Im Kreis der Vö­gel

Am Ufer des Genfersees zwischen Lausanne und Pully schwebt ein Ring über dem Wasser. Der «Cercle des Oiseaux» ist eine poetische Umdeutung der konventionellen Ufernutzung und der Versuch, die Nutzungsperspektiven zu weiten und auch Vögeln einen Ort zum Verweilen zu gestalten.

Data di pubblicazione
05-05-2026

In der Stadt Lausanne spielte sich bis in die 1960er-Jahre das gesellschaftliche Leben am Hang über dem See ab. Erst anlässlich der Expo 1964 begann man, über die Ufernutzung nachzudenken. In der Folge fand eine Art Kommerzialisierung mit Promenaden, Restaurants und Plätzen für Stadtbewohnende und Besuchende statt. 

Ideenwettbewerb «Lausanne Jardins»

An dieser menschenzentrierten Nutzungsperspektive hat sich jahrzehntelang nichts geändert. Als die Stadt 2024 im Rahmen von «Lausanne Jardins» mehrere Perimeter am See für Projekte zur Verfügung stellte, ergriff ellipsearchitecture die Gelegenheit, um über die Entwicklung im und am Wasser nachzudenken.

Die Architektinnen und Architekten bewarben sich um den Platz zwischen Lausanne und Pully, am Halimand-Turm, dort, wo auch die Mündung des Flüsschens Vuachère liegt. Es schwemmt Mikroorganismen in den See, was zahlreiche Vögel anzieht. Der Architekt Yannick Claessens findet: «Das Ufer ist für alle da – auch für die Tiere. Deshalb entschieden wir uns, etwas für die Vögel zu machen.»

Wasserski versus Flussschwalben

Der Ornithologe, der die Liste mit den vorkommenden Vogelarten erstellte, war skeptisch, ob die Idee mit dem Ring funktioniert. Darum planten die Architekten zusammen mit den am Projekt beteiligten Landschaftsplanenden von en-dehors auch eine Insel ein, für die am Ende jedoch das Geld fehlte.

Im Wettbewerbsvorschlag schwebte der Ring noch viel näher an der Wasseroberfläche: Die Idee war, einen sehr nahen Wasserbezug für die Vögel herzustellen. Die Gemeinde hielt das wiederum für zu gefährlich für die Paddler, und zudem hat das in unmittelbarer Nähe ansässige Hotel Palace für seine Gäste ein Exklusivrecht zum Wasserskifahren. «Das hätte das Projekt fast verhindert. Überhaupt, ohne ‹Lausanne Jardin› wäre dieses Projekt mit all den normalerweise geltenden Sonderregelungen um die Uferzonen nicht möglich gewesen», meint Classens.

Zwischen Wasser und Land

Etwa zwei Drittel des Rings, der aussieht wie der vergessene Hula-Hoop-Reifen eines Riesenkinds, befinden sich über dem Wasser, das andere Drittel liegt erhöht über dem Ufer auf einer provisorischen Fussgängerbrücke aus Stahlträgern auf. Wasserseitig hocken auf der Konstruktion vor allem Lachmöwen und ein paar Mittelmeermöwen. Krähen und Flussschwalben lassen sich eher auf der Landseite nieder. Blesshühner, Stockenten, Schwäne und Gänsesäger paddeln im Wasser in der Mitte des Rings. Die runde Form ermöglicht es den Vögeln, die Installation bei jeder Windrichtung zu nutzen, da sie sich jeweils mit dem Schnabel gegen den Wind daraufsetzen.

Für einen Monat geplant, für Jahre gebaut

Der Ring war ursprünglich nur als Provisorium für einen Monat geplant, wird nun aber bis zur anstehenden Renaturierung des Flüsschens für mehrere Jahre bestehen bleiben. Aus diesem Grund wollte die Stadt, dass der Ring und die Brücke unabhängig voneinander konstruiert sind. Die Architekten liessen das von einem Ingenieur prüfen und fanden eine pragmatische Lösung: Der Ring liegt nun mit ein paar wenigen, einfach lösbaren Schrauben auf der Brücke auf. Das passt: Die beiden Elemente aus dem gleichen Material wirken wie ein Ensemble.

Architekten tauchen ab

Um die Auflagepunkte der Betonsockel im Wasser zu bestimmen, wurden mittels Drohnen und dem Unterwasserkataster die Stützpunkte definiert. Doch die starken Gewitter im Jahr 2023 hatten die Unterwassertopographie erheblich verändert: Als der Unternehmer mit den vorgeschnittenen Säulen kam, passten die Längen nicht und es musste neu vermessen werden. 

«Wir wateten im Unbekannten. Zusammen mit einem Geometer tauchten wir alle einen Morgen lang im Wasser und massen neu aus», erinnert sich der Architekt. Zehn vorgefertigte Segmente zwischen den Stützen formen den Ring. Mehrere Kräne wurden benötigt, um die Elemente von oben zusammenzufügen. 

Selbstverständliches Miteinander

Unterdessen ist die Installation ganz selbstverständlich geworden. Die Vögel sitzen auf der Konstruktion, die Menschen gehen entlang der Promenade, man beäugt sich gegenseitig. Und das kommt offensichtlich gut an: Es gibt jedenfalls umliegende Seegemeinden, die sich für etwas Ähnliches interessieren.

 

«Cercle des Oiseaux», Lausanne

Planung: ellipsearchitecture, Lausanne

Landschaftsarchitektur: en-dehors, Lausanne

Grafikdesign: Julien Mercier

Produktdesign: Christophe Guberan

Vorauslegung Stahlbau: ISI, Eric Tonicello

Geomatik: ORCEF SA

Abschlussbauingenieur Bericht: Basler Hofmann, Lausanne

Stahlbau: Berisha SA

vorgefertigte Betonelemente: D'ORLANDO-LEGENDRE