«Das Pa­pier ist die Grund­me­lo­die un­seres Raum­verständ­nisses»

Mit dem neuen Positionspapier Raumentwicklung schärft der SIA seine Haltung zu einem zentralen Thema. Welche Orientierung das Papier bietet, erläutern die Co-Präsidentinnen des Fachrats Raumplanung und SIA-Vorstandsmitglieder Barbara Wittmer und Sarah Schalles im Interview.

Date de publication
06-07-2026
Sarah Mettan
Verantwortliche Raumplanung, Berufsgruppe Umwelt (BGU)

Neben den Positionspapieren «Klimaschutz, Klimaanpassung und Energie», «Bildung für eine nachhaltige Gestaltung des Lebensraums», «Landschaft» und «Baukultur. Eine kulturpolitische Herausforderung» liegt nun auch das Positionspapier zur Raumentwicklung vor. Wieso war dessen Erarbeitung notwendig?

Barbara Wittmer: Nachdem sich der Fachrat Raumplanung 2022 gebildet hatte, wurde schnell klar, dass wir eine gemeinsame Haltung zu den grossen Fragen der Raumentwicklung brauchen. Raumplanung betrifft viele Disziplinen und Interessen und hat eine hohe gesellschaftliche Tragweite. Allerdings fehlte ein Dokument, das die grundlegenden Werte und Zielsetzungen des SIA zusammenfasst und Orientierung bietet. Das Positionspapier erfüllt genau diesen Zweck.

Der Fachrat Raumplanung versteht sich als strategisch vorausschauendes Gremium. Worauf hat er bei der Erarbeitung des Positionspapiers Raumentwicklung Wert gelegt?

Barbara Wittmer: Wir haben den Fachrat bewusst interdisziplinär zusammengesetzt und Fachleute aus verschiedenen Bereichen zusammengebracht. Die Kolleginnen und Kollegen haben teilweise unterschiedliche fachliche und sprachregionale Verständnisse von Raumplanung und Raumentwicklung eingebracht. Diese Vielfalt hat sich bei der Erarbeitung des Positionspapiers als Vorteil erwiesen. Schnell haben wir uns in einem Reflexionsprozess wiedergefunden, aus dem sich die zentralen Themen herauskristallisiert haben, die heute das Positionspapier prägen.

Was zeichnet das Positionspapier aus?

Sarah Schalles: Seine grösste Stärke liegt in der übergeordneten Perspektive. Das Papier versteht sich als Kompass für die Raumentwicklung insgesamt. Dabei stehen die Interdisziplinarität und die Aushandlung der unterschiedlichen Interessen im Zentrum. Raumentwicklung betrifft nicht nur die gebaute Umwelt. Sie schliesst Landschaft, Biodiversität, Mobilität, Ressourcen und gesellschaftliche Entwicklungen mit ein. Diese Bereiche können nicht isoliert betrachtet werden. 

Barbara Wittmer: Ich verstehe dieses Positionspapier als Grundmelodie unseres Raumverständnisses. Wir wollten bewusst kein Papier schreiben, das sich an kurzfristigen Trends orientiert. Das Positionspapier formuliert langfristige Grundsätze, die auch in Zukunft Orientierung bieten.

Was ist die zentrale Botschaft des Positionspapiers?

Barbara Wittmer: Dass wir den Raum als Ganzes betrachten müssen.

Sarah Schalles: Und dass gute Raumentwicklung nur gelingt, wenn wir über Fachgrenzen hinweg zusammenarbeiten.

Wie leitet sich aus dieser vielleicht eher abstrakten Grundhaltung konkretes Handeln ab?

Sarah Schalles: Das Positionspapier hilft dabei, den übergeordneten Rahmen zu geben, um Entscheidungen einzuordnen und Prioritäten zu setzen. Wir werden mit diesem Papier daran erinnert, nicht in einzelnen Fachgebieten oder Silos zu denken, sondern Zusammenhänge zu erkennen. Das Papier dient als Wegweiser für Projekte, politische Diskussionen und planerische Prozesse. 

Können Sie ein Beispiel nennen?

Sarah Schalles: Ein gutes Beispiel aus dem Positionspapier ist die Frage der Bodennutzung. Die verfügbaren Flächen sind begrenzt. Deshalb müssen wir sorgfältig mit dem Boden umgehen, Freiräume schützen und auf eine qualitätsvolle Innenentwicklung setzen. Das Positionspapier liefert dafür die grundlegende Haltung.

Markiert das Positionspapier einen Abschluss oder ist es eher als Ausgangspunkt zu verstehen?

Barbara Wittmer: Ganz klar ein Ausgangspunkt. Das Papier formuliert Grundhaltungen, aus denen weitere Arbeiten entstehen können. Besonders beim Thema Mobilität sehen wir grossen Vertiefungsbedarf. Mobilität beeinflusst praktisch alle Bereiche der Raumentwicklung. Neue Verkehrsangebote schaffen neue Standortqualitäten und verändern die Nachfrage nach Flächen. Deshalb sind wir daran, uns strategisch vorausschauend mit dem Projekt des Bundesrats für die nationale Verkehrsinfrastruktur «Verkehr 45» auseinanderzusetzen. Auch hier sehen wir: Das Papier liefert die gemeinsame Ausgangslage, auf der Diskussionen geführt und vertiefte Positionen entwickelt werden können.

Welche Rolle spielt das Papier für die politische Arbeit des SIA?

Sarah Schalles: Es schafft Legitimation und Orientierung. Wer im Namen des SIA Stellung bezieht, kann sich auf eine breit abgestützte Grundhaltung berufen. Gleichzeitig dient das Papier als Referenzrahmen für konkrete Projekte des Vereins. Schaut man sich den Aktionsplan Klima, Energie und Ressourcen an, dann erkennt man, dass sich die Inhalte des Aktionsplans und des Positionspapiers ergänzen. Das stärkt nicht zuletzt die inhaltliche Kohärenz innerhalb des SIA. 

Das Positionspapier legt einen starken Fokus auf Nachhaltigkeit. Wie überzeugt man Planende vom Positionspapier, die Nachhaltigkeit nur am Rande mitdenken?

Barbara Wittmer: Nachhaltigkeit wird teilweise in der Planung als Einschränkung wahrgenommen. Tatsächlich kann Nachhaltigkeit aber wirtschaftlich vorteilhaft sein. Menschen sind bereit, für qualitativ hochwertige Lebensräume mehr zu bezahlen. Eine qualitätsvolle Siedlungsentwicklung nach innen – das heisst attraktive Freiräume, gute Aufenthaltsqualität und eine sorgfältige Gestaltung – erhöhen langfristig den Wert von Immobilien. 

So wie Sie das beschreiben, kann Raumentwicklung als Ausdruck einer hohen Baukultur verstanden werden.

Barbara Wittmer: Ja, unbedingt. In der Raumentwicklung müssen unterschiedliche Interessen immer ausgehandelt werden. Das Positionspapier hilft dabei, diese Diskussionen auf einer gemeinsamen Grundlage zu führen und nach tragfähigen Lösungen zu suchen. Das ist gelebte Baukultur.

An welche Projekte des SIA schliesst das Positionspapier an im Sinne der inhaltlichen Kohärenz? 

Sarah Schalles: Sicher an den SIA-Aktionsplan Klima, Energie und Ressourcen, der den Weg zu einer klimaneutralen Bau- und Planungsbranche aufzeigt und ganz klar an den Prix SIA. Die eingereichten und ausgezeichneten Projekte zeigen, dass sich die Vorstellungen des Positionspapiers bereits in der Praxis widerspiegeln. Viele Projekte des Prix SIA beschäftigen sich mit Umnutzung, Nachverdichtung und dem sorgfältigen Umgang mit bestehenden Ressourcen. Dabei spielt die Qualität des Aussenraums eine wichtige Rolle. Es geht nicht mehr nur um einzelne Gebäude, sondern um deren Einbettung in den grösseren räumlichen Kontext. Die Projekte zeigen, dass nachhaltige Raumentwicklung möglich ist. Sie sind Vorbilder und Inspiration für zukünftige Entwicklungen.

Für welche Herausforderungen in der Raumentwicklung braucht es künftig dringend tragfähige Lösungen?

Barbara Wittmer: Die zentrale Herausforderung ist die Sicherung und Weitereinwicklung eines nachhaltig gestalteten Lebensraums bei zunehmendem Druck auf Flächen. Die Bevölkerung wächst, die Ansprüche steigen und gleichzeitig stehen immer weniger freie Flächen zur Verfügung. Damit wachsende Dichte nicht auf Kosten der Qualität unseres Lebensraums geht, müssen wir Biodiversität, Freiräume und Lebensqualität stärker in die Planung integrieren. Die Herausforderungen werden komplexer und verlangen nach neuen Formen der Zusammenarbeit in der Planung. Das ist in gewissem Sinne auch ein Paradigmenwechsel. 

Sarah Schalles: Da möchte ich nachdoppeln: Wir müssen akzeptieren, dass wir innerhalb klarer räumlicher Grenzen handeln. Umso wichtiger wird die Frage, wie wir mit begrenzten Ressourcen umgehen. Gleichzeitig braucht es mehr dialogische und kooperative Prozesse. Viele Konflikte entstehen, weil relevante Akteure erst spät eingebunden werden. Erfolgreiche Projekte entstehen dort, wo unterschiedliche Fachrichtungen von Anfang an zusammengebracht werden und gemeinsam nach tragfähigen Lösungen suchen.

Welche Rolle kann der SIA angesichts dieser Ausgangslage übernehmen?

Sarah Schalles: Der SIA kann Orientierung geben, Wissen vermitteln und neue Werkzeuge entwickeln. Er kann Themen sichtbar machen und den Austausch zwischen den Disziplinen fördern.

Barbara Wittmer: Aufgrund seiner Reichweite und seiner interdisziplinären Zusammensetzung hat der SIA eine besondere Verantwortung. Er kann Debatten anstossen und Zukunftsthemen frühzeitig aufnehmen.

Positionspapier Raumentwicklung

 

Mit dem Positionspapier Raumentwicklung formuliert der SIA seine Haltung für einen nachhaltig gestalteten Lebensraum – als Orientierung für Gesellschaft, Politik, Mitglieder und Bauwirtschaft. Das Papier ist eine Grundlage für die Diskussionen und Entscheidungen einer zukunftsgerichteten Raumentwicklung. 

 

Die einzelnen Leitsätze des Positionspapiers und deren praktische Umsetzung werden in zwei weiteren Artikeln vorgestellt. Diese erscheinen im August und im September.

 

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