«Un­sere In­ter­ven­tio­nen sind sanft, aber wir berüh­ren da­mit viele Mens­chen»

2005 gründete der Schweizer Heimatschutz die Stiftung «Ferien im Baudenkmal». Inzwischen bietet die Stiftung 68 Objekte in der ganzen Schweiz als Feriendomizil an. Wir sprachen mit Nancy Wolf, Leiterin Marketing & Kommunikation, und Claudia Thommen, Projektleiterin Architektur & Baukultur, über den Weg von der leerstehenden Immobilie zum historischen Ferienhaus und über die Auswirkungen dieser Transformation auf die Regionen.

Date de publication
17-12-2025
Tina Cieslik
Head of Multimedia | espazium digital lab; Korrespondentin Architektur/Innenarchitektur TEC21


espazium: Frau Wolf, die Stiftung «Ferien im Baudenkmal» feiert 2025 ihr 20-jähriges Bestehen. Gehen wir zwanzig Jahre zurück – wie kam es zur Idee, historische Häuser in eher abgelegenen Regionen in Feriendomizile umzubauen?

Nancy Wolf: «Ferien im Baudenkmal» wurde vor 20 Jahren gegründet, zum 100-jährigen Jubiläum des Schweizer Heimatschutzes. Die Initiantinnen und Initianten wollten anlässlich des Jubiläums etwas Bleibendes schaffen. Vorbild für die Stiftung «Ferien im Baudenkmal» war der britische «Landmark Trust», der sich seit 1965 sehr erfolgreich für den Erhalt historischer Häuser einsetzt. 2005 war die Gründung unserer Stiftung, 2008 haben wir unser erstes Ferienhaus eröffnet. Wir finden, dass Baudenkmäler wichtige Kulturgüter und identitätsstiftende Zeitzeugen regionaler Baukultur sind. Und deshalb setzen wir uns dafür ein, dass historische Bauten und Ortsbilder sinnvoll erhalten bleiben.


Wie kommen Sie zu Ihren Gebäuden? 

Claudia Thommen: Wir suchen aktuell nicht aktiv, haben aber ein breites Netzwerk, werden von den Sektionen des Heimatschutzes kontaktiert oder auch von den Denkmalpflegenden der Kantone. Aber es gibt auch immer wieder Eigentümerinnen und Eigentümer historischer Häuser, die sich bei uns melden, oder auch Gäste, die uns auf möglicherweise passende Objekte hinweisen. Tatsächlich haben wir aber inzwischen so viele Anfragen, dass wir die Webplattform «Marché Patrimoine» gegründet haben. Hier können Eigentümerinnen historischer Immobilien und interessierte Käufer in Kontakt kommen.


Wie läuft ein Umbauprojekt für «Ferien im Baudenkmal» konkret ab? Erwerben Sie die Gebäude?

Claudia Thommen: Wir sind eine Non-Profit-Organisation, und damit auf Spenden angewiesen. Das ist eine Limitation in Bezug auf mögliche Käufe. Häuser aus dem freien Markt können wir so nicht erwerben. Uns werden die Gebäude meistens symbolisch verkauft, geschenkt oder auch im Legat überlassen. Mittlerweile haben wir 68 Objekte im Angebot, davon gehören insgesamt vier, demnächst fünf, der Stiftung und  acht wurden uns im Baurecht überlassen. 
Die Übernahme im Baurecht bietet sich etwa bei Kirchgemeinden an, die ihre Immobilien oft nicht einfach so verkaufen dürfen. Oder auch bei Familien, die keine Nachkommen haben, aber das Eigentum trotzdem im Ort behalten wollen. Das Objekt erhalten wir somit im Baurecht und finanzieren den Umbau.


Wie geht es dann weiter?

Claudia Thommen: Beim Start eines Bauprojektes sind noch keine finanziellen Mittel vorhanden. Nach der Projektierung gehen wir mit den geschätzten Baukosten in einen Fundraising-Prozess. Erst, wenn wir eine hundertprozentige Finanzierung zugesichert bekommen haben, fangen wir an zu bauen – einen Baustellenstopp wegen einer Finanzierungslücke können wir uns schlichtweg nicht leisten. In der Regel müssen wir zudem einen Teil der Kosten vorfinanzieren, den wir erst nach der Fertigstellung erstattet bekommen. 


Was bedeutet «Fundraising» in diesem Prozess – nutzen Sie auch Methoden wie Crowdfunding?

Nancy Wolf: Es sind vor allem verschiedene Organisationen und Stiftungen, die unsere Arbeit unterstützen. Einer diese Partner ist die Schweizer Berghilfe. Weil wir uns in Orten engagieren, die eher von Abwanderung betroffen sind und damit eine gewisse Wertschöpfung in diese Alpenregionen bringen. Aber auch Privatpersonen setzen sich für unsere Arbeit ein. 

Der Fundraising-Prozess macht den Grossteil eines Umbauprojektes aus. Damit einher geht auch die Sensibilisierung, um die Werte und Ziele unserer Arbeit zu vermitteln. Crowdfunding haben wir bisher noch nie eingesetzt. Es ist sehr aufwendig und bedeutet für unsere Projekte ein Ungleichgewicht zwischen Aufwand und Ertrag. Ähnliches machen wir aber über unsere eigene Community, in die alle eingeladen sind, sich zu beteiligen. Über diesen Kanal erhalten wir grosse und kleinere Privatspenden, die zusammen ganz klar einen Unterschied machen.


Welche Art von Häusern sind Kandidaten für «Ferien im Baudenkmal»?

Claudia Thommen: Oftmals übernehmen wir Häuser, die schon lange leer stehen, vor allem in Regionen, die eher von Abwanderung betroffen sind. In den touristischen Hotspots braucht es uns nicht. Wenn wir zum ersten Mal ein Haus besichtigen, fragen wir uns: Was erzählt uns dieses Haus? Und inzwischen auch: Wie passt es in unser Angebot? Je nach Antwort suchen wir dann die passende Lösung. 


Wie gehen sie mit der Verbindung von historischer Bausubstanz und allenfalls nötigen Umbaumassnahmen um?

Claudia Thommen: Wir betrachten zunächst die Bausubstanz und schauen uns die verschiedenen Zeitepochen an, auch die Veränderungen, die  über die Jahre stattgefunden haben, immer auch im Austausch mit der Denkmalpflege. Wir versuchen jeweils, die Umbauten, die es braucht, um das Gebäude auf den heutigen technischen Stand zu bringen, in jenen Bereichen durchzuführen, die schon Veränderung erfahren haben. Wenn irgendwo eine Ecke erweitert wurde, bauen wir dort an und nicht im historischen Teil eines Hauses. Dabei gehen wir sanft vor: Wenn wir Eingriffe machen, dann meistens reversibel. Elektrische Leitungen etwa werden auf Putz verlegt, wir müssen nicht schlitzen oder alles verstecken. Die Interventionen dürfen ablesbar sein. Diese Häuser sind über die Jahrhunderte gewachsen, haben sich immer weiterentwickelt. Unsere Umbauten sind eine weitere Zeitschicht. 

Wir biedern uns nicht an das Historische an, aber traditionelles Handwerk nehmen wir gerne auf – wenn etwa Kalkputz verarbeitet wurde, entscheiden auch wir uns wieder für Kalkputz. Der gleiche Grundsatz gilt für die Ausstattung und Möblierung. Wir versuchen, wo möglich, mit Schweizer Produkten zu arbeiten. Die Möblierung ist immer zurückhaltend, weil das Baudenkmal selbst im Mittelpunkt steht. Wir dekorieren nicht, bringen nicht noch das Matterhornbild und ein wenig Alpenchic rein. Die Häuser stehen für sich.

➔ Die Gebäude von «Ferien im Baudenkmal» inspirieren auch immer wieder Designerinnen und Designer. So kreierten vier Textildesign-Studentinnen der Hochschule Luzern kürzlich die Kollektion «Destination Heritage», eine Hommage an vier Baudenkmäler in ihren jeweiligen Heimatkantonen. 


Was ist das Besondere an Ferien in einem Baudenkmal?

Nancy Wolf: Ferien in einem unserer Baudenkmäler zu verbringen, bedeutet immer auch eine Zeitreise. Man erlebt, wie das Wohnen vor hundert oder mehr Jahren war. In vielen unserer Häuser verbergen sich architektonische Geschichten, aber auch die Geschichten der ehemaligen Bewohnerinnen. Beim 1341 erbauten Haus Tannen etwa, einem der ältesten Holzhäuser Europas, finden sich Geisterbanndübel – kleine keilförmige Hölzchen, die abgebrannt und in die Schwundrisse und Fugen des Blockhauses geschlagen wurden, um das Eindringen vom «Bösen» zu verhindern. Man bewegt sich anders in einem Haus mit niedrigeren Decken, mit höheren Türschwellen, in Gebäuden, in denen vielleicht nicht jeder Raum beheizbar ist. Es ist eine achtsame Art zu wohnen, die erdet und sich uns auf die wesentlichen Dinge besinnen lässt.


Stichwort Wohnen ohne Zentralheizung – das ist einerseits fast unvorstellbar in unserer komfortablen Welt, passt aber andererseits gut zum Streben nach Suffizienz im Bauen. Wie gehen Sie mit diesen Fragen bei der Transformation historischer Häuser um?

Claudia Thommen: Unser Anspruch, historische Häuser zu erhalten ist auch vom Nachhaltigkeitsgedanken geprägt – allein durch den bewussten Erhalt der Bausubstanz. Über 80 % des in der Schweiz produzierten Abfalls entfallen auf Bauschutt. Indem wir alte Bausubstanz erhalten und für die Weiternutzung aufwerten, leisten wir hier einen Beitrag zur Nachhaltigkeit. 

Label oder bestimmte Energiekennwerte streben wir hingegen nicht an. Das wäre bei denkmalgeschützten Bauten nicht verhältnismässig und bei einer Gesamtbetrachtung – Stichwort graue Energie – wohl auch nicht rentabel. Die renovierten, wieder genutzten Bauten wirken in den Gemeinden oft wie Leuchtturmprojekte. Die Einwohnerinnen und Einwohner kennen sie seit ihren Kindertagen, oft bereits leerstehend. Nach dem Umbau sind sie erstaunt, was sich aus der vermeintlichen Bruchbude herausholen lässt – und dass es Menschen gibt, die dort ihre Ferien verbringen möchten. Viele Eigentümerinnen und Eigentümer historischer Häuser lassen sich von unseren Renovationen inspirieren und werden sensibilisiert für den Wert der Bausubstanz vor Ort. 

Wichtig ist uns auch die soziale Nachhaltigkeit: Wir generieren regionale Wertschöpfung, indem wir regionale Architekturbüros und Handwerkerfirmen vor Ort beauftragen. Dazu kommt später der Betrieb: Wir brauchen Leute, die die Gäste willkommen heissen, die putzen, Bettwäsche waschen, die ganze Gästebetreuung machen. Unsere Gäste sind Menschen, die auch gerne im Dorfladen einkaufen gehen, die ÖV fahren, die regionale Produkte kaufen. Auch sie bringen Wertschöpfung in die Region. Der Impact ist nicht riesig, aber es ist doch sichtbar. Unsere Interventionen sind punktuell und eher sanft. Aber ich finde es sehr schön, wie viele Menschen wir damit berühren und inspirieren können. 

Gesprächspartnerinnen

 

Claudia Thommen studierte Architektur an der ETH Zürich und vertiefte ihr Wissen in Denkmalpflege an der BFH. Seit 2020 ist sie Verantwortliche für Architektur und Baukultur der Stiftung Ferien im Baudenkmal. 

 

Nancy Wolf studierte Kommunikation an der Universität Zürich und vertiefte ihr Wissen in Nachhaltigkeitskommunikation und Marketing an der ZHdK und HWZ. Seit 2017 ist sie Verantwortliche für Marketing und Kommunikation der Stiftung Ferien im Baudenkmal.

Stiftung «Ferien im Baudenkmal»
Die im Jahr 2005 vom Schweizer Heimatschutz gegründete Stiftung Ferien im Baudenkmal ist ein Projekt an der Schnittstelle von Tourismus und Denkmalpflege. Schweizweit übernimmt sie dem Verfall ausgesetzte und vom Abriss bedrohte Baudenkmäler, restauriert sie sanft und gibt ihnen als Ferienobjekte eine sichere Zukunft. 

 

Das Besondere daran ist, dass sie die sorgfältig restaurierten Objekte der Öffentlichkeit zu vernünftigen Preisen zugänglich macht und durch das aktive Erleben von Baukultur die Vermittlung und Sensibilisierung für historische Bauten in den Vordergrund stellt. Ihr vielfältiges Angebot ergänzt die Stiftung mit Baudenkmälern im Eigentum Dritter und trägt durch deren Vermietung zu ihrem Erhalt bei.

 

Viele Baudenkmäler stehen in entlegenen, ländlichen Regionen, die oft von Abwanderung bedroht sind. Für diese Orte schafft Ferien im Baudenkmal nebst dem Gedanken des Heimatschutzes eine Grundlage für Wertschöpfung. Aktuell hat die Stiftung 68 Objekte im Angebot, davon gehören zwölf der Stiftung. Der älteste Bau stammt von 1341, der jüngste von 1972.

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