Abschied vom Restflächendenken

Die Autoren des «Positionspapiers Landschaft» fassten dessen Themen und Anliegen in acht Leitsätze, mit denen sich planerische Aufgaben verbinden. Jetzt ist es erschienen.

Fritz Zollinger Dipl. Kultur-Ing. ETH/SIA, bis April 2017 Präsident der SIA Berufsgruppe Umwelt

Es ist noch nicht so lang her, dass in der Raumplanung noch das «Restflächendenken» vorherrschte, d. h. dass man nur in der Kategorie der Bauzonen plante und dachte und dieser alles zuschlug, was man benötigte – insbesondere Flächen der «unbebauten Landschaft». Vor vier Jahren setzte die Berufsgruppe Umwelt (BGU) erstmals die Landschaft auf ihre Agenda: In mehreren Workshops erarbeitete sie 2013/14 eine umfassende Zusammenstellung von Grundlagen und Meinungen über die Landschaft.

Dabei war es uns wichtig, dass nicht nur «intern philosophiert», sondern eine breite Sicht eingebracht wird. So wurden schon damals neben den Berufsgruppen auch externe Fachleute aus Verwaltung (z. B. Bundesämter für Raumplanung und Landwirtschaft ARE und BLW), nicht staatlichen Organisationen und aus der Privatwirtschaft einbezogen.

Im Ergebnis dieses Prozesses entstand ein 60-seitiges Dokument, das in seinem Umfang und der Materialfülle jedoch nicht besonders leserfreundlich war. Ausgehend von diesem Werk entwickelten sich die Idee und schliesslich der Auftrag des SIA an die BGU, aus den erarbeiteten Grundlagen in verkleinerter Arbeitsgruppe ein «Positionspapier Landschaft» für den Verein zu erstellen – gewissermassen als Destillat der zusammengetragenen Themen und Positionen.

Was verstehen wir unter Landschaft?

Eine Diskussion begleitete die gesamte Erarbeitungszeit: Welche Räume verstehen wir unter dem Begriff «Landschaft»? Jenseits der Bilder natürlicher, unverbauter Landschaften wurde uns klar, dass die Landschaft aus der gesamten Erdoberfläche besteht, d. h. auch die Städte, Lawinenverbauungen, Freizeitparks, Abbaugebiete u. v. a. dazu gehören. Wir konnten und wollten uns daher nicht auf die «grüne» Landschaft beschränken. Zur Landschaft im Sinn des Positionspapiers gehören im Prinzip also auch Gletscher, Geröllhalden einerseits und andererseits die Gestaltung des Zürcher Sechseläutenplatzes oder der Umgebung des Basler Roche-Towers.

Jenseits dieses umfassend gedachten Landschaftsbegriffs heisst es in der Präambel des Positionspapiers, dass dieses «einschränkend nur die offene Landschaft ausserhalb des Siedlungsgebietes» behandelt. Seine Zielsetzung ist es, im Bewusstsein um die Sensibilität dieses Gefüges von Mensch und Natur den SIA und «seine Mitglieder dazu [zu bewegen], ihr Handeln in der Landschaft von Respekt, Sorgfalt und fundiertem fachlichen Wissen leiten zu lassen».

Das Papier gliedert sich in acht Leitsätze und Themenkreise:

  • Die Landschaften in der Schweiz haben Charakter: Diese Charaktere sollen gekräftigt, gefördert und entwickelt werden.
  • Die Landschaft ist das Ergebnis gemeinsamer Reflexion und bewussten Handelns: Nach Interessenabwägungen kann, darf und soll auch in der Landschaft achtsam gestaltet werden können.
  • Vielfältige und vernetzte Lebensräume sind Teil der Landschaft: Der SIA bekennt sich zur Biodiversität und respektiert unbebaute, ökologisch wertvolle Flächen, erwartet aber das kritische Hinterfragen von Schutzwürdigkeit bzw. eines gegebenen Schutzstatus.
  • In den Landschaften der Schweiz wird produziert: Damit sind nicht nur Land- und Forstwirtschaft gemeint, sondern auch die Energieproduktion. Eine multifunktionale, bestmöglich der Landschaft angepasste Nutzung wird begrüsst und zugleich anerkannt.
  • Die Gewinnung von Rohstoffen und die Entsorgung finden in der Landschaft statt: Dazu sollen Flächen optimal landschaftsverträglich ausgewählt und raumplanerisch gesichert werden.
  •  Die Landschaft ist immer auch Erholungslandschaft: Erholung ist zwar überall möglich, besonders attraktiv ist sie für viele Menschen aber in der unverbauten, naturnahen Landschaft. Umweltfreundliche und möglichst multifunktionale Erholungsangebote haben dort Vorrang.
  • Bauten und Anlagen stehen in Bezug zur Landschaft: Sie orientieren sich an der Landschaft und ihrer Nutzung. Die Verdichtung bestehender Bauzonen hat Vorrang vor weiterer Zersiedelung. Neubauten müssen restriktiv bewilligt, der Rückbau nicht mehr benötigter Bauten muss thematisiert werden
  • Qualitäten und Werte der Landschaft sind bekannt: Die SIA-Mitglieder, so das Ziel, sind bezüglich des Themas Landschaft sensibilisiert und bilden sich dazu weiter. Dazu sind auch Politiker, Universitäten und Fachhochschulen aufgerufen.

Die einstimmige Verabschiedung des Positionspapiers Landschaft an der Delegiertenversammlung 2017 machte deutlich, dass die Basis des SIA, zusammen mit allen Berufsgruppen und Sektionen, überraschend positiv hinter dem zusammengestellten 
Gedankengut stehen. Mögen diesem Bekenntnis künftig Taten in der Landschaft folgen!

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