Mit wir­kung­svol­len Ein­grif­fen zur Stad­toase

Neubaugestaltung Inseli, Luzern; Studienauftrag im selektiven Verfahren

Das Inseli liegt direkt neben dem Kultur- und Kongresszentrum Luzern am See. Durch die Transformation des Projekts «Inseli bewegt!» wird der Freiraum vielfältiger und den Ansprüchen von Mensch und Natur noch besser gerecht. Dem Studienauftrag gingen zwei Volksinitiativen voraus.

Date de publication
18-12-2025

Schon heute ist das Inseli trotz der Bahnhofsnähe ein beinahe verwunschener Ort. Eine grosse Wiese spannt sich zwischen den Schiffländen auf, im Rücken bildet eine alte Platanen­allee einen grünen Raumkörper. Touristen und Einheimische treffen aufeinander, geniessen das Stadt- und Bergpanorama, verweilen oder verpflegen sich an einer der beiden Buvetten.

In der geplanten Umgestaltung des Inselis zeigen sich die gewandelten Ansprüche an öffentliche Freiräume. Im Bericht zum Studienauftrag schreibt die Juryvorsitz­ende und Landschaftsarchitektin  Marie-Noëlle Adolph, was von Freiraumkonzepten heute erwartet wird: Sie sollen sowohl robust und flexibel als auch nachhaltig sein. Um mehr Parkplätze zu schaffen, wurde das Inseli in den 1950er-Jahren Teil des Festlands, indem der Kanal aufgeschüttet wurde. Entlang des Inseliquais parkten später die vielen Touristencars. So war es auch diese Nutzung, die zunehmend politischen Unmut auslöste. Die Volksinitiative «Lebendiges Inseli statt Blechlawine» wurde 2017 angenommen und bewirkte die Aufhebung der Carparkplätze. Doch der Parkplatz war auch Veranstaltungsort der Luzerner Herbstmesse, der Määs, und die geplante Umgestaltung stellte den Messestandort infrage – die Erweiterung der Grün­flächen war mit den Ansprüchen der Messe nicht kombinierbar. Darum sistierte der Stadtrat 2022 den Wettbewerb zur Neugestaltung des Inselis; der verkehrsbefreite Carparkplatz wird seither zwischengenutzt. Die Initiative «Die Määs muss auf dem Inseli bleiben!» wurde 2023 angenommen und nach einer Präqualifikation wurden sechs Büros für den Projektstudienauftrag im selektiven Verfahren ausgewählt.

Im Hinblick auf den geplanten Durchgangsbahnhof und die stadträumliche Lage zwischen Bahnhof und Hochschulen erachtete der Luzerner Stadtrat es als wichtig, das Inseli als qualitätsvollen öffentlichen Freiraum weiterzuentwickeln. Die Öffentlichkeit konnte sich über eine Ausstellung vor Ort informieren und über einen QR-Code ein Audio­file zum Gewinnerprojekt anhören. Baustart für die Neugestaltung ist voraussichtlich 2029.

Behutsame Transformation

Mit dem Projekt «Inseli bewegt!» hat das Nachwuchsbüro zwikr studio aus Basel im Team mit Denkstatt, oekoskop und Hollinger den Studienauftrag gewonnen. Die Teams hatten neben allgemeinen Anforderungen auch solche an den Baumschutz und die Revitalisierung des Seeufers zu erfüllen. Aus­serdem musste der Standort vielfältig nutzbar sein, zum Beispiel als Standort für die Määs.

Das Gewinnerteam entschied sich für eine behutsame Transformation, sodass ein vielseitiger und dynamischer Lebensraum für Tiere, Pflanzen und Menschen entstehen kann. Der atmosphärisch reichhaltige Entwurf verbindet das Vorhandene mit neuen Elementen zu einem Ganzen.

Der imposante Baumbestand bleibt dabei ein prägendes Element und die bestehende räumliche Struktur bleibt weitgehend erhalten. Das Sozialraumkonzept schliesst an die heutige Konfiguration mit Liegewiese, Stadtterrasse mit Café und Spielplatz an. Grundlagen dafür waren die Analyse des heutigen Nutzerverhaltens und der sozialräumlichen Qualitäten. Die drei Hauptwege bieten dabei eine sorgfältig komponierte, abwechslungsreiche Choreografie durch den Park und ergeben spannende Blickachsen zwischen den Zonen und zum See. Der ehemalige Carparkplatz wird als Wandelplatz zu einem neuen Teil des Freiraums. So wie der versiegelte südliche Teil des Inselis bekommt auch er neu einen Schotterrasen. Das Spektrum der Vegetationsstrukturen und damit der Lebensräume für Flora und Fauna wird im Wasser und an Land merklich erweitert. Die Bäume werden unterpflanzt, der Schotterrasen geht in Ruderalflächen über. Durch neue, gestaltete Flachwasserzonen mit kleinen Aufschüttungen wird das Ufer naturnaher und es entstehen wertvolle Lebensräume. Ohne Ufermauer lässt sich von der Terrasse mit Buvette aus der veränderliche Wasserspiegel zumindest in diesem Abschnitt wieder erleben. Mit einem kleinen Feuchtgebiet in der Mitte der Anlage wird Wasser wieder ein Teil des Vegetationsraums.

Den Jurybericht finden Sie auf competitions.espazium.ch 

Durch die Zonierungen in ruhige Erholung, Bewegung und Spiel für alle wird das Nutzungsangebot des Inselis erweitert. Dafür wird die Topo­grafie leicht angepasst: Auf dem Spielplatz ist das Element Wasser direkt erlebbar, auch wenn auf dem Inseli nicht gebadet werden darf. Neu wird die südliche Buvette ganzjährig betrieben sein, sodass soziale Kontrolle und Verantwortung zum Tragen kommen. Mit dem Projekttitel «Inseli bewegt!» weisen die Projektverfassenden auf die vielfältige Geschichte des Orts, aber auch auf die neuen und fluiden Nutzungen hin. Die Angebote sind räumlich klar zugeordnet, gehen aber fliessend ineinander über.

Die Augen der Määs-Verantwortlichen sollen gemäss Luzerner Zeitung geleuchtet haben, als sie den künftigen Situationsplan sahen, denn auf dem Inseli hat die Määs auch in Zukunft gleich viel Platz wie heute. Der neu angelegte Schotterrasen auf dem Wandelplatz übersteht die intensive Nutzung durch die Messe und ist befahrbar. Pflanzinseln bieten Rückzugsorte für den Naturraum während der intensiven Nutzung durch die Messe.

Keine starren Strukturen oder Bäume in Sichtachsen

Im letzten Rundgang ausgeschieden ist das Team um Studio Vulkan. Die Jury sah im Projekt viele Qualitäten, vor allem in der offenen grossen Wiese als zentrales Element der Umgestaltung. Weniger verständlich fand sie hingegen die geplanten Neupflanzungen von Baumgruppen, da die ausgewählten Bäume hochwachsend sind und so Sichtachsen verhindern würden sowie in Konkurrenz zur historischen Allee treten könnten. Auch die Verlegung der Määs in den Süden des Areals wurde kritisch beurteilt.

Der eigenständige Beitrag des Teams um égü Landschaftsarchitekten setzte sich mit Hypernatur und -kultur auseinander: Das Projekt spielt ebenso die Mitte des Inselis frei und stärkt die Ränder. Die dafür vorgeschlagenen baulichen Elemente wirkten aber zu starr. Die fest installierte Bauwerksstruktur entlang des Inseliquais sollte nach Bedarf mit Nutzungen bespielt werden. Dafür wäre jedoch die Zugänglichkeit des Inselis auf den nördlichen und südlichen Eingang beschränkt worden. Auch das für die Strukturen an Land und im Wasser vorgeschlagene Material Beton warf die Frage auf, ob dies heute noch die passende Wahl für den sonst ökologischen Ansatz sein kann.

Mitwirkung und moderate Kosten

Die Jury lobt die präzisen Eingriffe und das zeitgemässe Verständnis urbaner Vegetation und Stadtnatur des Siegerprojekts. Durch den sensiblen und zurückhaltenden Ansatz wird das Inseli zu einem zusammenhängenden und ortsspezifischen Freiraum, «der den funktionalen, gestalterischen und ökologischen Anforderungen der Zukunft gerecht wird». Dabei wird der Naturraum vergrössert, bei einem gleichzeitig vielfältigeren Nutzungsangebot. Das innovative Partizipationskonzept hat die Jury ebenso überzeugt: In einem differenzierten Prozessplan werden in Phasen verschiedene Akteurinnen und Akteure für die Entwicklung der Bespielung und An­eignung von Wandelplatz und Bewegungsplatz einbezogen. Kritisch sieht die Jury aber den hohen planerischen Anspruch und die dafür nötige Kommunikation.

Dass die Kosten für das Projekt mit 7.7 Mio. Fr. leicht unter der Kostenschätzung der Machbarkeitsstudie liegen, wird ein weiterer Pluspunkt gewesen sein. Weil darin die Gebäudeausstattung noch nicht eingerechnet ist, dürften es am Ende aber doch eher 10 Mio. Fr. sein.

Damaris Baumann ist Architektin und Fachjournalistin. Sie studierte Architektur an der ETH Zürich und in Ahmedabad, Indien.

Empfehlung zur Weiterbearbeitung

 

Team zwikr studio, Basel
Denkstatt, Basel; oekoskop, Basel; Holinger, Basel

 

Weitere Teams ohne Rang

 

Team égü Landschaftsarchitekten, Zürich
Itoba, Baden; Ayaka Gütlin, Basel; Hunziker, Zarn & Partner, Aarau

 

Team extrã Landschaftsarchitekten, Bern
Soziale Plastik, Bern; AquaPlus, Zug; Kisslin + Zbinden, Solothurn

 

Team Kollektiv Nordost, St. Gallen
Laboratorium für Zukunftsgestaltung, Zürich; OePlan, Altstätten

 

Team Linea Landscape Architecture, Zürich
Zeugin Gölker Immobilienstrategien, Zürich; Umweltatelier, Zürich; Triton Ingenieure, Uster

 

Team Studio Vulkan Landschafts­architektur, Zürich
Studio OfM, Luzern; Staubli, Kurath & ­ Partner, Zürich

 

Fachjury

 

Marie-Noëlle Adolph, Landschafts­architektin, Meilen (Vorsitz); Stefan Koepfli, Landschaftsarchitekt, Luzern; Céline Baumann, Landschaftsarchitektin, Basel; Adrian Barmettler, Brand Experience Manager, Sarnen; Barbara Emmenegger, Soziologin, Zürich; Daia Stutz, Landschaftsarchitekt, Zürich (Ersatz)

 

Sachjury

 

Manuela Jost, Stadträtin, Baudirektion (BD) und Korintha Bärtsch (ab September 2024); Adrian Borgula, Stadtrat, Umwelt- und Mobilitätsdirektion (UMD) und Marco Baumann (ab September 2024); Cornel Suter, Leiter Stadtgrün (STG); Deborah Arnold, Leiterin Stadtplanung (SPL); Livia Schälli, Ressortleiterin Gebietsentwicklung und öffentlicher Raum (GeöR) (Ersatz)

 

Veranstalterin

 

Stadt Luzern

 

Verfahrensbegleitung

 

Basler & Hofmann, Kriens

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