Selbst­be­wusste Bes­chei­den­heit

Sanierung und Erweiterung Campus BBZ, Weinfelden

Das Berufsbildungszentrum (BBZ) Weinfelden ist ein gebautes Zeugnis der späten Nachkriegsmoderne. Beim offenen Projektwettbewerb drehte sich deshalb alles um die Frage, wie sich Bestand, neue Lern­formen 
und städtebauliche Ordnung heute zusammenführen lassen.

Date de publication
31-07-2026

Wer sich dem BBZ Weinfelden vom Bahnhof her nähert, trifft nicht auf einen Solitär, sondern auf ein Ensemble an der Schnittstelle zwischen Schulareal, Quartier und öffentlichem Raum. Geprägt wird die Anlage massgeblich durch das von 1975 bis 1982 von Antoniol + Huber erbaute und heute denkmalgeschützte Schulhaus mit angebautem Werkstatttrakt. Die Gebäude gelten als wichtige Zeitzeugen der späten Nachkriegsmoderne im Übergang zur Postmoderne und zeigen deutliche Bezüge zum Brutalismus. Charakteristisch ist die archaische Verwendung von Beton, Glas und Stahl sowie der austarierte Kontrast zwischen filigranen Fassadenelementen und massiven vertikalen Betontürmen. Der Ort besitzt bereits einen starken und erhaltenswerten architektonischen Kontext. 

Campus statt Einzelbau

Entsprechend anspruchsvoll war die Aufgabe für die Teilnehmenden des offenen Projektwettbewerbs. Gesucht war kein isolierter Erweiterungsbau, sondern ein Gesamtkonzept aus sanierten Bestandsbauten, Neubauten und hochwertigen Aussenräumen. Ausgangspunkt waren jahrelange Raumengpässe und neue pädagogische Modelle. Drei Berufsschulen – Gewerbe, Wirtschaft und Gesundheit – bilden gemeinsam den Campus. Neben klassischen Klassenzimmern sollen Demoräume, Lernlandschaften und Rückzugsbereiche entstehen. Gefordert war zudem ein Forum als gemeinsamer Ort für Begegnung und Verpflegung der drei Berufsschulen. Der Umbau musste etappierbar sein, und auch die Nachhaltigkeit war ausdrücklich vom Bestand her zu denken. Dass sich nur 17 Teams beteiligten, zeigt die Komplexität der Aufgabe. 

Weitere Informationen, Pläne und Bilder zum Wettbewerb BBZ Weinfelden finden Sie hier.

Ordnung durch Weiterbauen

Das Siegerprojekt «Bienvenue» von Baumgartner Loewe Architekten antwortet auf diese Aufgabe mit einem klugen und zurückhaltenden Weiterbauen. Die Jury hebt hervor, dass die Erweiterungen die Qualitäten der Gesamtanlage intakt lassen, die Zugänge einfach und klar bleiben und an der nordöstlichen Ecke anstelle des bestehenden Parkplatzes ein neuer Stadtplatz entsteht. Besonders bemerkenswert ist die Umdeutung des Werkstatttrakts zum Forum. Aus einem ehemaligen Nutzbau wird der öffentliche Mittelpunkt und Empfangsbereich des Campus. Anstatt das Areal neu zu erfinden, ordnet er dessen vorhandene Qualitäten. Entscheidend für diese Wirkung ist die Kompaktheit der Lösung. Der Verzicht auf atriumartige Erschliessungsräume führt zu einer geringen Baumasse und hat somit finanzielle, ökologische und städtebauliche Vorteile.

Zwei starke Alternativen, klare Defizite

Im Unterschied zum Siegerprojekt verzichten die zweitplatzierten Architektinnen und Architekten um Carlos Martinez auf den Teilabbruch eines Bestandsbaus. Zwei präzise gesetzte Erweiterungsbauten fassen das Areal an seinen Rändern. Die Neubauten treten gegenüber dem Bestand klar zurück. Was im Städtebau überzeugt, löst sich in den Innenräumen jedoch nicht gleichwertig ein. So verlangt das Forum im Werkstatttrakt Bodenabsenkungen, statische Abfangungen und einen Verlust von Technikflächen. Gerade die Platzierung der Nebenräume und die Schliessung der Fassadenseite gegenüber dem Bahnhof sind nur schwer nachvollziehbar. Damit bleibt unklar, wie das Forum zugleich offen und repräsentativ sein soll, wenn ausgerechnet die Seite zum Bahnhof hin geschlossen wirkt.

Der drittplatzierte Entwurf von Ruprecht Architekten legt den Schwerpunkt weniger auf den Städtebau als auf die innere Organisation. Ein zweigeschossiges Forum markiert den Haupteingang und macht die Ankunft klar ablesbar. Eine «Nord-Süd-Magistrale» verbindet den Campus mit den Sportbauten im Süden. Ein quer dazu gelegtes «Rückgrat» verknüpft Aula, Mensa und Mediathek mit den Schultrakten. Die Jury lobt die klare Haltung, die nachvollziehbare räumliche Logik und die flexiblen Grundrisse. Schwächer ist hingegen die städtebauliche Erscheinung in Richtung Bahnhof und Ankunft. Drei nahezu identische Schulhausriegel erzeugen zwar Ruhe, aber auch eine zu gleichförmige Front. Die Erscheinung bleibt blass und der Sockel wirkt abweisend. 

Neue Schicht statt Verschleifung

Ein kurzer Vergleich zwischen dem siegreichen Entwurf in Weinfelden und dem von Baumgartner Loewe ausgeführten Projekt des Schulhauses Röhrliberg in Cham lohnt sich. In Cham verweben und verschleifen sie Alt und Neu miteinander. Die Aufstockung und die Anbauten sind auf den ersten Blick kaum erkennbar. In Weinfelden ergänzt ein Anbau den Ostteil des denkmalgeschützten Schulhauses so selbstverständlich, dass er im Grundriss wie ein seit Langem vorhandener Teil der Anlage erscheint. Der Unterschied liegt jedoch darin, dass aufgrund des bestehenden Erschliessungsturms ein einfacher Wechsel in der Fassadengestaltung möglich wird. Baumgartner Loewe nutzen diese Chance und wählen neue Proportionen sowie eine zurückhaltende Farbgebung.

Gerade weil der Entwurf im Umgang mit dem Bestand so sorgfältig wirkt, fällt der Teilabriss des Erweiterungsbaus aus dem Jahr 2009 umso stärker auf. Die Jury nennt den Verlust des eingeschossigen Bestandteils einen «Wermutstropfen» und rechtfertigt ihn mit geringer Nutzungsdichte sowie dem Gewinn entsiegelten Freiraums. Dennoch handelt es sich um einen erst 17 Jahre alten Gebäudeteil mit einer Sichtbetonfassade. Das gängige Argument, dass Sichtbeton nicht per se unnachhaltig sei, da er sehr robust und langlebig ist, greift hier nicht. Problematisch ist weniger der Sichtbeton selbst als der Abriss eines vergleichsweise jungen Bauteils innerhalb eines ansonsten argumentativ auf Weiterbauen angelegten Entwurfs. 

«Bienvenue» hat gewonnen, weil der Entwurf die Qualitäten des Campus erkennt, präzise weiterentwickelt und im Werkstatttrakt einen neuen öffentlichen Mittelpunkt schafft. Auf bescheidene Art und Weise wird der bestehende Campus an den äusseren Rändern erweitert. Trotz aller Zurückhaltung schreckt das Siegerteam nicht davor zurück, das bestehende Werkstattgebäude im Inneren komplett umzugestalten und einen Gebäudeteil abzureissen.

Sanierung und Erweiterung Campus BBZ, Weinfelden
Einstufiger Projektwettbewerb im offenen Verfahren 

 

1. Rang / 1. Preis: «Bienvenue»
Baumgartner Loewe Architekten AG, Zürich; Sima/Breer GmbH, Winterthur; Lüchinger Meyer Partner AG, Zürich
 

2. Rang / 2. Preis: «Edura»
Carlos Martinez Architekten AG, Berneck; Uniola AG, Zürich; Pirmin Jung Schweiz AG, Sargans; Lemon Consult AG, Zürich; Borgogno Eggenberger + Partner AG, St. Gallen
 

3. Rang / 3. Preis: «Forum³»
Ruprecht Architekten GmbH, Zürich; vetschpartner Landschaftsarchitekten AG, Zürich; Walt Galmarini AG, Zürich
 

4. Rang / 4. Preis: «BildRaum»

ATP architekten ingenieure Zürich AG, Zürich; vb landschaftsarchitektur, Rüti Zürich; 4 Management 2 Security GmbH, Zürich
 

5. Rang / 5. Preis: «Palindrom»
Spörri Graf Partner APP AG, Bern; Moeri & Partner AG, Bern
 

Fachjury
Roland Ledergerber, ehem. Kantonsbaumeister, Kantonales Hochbauamt Thurgau (Moderation); Theres Aschwanden, Architektin, Zürich; Lisa Ehrensperger, Architektin, Zürich; Marc 
Schneider, Architekt, Winterthur; Lukas Imhof, Architekt, Zürich; Donatus Lauener, Architekt, Frauenfeld; Tom Munz, Architekt, St. Gallen; Martin Klauser, Landschaftsarchitekt, Rorschach SG; Pascal Wassmann, Co-Amtsleiter a.i., Kantonales Hochbauamt Thurgau (Ersatz)
 

Sachjury
Dominik Diezi, Regierungsrat, Chef Departement für Bau und Umwelt (Vorsitz); Denise Neuweiler, Regierungsrätin, Chefin Departement für Erziehung und Kultur; Marcel Volkart, Amtschef, Amt für Berufsbildung und Berufsberatung Kanton Thurgau; Sibylle Märki, Rektorin, Gewerbliches Berufsbildungszentrum Weinfelden; Renate Bircher, Rektorin, Bildungszentrum für Wirtschaft Weinfelden; Eva Vogelsanger, Rektorin, Bildungszentrum für Gesund­heit und Soziales, Weinfelden; Simon Wolfer, Stadtpräsident Weinfelden; Annette Schwarz, Leiterin Schulische Bildung, Amt für Berufsbildung und Berufsberatung Kanton Thurgau (Ersatz)


Auftraggeber
Staat Thurgau, vertreten durch das kantonale Hochbauamt
 

Veranstalter
Kantonales Hochbauamt Thurgau


Verfahrensbegleitung
blumergaignat ag, St. Gallen



 

 


 


 

Sur ce sujet