weniger kosten als bisher. 

Ein Pilotprojekt ist bereits am Start: In Wädenswil wird eine neue Kantonsschule für 1200 Gymnasiastinnen und Gymnasiasten erstellt. Zwar ist der Eröffnungstermin erst in den 2030er-Jahren geplant, doch der Standort und der Projektvorschlag sind fixiert. Das neue Mittelschulzentrum soll ein ehemaliges Industriegelände verdichten und die Lücke zu bereits realisierten grossformatigen Wohnbauten schliessen. Deshalb brachte der Wettbewerb, wenig überraschend, eine kompakte Grossform hervor. Als Sieger des Auswahlverfahrens wurde damals ein sechsgeschossiger Quader mit Atrium von Gunz & Künzle Architekten gekürt. Gemäss Jury liefert der Entwurf eine «angemessene, räumlich attraktive Antwort auf die Rationalisierungsanforderung». 

Deutlicher Massstabssprung

Gleiche Optimierungsvorgaben bei geringerem Raumprogramm und an beschaulicherer Lage – aber ein fast identischer Typus als Siegerprojekt im Zürcher Unterland: Zur Erweiterung der kantonalen Berufsschule in Bülach wurde ein grosser und hoher Baukörper, ebenfalls mit sechs Etagen, ausgewählt. Die Jury entschied sich im offenen, einstufigen Projektwettbewerb für den Vorschlag mit der besten Flächen­ef­fizienz und dem geringsten Fussabdruck. 

Unter den 43 Eingaben sowie aus der bestehenden Umgebung sticht das siegreiche Projekt «Eine runde Sache» des Generalplanungsteams Nuar Architekten mit einem markanten Massstabssprung und groben Kanten hervor. Das gesamte Raumprogramm für Unterricht, Sport, Verpflegung und Pause wird unter einem Dach aufgestapelt. Unterkellert ist nur ein kleiner Teil der Grundfläche. Die Jury gab ihm die «beste Gesamtnote», aber mit dem Zusatzhinweis auf ein gestalterisches Verbesserungspotenzial.

Gegensätzliche Nachbarschaften

Der Bildungsstandort selbst bietet eine bipolare Ausgangslage: Nach Osten grenzt er an offenes Kulturland, das jedoch früher oder später zum lockeren Wohnquartier überbaut werden darf. Die Erweiterung erhält dadurch einen öffentlichen Charakter, insofern die Sport- und Freizeitinfrastruktur dereinst auch für die Nachbarschaft zugänglich sein wird. 

Im Westen gibt es dagegen nichts Neues: Dort steht die heutige Berufsschule, ein überschaubares Ensemble mit besonderer Architektur aus der Nachkriegsmoderne. Es handelt sich um zwei über Eck verbundene Schulhäuser von Peter Leemann aus dem Jahr 1981 im Stil einer kleinen Fabrik mit Sheddach und Eternitfassaden. Das kantonale Denkmalschutzinventar erkennt darin eine Referenz an die damalige Hightech-Architektur eines «Centre Pompidou». Aus Platzmangel findet der Unterricht inzwischen auch in Containern auf dem Vorplatz statt.

Verschlossene Fassade

Eine Machbarkeitsstudie überliess den Wettbewerbsteams die Wahl, ob ein direkter Anbau oder ein abgesetzter Zusatz zur Standorterweiterung möglich ist. Allein der Raumbedarf verschiebt das Gewicht von alt zu neu: Der zweistöckige Bestand beherbergt 14 Schulzimmer, eine Sporthalle und eine Aula, während der Neubau mehr als das Doppelte beinhalten wird.

Die Verbindung zum Baudenkmal sucht der siegreiche Erweiterungs­bau wenig subtil mithilfe eines plakativen industriellen und technoiden Ausdrucks. Zusätzlich zum Höhensprung – von zwei auf sechsgeschossig – kontrastiert vor allem die verschlossene Fassade mit fast provokativen Solarklappen. Letztere versprechen zwar Gutes: Sie sollen Strom erzeugen und gleichzeitig die Unterrichtsräume vor der Sonne schützen. Doch der Jury gefällt das «eigentümlich anmutende Kleid» nur bedingt, weshalb sie die geschuppte Kraftwerkfassade zur Weiterbearbeitung empfiehlt. 

Von subtil bis integrativ

Tatsächlich zeigt die Konkurrenz variantenreich auf, wie sensibles Weiterbauen an diesem Standort funktionieren könnte: Der zweitrangierte Vorschlag «Plug & Play» der ARGE Bob Gysin Partner und Takt Baumanagement verteilte Unterricht und Sport auf ein zweiteiliges leichtfüssiges Ensemble, ohne die Flächenverhältnisse einzuengen. Auch die Jury war von der «spielerischen und unaufdringlichen» Anordnung beeindruckt. 

Noch eleganter hält sich das sechstrangierte Projekt «Communis» des Teams Gigon Guyer Partner zurück. Geometrisch wird zwar eine klassische Grossform – ein Quader mit Atrium – zum Mutterhaus dazugestellt; doch diese sondert sich nicht ab, sondern fördert den Bestand sowohl räumlich als auch gestalterisch – und wirkt deshalb architekturpädagogisch integrativ. Beiden unaufdringlichen Projekten attestierte die Jury jedoch eine mangelnde Effizienz und kri­tisierte die «konventionelle» beziehungsweise «identitätslose» Erscheinung.

Re-Use als Innovation

Gemäss dem «Schulbau der Zukunft» war ein zukunftweisendes, rationelles Erweiterungskonzept gesucht. Entsprechend priorisierte die Jury innovative Ansätze für die Kon­struktion und den Ausführungsprozess. Die sechs rangierten Vorschläge bewiesen dabei, wie vielfältig und hochstehend der Stand der Bautechnik ist: Rationell gebaut werden kann im Holzmodulbau, mit tragendem Holzskelett oder konventionell mit Stahlbeton. Am innovativsten taxierte die Jury jedoch die Materialwahl des Siegers: Stahlrohre und alte Schienen zur Wiederverwendung als Tragsystem für Wände und Decken. 

Daran geknüpft sind Erwartungen, den ökologischen Fussabdruck zu reduzieren. Der Kanton gab erstmals in einem Wettbewerbsprogramm einen Zielwert vor: Nur 9 kg CO²/m² indirekte Emissionen soll die Erstellung verursachen, was den Vorgaben des SIA-Klimapfads (Standard B) beziehungsweise Minergie-­Eco entspricht.

Reduziertes Parkangebot 

Drei weitere Besonderheiten fielen im Auswahlverfahren auf: Die erste betrifft das Mobilitätsaufkommen für diesen Bildungsstandort. Neben dem Schulraum hätte auch der Platzbedarf für Autos und Zweiräder deutlich vergrössert werden müssen. Die kommunalen Verkehrsvorschriften verlangten dreimal mehr Autoparkplätze und fünfmal mehr Veloabstellplätze als bisher. Unabhängig vom Wettbewerb erarbeiteten der Kanton Zürich und die Stadt Bülach deshalb ein Mobilitätskonzept, das auf den Ausbau des lokalen Busnetzes setzt. Deshalb konnte das Angebot von 150 auf nurmehr 65 Autoparkplätze reduziert werden.

Zweite Auffälligkeit ist das Investitionsbudget. Obwohl der Schulbau der Zukunft künftig preisgünstiger sein soll, schlägt sich das nicht in den Kostenvorgaben für den Erweiterungsbau in Bülach nieder. Im Wettbewerbsprogramm wurde ein Kostenziel von über 10 000 Franken pro m² (BKP 1–9) veranschlagt. Zum Vergleich: Kantonale Bildungsbauten der letzten zehn Jahre waren gemäss einer Auflistung durch das kantonale Hochbauamt jeweils zwischen Fr. 7000 und 9500 pro m² teuer.

Und drittens erstaunt, wie gering die Reichweite eines international ausgeschriebenen offenen Verfahrens ist: Acht der neun Vorschläge, die es in die Endausscheidung schafften, stammen aus der Feder von Stadtzürcher Architekturbüros. Deren Ideenvielfalt war dennoch beachtlich gross.
 

Rangierte Projekte
 

1. Rang / 1. Preis: «Eine runde Sache»
Nuar, Zürich; Büeler Fischli Bauingenieure, Zürich; Christian Meier, St. Gallen
 

2. Rang / 2. Preis: «Plug & Play»
ARGE Bob Gysin Partner, Zürich, und Takt Baumanagement, Zürich; B3 Kolb, Winterthur; EBP Schweiz, Zürich; vetschpartner Landschaftsarchitekten, Zürich; EK Energiekonzepte, Zürich
 

3. Rang / 3. Preis: «Claude»
Stadler Zlokapa, Basel; Forster & Burgmer Architekten und Generalunternehmer, Kreuzlingen; Schnetzer Puskas Ingenieure, Basel; Edwin Keller + Partner, Gossau; Berchtold.Lenzin Basel, Basel
 

4. Rang / 4. Preis: «O Brother»
KBZ Kollektivbüro Zürich c/o Josep Ribes, Zürich; MWV Bauingenieure, Baden; ReBo & Partner, Zürich; Müller.Bucher, Zürich; Sebastian Garrido Architekt, Stockholm
 

5. Rang / 5. Preis: «Die weiteren Aussichten»
Theo Hotz Partner, Zürich; Schnetzer Puskas Ingenieure, Zürich; Gruenberg + Partner, Zürich; Thomas Lüem Partner, Dietikon; Mettler Landschaftsarchitektur, Gossau; Durable Planung und Beratung, Zürich; Thomas Lüem Partner, Sursee
 

6. Rang / 6. Preis: «Communis»
GP Berufsschule Bülach c/o Gigon Guyer Partner, Zürich; WaltGalmarini, Zürich; Waldhauser + Hermann, Münchenstein; Lars Ruge Landschaften, Zürich
 

Fachjury
 

Adriano Tettamanti, Abteilungsleiter Baubereich C, Hochbauamt Kanton Zürich (Vorsitz); Marianne Baumgartner, Camponovo Baumgartner; Claudio Meletta, Stereo Architektur; Urša Habič, Studio Vulkan Landschaftsarchitektur; Marcel Baumgartner, Baumgartner Loewe Architekten (Ersatz)
 

Sachjury
 

Peter Störchli, Generalsekretariat Bildungsdirektion Kanton Zürich; Siham Balutsch, Portfoliomanager, Immobilienamt Kanton Zürich; John Coviello, Rektor, Technische Berufsschule Zürich; Nicole Zweifel, Leiterin Stadtplanung Bülach (Ersatz)
 

Veranstalterin
 

Baudirektion Kanton Zürich vertreten durch Hochbauamt (HBA), Zürich
 

Auftraggebende
 

Immobilienamt (IMA) und Bildungsdirektion (BI)

Weitere Informationen, Pläne und Bilder zur Berufsschule Bülach finden Sie auf competitions.espazium.ch.

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