Kollektiv im Grossformat
Îlot A am Quai Vernets, Praille-Acacias-Vernets
Der von den Westschweizer Büros bunq und GD Architectes entworfene Îlot A bringt grosse Hofbauten nach Genf zurück. Diese in sich gekehrte Architektur setzt auf das Leben in der Gemeinschaft. Doch hält sie ihr Versprechen?
Es ist ein windiger Tag in Genf. Und doch herrscht unter dem flatternden Einweihungszelt Feststimmung: Das Wohnhochhaus Atura und das Gebäude Îlot A sind soeben übergeben worden. Am Ende soll das neue Quartier Les Vernets 1355 zusätzliche Wohnungen zählen, zwei Drittel davon gemeinnützig (LUP). Das sind rund 4000 Bewohnerinnen und Bewohner auf 6 ha – eine kleine Stadt in der Stadt. Allein der Bau Îlot A bietet 515 gemeinnützige Wohnungen, verteilt auf vier Auftraggebende:Die Wohnbaugenossenschaften Codha mit 262, FVGLS mit 162, CIEPP mit 73 und Ciguë mit 17 Wohnungen.
Am Mikrofon eröffnet das Totalunternehmen Losinger Marazzi als Vertretung der Investorengruppe Ensemble, die das Projekt zusammen mit Pillet steuert, den Redenreigen. Es folgen die Vertretenden der Stadt und des Kantons. Der Kanton ist Eigentümer der Grundstücke, auf denen früher eine Militärkaserne stand. In den Reden werden weder die Architektinnen und Architekten erwähnt, die die Formen städtebaulich definiert sowie Typologien und Gemeinschaftsräume entworfen haben, noch die Landschaftsarchitektinnen und -architekten, die die Aussenräume gestaltet und Schwellen sowie Niveaus festgelegt haben. Die Anerkennung für das Werk scheint vielmehr den Projektsteuernden für die termingerechte Fertigstellung der Bauten zu gelten als den Auftraggebenden, den Beauftragten und deren Subunternehmen.
Die Projektmechanik
2014 zwang der von FHV und ADR gewonnene Städtebauwettbewerb die künftigen Architektinnen und Architekten dazu, die besondere Morphologie des neuen Quartiers Les Vernets zu berücksichtigen: Ein Turm und zwei geschlossene Blöcke (A und B). Der rechtsverbindliche Quartierplan (PLQ) zementierte diese im Anschluss. Die Monumentalität ist bewusst im Namen der Verdichtung gewählt. Sie verfolgt weder das Ziel, Fluchtlinien weiterzuführen, noch möchte sie mit dem umliegenden Stadtgewebe in Dialog treten. Stattdessen zeigt sie sich in diesen Grossformen, die die Architekten von FHV als «territorialen Elementen» bezeichnen, um die Moderne des grossen Massstabs neu zu hinterfragen.
So nimmt Îlot A die Form eines Grundfläche von 130 m auf 90 m an: neun oberirdische Geschosse, die einen halbprivaten Hof von etwas weniger als einem halben Hektar umschliessen. Mit 21 m ist die Gebäudetiefe eine Herausforderung. Der Ansatz wirft Fragen auf, gerade bei einem wegweisenden Stadtstück, das die neue Urbanität des Gebiets Praille-Acacias-Vernets (PAV) verkörpern soll. Was die Urbanität angeht, versprechen die beiden introvertierten Monolithen wenig Austausch mit der Stadt. Sie setzen ihr ihre Mauerfassaden entgegen und ziehen einen Teil des öffentlichen Raums des Quartiers in ihre Höfe zurück.
Im Wettbewerb 2014 überzeugte die räumliche Radikalität dieser drei «starken Figuren» die Jury, während ihre Rationalität die Investorengruppe Ensemble für sich gewann. In diesen einfachen, kompakten Formen sah sie die Möglichkeit, Realisierung und Kosten, Etappierung und Aufteilung unter den Investoren zu optimieren: freier Mietwohnungsbau im Turm, LUP in den Blöcken, mit einer Verteilung der Investoren nach Treppenhäusern. So stand die Projektmechanik bereits ab dem Wettbewerb fest; die Stadtmorphologie, die operative und finanzielle Struktur sowie die Projekt-Governance waren fixiert. Welcher Handlungsspielraum blieb den Architektinnen und Architekten von bunq und GD Architectes, die im Rahmen des 2017 auf Einladung durchgeführten Studienauftrags ausgewählt wurden, für Îlot A in diesem engen Korsett?
Eine einheitliche Sprache
Îlot A drängt sich einem durch sein monolithisches Erscheinungsbild auf, das ihm in mancher Hinsicht das Aussehen einer Kaserne verleiht. Die 3 cm dicke Haut aus Verblendziegeln (Riemchen) zeigt sich sowohl zur Strasse als auch zum Hof. Durchbrochen von zweiflügeligen Fenstern, die sich mit den Öffnungen der Loggien – erkennbar an den Betoneinfassungen und der Innenverkleidung aus Holz – abwechseln, bilden die Fassaden ein homogenes Ganzes, eine gemeinsame Hülle für alle Bewohnenden.
Als Totalunternehmer entschied Losigner Marazzi über das Konstruktionssystem: Betonstruktur mit Aussendämmung. Und so beschränkte sich der Ausdrucksspielraum der Architekten auf die Fassadenbekleidung. Um ihr etwas Relief zu verleihen, arbeiteten bunq und GD Architectes mit zwei Sorten Riemchen: einem glatten, vertikal verlegten und einem geschnittenen, dessen raue Oberfläche einen flimmernden Effekt erzeugt. Indem sie mit der Materialität der Ziegel spielen, bekennen sie sich gleichzeitig zu deren wahrer Natur: eher ein Belag als eine massive Mauer.
Die einheitliche Sprache der beiden Blöcke erklärt sich zunächst aus dem Entscheid nach dem Studienauftrag: Zu diesem Zeitpunkt hätte die Gruppe Ensemble jeden der beiden Blöcke in Lose unterteilen können. Die Lose des Îlot A hätten verschiedenen Architekturbüros übertragen werden können, die jeweils mit den Auftraggebenden verbunden gewesen wären – ähnlich wie in Les-Plaines-du-Loup in Lausanne oder im Basler Lysbüchel. Nichts dergleichen geschah. Stattdessen entschied man sich, pro Block eine Architektengemeinschaft zu bestimmen, mit dem Argument, zwei starke und einander ergänzende Figuren zu schaffen.
Die daraus folgende Einheitlichkeit ist bedauerlich. Umso mehr, als in der Vergangenheit viele Hofanlagen städtische Einheit und architektonische Vielfalt zu verbinden wussten. Der Square du Mont-Blanc in Genf, ein sinnbildlicher Block, in den Jahren 1850–1860 am Ufer der Rhone errichtet, bleibt eine Referenz. Sein Bau in mehreren Etappen band mehrere Auftraggebende und Architekturschaffende ein. Die Einheit des Ganzen steht der Vielfalt der Fassaden nicht im Weg. Diese sind nach dem Empfinden jedes Architekten und nach dem Programm behandelt – ein Wohnhaus verlangt immerhin nicht so viel Prunk wie ein Luxushotel.
Anders als sein Verwandter aus dem 19. Jahrhundert bringt Îlot A die verschiedenen Realitäten, die in ihm wohnen, kaum zur Geltung. Auf den ersten Blick lassen sich die Auftraggebenden kaum unterscheiden, obwohl sie Menschen mit ganz unterschiedlichen Wohnbedürfnissen aufnehmen. Die Eigenheiten jedes Einzelnen werden ins Innere verbannt. So sind etwa der Laubengang und die Dachterrasse – kennzeichnende Elemente der Genossenschaftsarchitektur – hier unsichtbar, erstickt durch die Vereinheitlichung von Fassade und Bauform.
Geschlossener Block, offener Hof?
Bunq und GD Architectes nutzen die Vorgaben des Quartierplans, wie der geschlossene Hof von einem halben Hektar und die Gebäudetiefe von 21 m, um räumliche Strukturen zu schaffen, die auf das Kollektiv setzen. Beispiele dafür sind der Square und die Innenhöfe mit grossen gemeinschaftlichen Treppenabsätzen. Hinter der einheitlichen Fassade können diese die verschiedenen Auftraggebenden zusammenführen und den Bewohnerinnen und Bewohnern vielfältige Möglichkeiten zur Aneignung bieten. «Beim Wettbewerb gab es für uns keine Hof- oder Strassenfassade wie bei traditionellen Blockbauten», stellen die Architekten klar. «Die Grösse von Îlot A und seine Lage ermöglichen, dass der Square kein Hof ist, sondern ein echter, durchquerbarer öffentlicher Raum.»
In der Praxis erscheint seine Nutzung mehrdeutiger. Wo die Architekturschaffenden einen weiträumigen, für alle offenen Raum vor Augen haben, scheint die Investorengruppe eher darauf zu drängen, den Zugang auf die Bewohnenden zu beschränken. Schon beim Wettbewerb von 2014 legte die Jury den Preistragenden nahe, «die Einladung an die Öffentlichkeit, die Höfe zu durchqueren, abzuschwächen». Bei der Übergabe unterstreichen Schilder mit der Aufschrift «Privat» an den Durchgängen diesen Wunsch zur Privatisierung. Dazu muss erwähnt werden, dass der Hof juristisch gesehen einen privaten Status hat, allerdings mit Dienstbarkeiten, die den öffentlichen Zugang gewährleisten.
Gemessen am Gebäudemassstab wirken die fünf Durchgänge zum Hof bescheiden, was Passantinnen und Neugierige eher dazu zu animiert, den Block zu umgehen als ihn zu durchqueren. Diese Semiöffnung zum Publikum ist bedauerlich und stellt einen Bruch mit der Tradition der Genfer Squares dar, die ein einladenderes Erscheinungsbild zeigen. Man denke hier an den Square de Montchoisy (Maurice Braillard, Louis Vial, 1929), dessen Öffnungen an den Ecken eine Alternative zum geschlossenen Block bieten, aber auch an die jüngste Cité Léopard in Carouge (Localarchitecture, 2025) mit ihren wohlproportionierten Durchgängen.
Im Herzen des Blocks fällt den Aussenanlagen eine entscheidende Rolle zu: Von der Qualität und der Sorgfalt ihres Entwurfs hängt weitgehend ab, wie sich der zentrale Raum nutzen lässt. Für viele Bewohnerinnen und Bewohner ist er der einzige Ausblick nach draussen. Im Vergleich zu den historischen Genfer Squares wie dem Square du Mont-Blanc oder Montchoisy hebt sich Îlot A durch seine Proportionen ab, genauer durch das Verhältnis zwischen der Höhe der Bebauung und der verfügbaren Hoffläche. So bietet er zugleich den kleinsten Hof und das höchste Gebäude.
Die Landschaftsarchitekten von ADR haben Orte der Ruhe sowie Gemeinschaftsplätze vorgesehen. Diese sollen den Bewohnenden Möglichkeiten zur Aneignung und Begegnung bieten. Durch die Ausdehnung der Tiefgarage über die gesamte Parzelle waren die Planenden dazu gezwungen, auf einem Teil des Hofs Hügel anzulegen, um die erforderliche Erdschicht für die Bepflanzung zu schaffen.
Fenster zu den Treppenabsätzen
Im Innern der Gebäude erschliesst ein Geflecht von Treppen auf jedem Geschoss grosszügige Laubengänge. Diese sind als «Räume der mittleren Ebene zwischen dem monumentalen städtischen Massstab des Quartiers und der Wohnung» gedacht. Im Stadium des Studienauftrags entworfen, führen diese gemeinschaftlich genutzten Räume die verschiedenen Auftraggebenden und das Totalunternehmen zusammen, auch wenn sich ihre Quadratmeter im Finanzierungsplan nicht verwerten lassen. Bunq und GD Architectes verwandeln so den Zwang der Gebäudetiefe in eine Chance und schaffen einen lebendigen Kern. Dieser ist durch Oberlichter belichtet und lädt die Bewohnenden zur Aneignung ein.
Die gemeinschaftlichen Absätze erzeugen zwei Typologien: die durchgehende Wohnung in L-Form sowie die einseitig entweder zum Square oder zum Quartier hin orientierte. Die Architekten gehen noch weiter und schaffen Öffnungen in den Küchen und Fluren, die auf diese Absätze hinausgehen. Dabei verfolgen sie das doppelte Ziel, einerseits den einseitig orientierten Wohnungen einen Ausblick nach innen zu ermöglichen und andererseits als Erweiterung der Wohnräume zu dienen. Als Referenz nennen die Architekten die Cité Napoléon (1849), eine von Louis-Napoléon Bonaparte initiierte Musterarbeitersiedlung, und die Genossenschaft Kraftwerk Zwicky Süd (2016) – zwei Formen gemeinschaftlicher Utopie.
Wohnen mit Gebrauchsanweisung
Îlot A ist eine monumentale Baufigur, die einen Hof umschliesst und sowohl die Nutzungen als auch das Gegenüber ebenso lenkt wie aufzwingt. Sie weckt vielfältige Vorstellungen. Dabei erinnert sie an die Architektur von Kasernen, Gefängnissen, Klöstern und Spitälern, Arbeitersiedlungen wie die Cité Napoléon oder das Familistère de Guise, inspiriert vom Phalanstère Fouriers, sowie an grosse Siedlungen des sozialen Wohnungsbaus, etwa das Rote Wien, Kay Fisker in Kopenhagen oder an Siedlungen der Moderne. Ebenso ruft sie Assoziationen an bestimmte jüngere Deutschschweizer Genossenschaftsbauten hervor, wie etwa das Krokodil in Winterthur. Alle diese Orte stehen für gemeinschaftliches Zusammenleben im grossen Massstab und sind Regeln unterworfen, die entweder von Institutionen, Unternehmen oder den Bewohnerinnen und Bewohnern selbst definiert wurden.
Zwischen Autoritarismus, Paternalismus und alternativem Wohnen: Welchen Weg wird Îlot A mit seinen vier Auftraggebenden einschlagen, die je ihre eigene Vorstellung vom gemeinschaftlichen Wohnen haben? Indem sie die Gemeinschaft der Bewohnenden auf sich selbst zurückführen, sie um den zentralen Hof und die Treppenabsätze herum anordnen und ihr eine Vielfalt an Gemeinschaftsräumen einräumen, setzen bunq und GD Architectes auf das Kollektiv: «Unser Interesse und unsere Arbeit als Architekten besteht darin, Räume zu entwerfen, die Begegnungen und das Zusammenleben fördern», erinnert Julien Grisel von bunq, «ohne dass wir vorwegnehmen können, was darin wirklich geschehen wird. Aber das ist kein ausreichender Grund, sie nicht zu bauen.»
Damit die rund 1500 Bewohnerinnen und Bewohner in einem Vorhaben dieser Grössenordnung gut zusammenleben können, braucht es klare Spielregeln. Diese Frage der Governance ist den vier Auftraggebenden nicht entgangen. Sie haben ein zentrales Verwaltungsmandat an Cogerim und Après-Ge vergeben, die zugleich für die Belebung des Quartiers, die Vermarktung der Ladenlokale und die Pflege der Grünflächen zuständig sind. Ein Quartierraum im Erdgeschoss wird den Bewohnenden zudem verschiedene Dienstleistungen anbieten.
Îlot A wird das sein, was seine Bewohnerinnen und Bewohner daraus machen, mit Regeln, die sie gemeinsam festlegen können. Die Zukunft wird zeigen, ob darin – wie zu den schönsten Zeiten des Familistère de Guise – Feste und Bälle stattfinden, oder ob sich der Bau zu einer normierten Wohnanlage entwickelt, die zwangsläufig weniger begeistert, in der man die Dichte eher erträgt statt sie gut mit ihr zu leben.
Dieser Artikel wurde erstmals bei espazium revue unter dem Titel «Îlot A au Quai Vernets: le collectif au défi de la grande échelle» veröffentlicht. Die vorliegende Übersetzung wurde mithilfe künstlicher Intelligenz erstellt und anschliessend von der Redaktion überarbeitet.
Bauträgerinnen
Codha = Coopérative de l'habitat associatif. (Wohnbaugenossenschaft)
FVGLS = Fondation de la Ville de Genève pour le logement social. (Stiftung der Stadt Genf für den sozialen Wohnungsbau)
CIEPP = Caisse Inter-Entreprises de Prévoyance Professionnelle. (Überbetriebliche Pensionskasse)
Ciguë = Studentische Wohnbaugenossenschaft
Îlots A am Quai Vernets, Praille-Acacias-Vernets
Investorengruppe für das Vorhaben Quai Vernets: Ensemble
Projektsteuerung: Pillet und Losinger Marazzi
Totalunternehmen: Losinger Marazzi
Auftraggebende des Îlot A: Codha (262 Wohnungen), FVGLS (162), CIEPP (73), Ciguë (17)
Architektur: bunq und GD Architectes
Landschaftsarchitektur: Atelier Descombes Rampini (ADR)
Bauingenieure: BG ingénieurs civils / WSP (Tragwerk)
HLKS-Ingenieur: Caeli ingénierie
Akustik: Archac
Brandschutz: Adexia
Beratung und Gutachten Geometer: Haller Wasser
Programm: 515 gemeinnützige Mietwohnungen (LUP), Gewerbe und Dienstleistungen
Verfahren: Studienauftrag auf Einladung (MEP)
Fertigstellung: 2026