Stra­te­gien der Re­pa­ra­tur

Die Wiener Secession widmete Atelier Bow-Wow eine Ausstellung. Das japanische Architekturbüro erkundet Strategien des Reparierens und Verbindens und beweist, dass Bauen auch Zuhören, Lernen und Verantwortung übernehmen bedeutet.

Date de publication
04-10-2025

Die Secession, eine legendäre Wiener Kunstinstitution, ist international bekannt für ihre Jugendstil-Architektur mit idealtypischen White-Cube-Räumen. Sie ist ausserdem eine der ältesten Vereinigungen von Kunstschaffenden überhaupt, mit einem spartenübergreifenden Ausstellungsprogramm mit gesellschaftsrelevantem Anspruch. 

«Surturing Together»

Das japanische Architekturbüro Atelier Bow-Wow verschreibt sich mit seinem interdisziplinären Zugang genau dieser Schnittstelle von Kunst, Architektur und Gesellschaft. Ihre Ausstellung «Surturing Together» im Grafischen Kabinett, Stiegenhaus und Foyer der Secession handelt von Projekten, die viel mit zeitgenössischen Ansätzen in der Kunst zu tun haben: Es geht um Nachhaltigkeit, um den Care-Gedanken, um örtliche Ressourcen, aber auch um den zündenden Gedanken, der die bildende Kunst antreibt. 

Der Begriff «Surturing» bedeutet so viel wie «nähen» oder «flicken», Tätigkeiten, die normalerweise nicht ins Repertoire der Architektur gehören. Aber da auch die Baubranche für die zunehmende Umweltzerstörung verantwortlich ist, ist es mehr als an der Zeit, die Strategien zu ändern. 

Zeichnungen und Fotografien von 30 Projekten

Das Architekturbüro, dessen Gründungsmitglieder Yoshiharu Tsukamoto und Momyo Kaijima an der ETH Zürich lehren, zeigt Zeichnungen von faszinierender Detailfülle sowie Fotografien von dreissig kleineren Projekten mit grossem Impact. In Kooperation mit lokalen Communities entwickelten die Architekturschaffenden Systeme zur Erhaltung von lokalen ethnografischen Bauweisen, wie beispielsweise beim Wiederaufbau zerstörter Siedlungen nach dem Erdbeben in Ostjapan 2011. 

Flexible Core-Häuser

Hier entwarfen sie minimalistische «Core-Häusern», flexible Wohnhäuser aus lokalen Materialien, die auf einem Drei-Zimmer-Grundriss basieren. Oft geht es bei ihren Projekten darum, zuzuhören und auf die Bedürfnisse der Nutzenden zu achten. 

Nach Interviews mit den Bewohnenden des japanischen Bergdorfs Tanekura entwickelten sie einfache Unterstände für Holzsammelnde – fast unsichtbare Hütten im Wald. Für Tsukamoto und Kaijima sowie Yoichi Tamai, der 2015 zum Büro gekommen ist, steht der Recherche-Prozess am Beginn ihrer Auseinandersetzung mit Architektur. Wissensvermittlung ist ein weiteres Prinzip ihrer Arbeit. 

Verkleidung aus Schilfrohr im Foyer

Fürs Foyer der Secession konzipierten sie zusammen mit Studierenden eine Verkleidung aus Schilfrohr, die die Wand über dem Arkadenbogen im Eingangsbereich bedeckt. Die traditionelle Technik zur Bedachung mit Reet (Schilfrohr) wurde früher nicht nur in Österreich, sondern auch in Japan traditionell verwendet. 

Lernprozesse und Reflexion fördern

Eine kompakte, dichte Installation, die die Verschränkung verschiedener künstlerischer Ansätze sichtbar macht. Bei dieser zurückhaltenden Auseinandersetzung mit altem Wissen und lokalen Bauweisen geht es weniger darum, vordergründiges Spektakel zu inszenieren, als Lernprozesse und Reflexion zu fördern. 

Dass dies nicht unbedingt den Verzicht auf aufsehenerregende Projekte bedeutet, zeigt eine weitere, in einem Workshop entstandene raumhohe Reetskulptur, die Monument, Partizipationsobjekt und Sitzgelegenheit in einem ist.

Pet Architectures als Herangehensweise

Atelier Bow-Wow – lautmalerisch für Hundebellen – ist vor allem für ihre Pet Architectures bekannt: kleine Bauten, die in Baulücken oder Häusernischen entstanden sind. Dies ist zwar eine Herangehensweise für die Grossstadt, aber die Achtsamkeit gegenüber dem Massstab haben sie weiterentwickelt. Das Buzzword «nachhaltig» findet hier vielleicht seine überzeugendste Anwendung.

Die Ausstellung in der Secession dauert vom 12. September bis 16. November 2025.

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