Bewohntes Grün: Landschaft, Architektur und Nachhaltigkeit
Der Parco Casarico wurde nach ökologischen Kriterien sowie mit Augenmerk auf Resilienz gegenüber dem Klimawandel entworfen, um Nachhaltigkeit, urbane Qualität und soziales Wohlbefinden miteinander zu verbinden.
Der Parco Casarico befindet sich in Sorengo, einer kleinen Gemeinde in den Hügeln um Lugano. Die Südschweiz liegt an der Schnittstelle zwischen subalpinen und submediterranen Lebensräumen, die eine grosse Vielfalt an Pflanzengemeinschaften mit Elementen aus allen Floragruppen des europäischen Kontinents hervorbringen.
Das milde Klima und die reichhaltige Geologie des Tessin lassen üppige Landschaften entstehen, die mit den urbanen und stadtnahen Gebieten kontrastieren, die die Talsohlen prägen. In diesem Umfeld liegt das neue Wohnquartier Parco Casarico an der Schwelle zwischen der zersplitterten Peripherie von Lugano und den angrenzenden Naturschutzgebieten, die reich an bewaldeten Hügeln, Feuchtgebieten und Uferlandschaften sind.
Jüngste Forschungen zum Klimawandel haben ergeben, dass sich das Klima der Region in den kommenden Jahrzehnten immer mehr dem von Neapel angleichen wird, mit einer deutlichen Zunahme von kurzen, intensiven Wetterereignissen und einem jährlichen Anstieg der Durchschnittstemperaturen. Diese Prämisse bestimmte die ökologische Strategie des von den Landschaftsarchitekten Federico De Molfetta und Hope Strode entwickelten Parkentwurfs und begründete die Wahl klimaresistenter Pflanzen.
Zusammenarbeit zwischen Architekten und Landschaftsarchitekten
Bereits in der Planungsphase war die Landschaftsarchitektur integraler Bestandteil des Entwurfs, der aus der Zusammenarbeit von Architekten und Landschaftsarchitekten hervorging. Ziel des Projekts war es, Wohneinheiten zu schaffen, die in ein durchgehendes, leistungsfähiges und vernetztes Parksystem eingebettet sind und die Auswirkungen auf die Umwelt reduzieren.
Der private Bauherr folgte den Entscheidungen des Planungsteams, die durch zahlreiche Faktoren motiviert waren: Dazu zählten ein wachsendes soziales und ökologisches Bewusstsein sowie die wirtschaftlichen Möglichkeiten, die sich aus qualitativ hochwertigen Projekten angesichts einer zunehmend auf Nachhaltigkeit und Wohlbefinden ausgerichteten Marktnachfrage ergeben.
Ökologie, Regenwassermanagement und Zugänglichkeit
Die Landschaft des Parco Casarico umfasst einen Spielplatz, eine Rasenfläche mit Blick auf den zentralen Teich und einen öffentlichen Platz sowie schattige Haine und Ecken, die zum Verweilen einladen. Drei Hauptgedanken leiteten das Landschaftskonzept: ökologische Kontinuität, Regenwassermanagement und öffentliche Zugänglichkeit des Geländes.
Dieser Artikel ist im Sonderheft «Biodiversität im Siedlungsraum» erschienen. Weitere Beiträge zum Thema Biodiversität finden Sie auch in unserem digitalen Dossier.
Durch die Umgestaltung der bestehenden Böschung entstand eine komplexe und abwechslungsreiche Topografie, bei der jedes Gebäude auf einer anderen Höhe liegt. Die sanften Hänge führen zu einem zentralen Weg, dem Sentiero delle Querce, der unter einem durchgehenden Kronendach aus Stein- und Korkeichen verläuft – Pflanzen mediterranen Ursprungs und daher bestens geeignet, dem Klimawandel zu trotzen.
Lokale Materialien und nachhaltige Lösungen
Dieser diagonale Weg ist zugleich das Rückgrat des öffentlichen Verkehrs in einem weitgehend privaten Quartier, ein Element zur Bewirtschaftung des Oberflächenwassers – einschliesslich Starkregenereignissen mit einer Wiederkehrperiode von 50 Jahren – und ein ökologischer Waldkorridor auf regionaler Ebene.
Entlang des Sentiero delle Querce entsteht durch die Bepflanzung und das Regenwasserrückhaltesystem ein durchgehender ökologischer Korridor für Insekten, Kleinsäuger und Vögel, der den Hangwald mit dem Naturschutzgebiet des Lago di Muzzano im Tal verbindet.
Wasser umleiten, sammeln und zurückhalten
Die Schlüsselstrategie für die Umleitung, Sammlung und Retention des Oberflächenwassers liegt in einer sorgfältigen topografischen Modellierung und der Schaffung von drei aufeinanderfolgenden Rückhaltebecken entlang der Hauptroute. Das Regenwasser aus dem Park und von den Dächern der Gebäude fliesst in die oberen Becken und wird dann in das grosse Becken neben der öffentlichen Piazza dell’Acqua («Wasserplatz»), geleitet.
Zwei Seiten des Beckens bestehen aus pigmentierten Betonwänden, die dritte Seite ist eine begrünte Böschung, die einen Zugang zum Ufer ermöglicht. Hier wird das Wasser gefiltert und durch Phytoremediation gereinigt, wodurch ein zusätzliches Feuchtbiotop für Wildtiere entsteht, dessen Verdunstung zudem das Mikroklima des Quartiers mildert.
Pigmentierter Rohbeton und recyceltes Holz
Die Auswahl der Materialien und Texturen basiert auf Überlegungen zur Alterungsbeständigkeit, Wirtschaftlichkeit sowie zu saisonalen Veränderungen. Dies spiegelt sich in der bewussten Verwendung von pigmentiertem Rohbeton wider, der mit den natürlichen Felsaufschlüssen des Geländes verschmilzt, sowie im Mobiliar aus recyceltem Holz der örtlichen Forstwirtschaft.
Blöcke aus schwarzem Kalksteinabfall wurden zur Stabilisierung der Hänge und Förderung des Wachstums der alkalischen Vegetation eingesetzt. Das Grün der üppigen Vegetation steht im Kontrast zu den dunklen Betonkörpern und trägt dazu bei, den Hitzeinsel-Effekt abzuschwächen und den Bewohnenden das notwendige Mass an Privatsphäre und Schatten zu bieten.
Sozialzentrum bringt Leben ins Quartier
Der obere Teil des Parks wurde als provisorische Landschaft konzipiert, die vorübergehend der Allgemeinheit als öffentlicher Park zur Verfügung steht, jedoch in Privatbesitz ist. Hier befindet sich das alte Gehöft, dessen Renovierung und Umwandlung in ein Sozialzentrum neues Leben in das Quartier gebracht hat.
Das Zentrum ist umgeben von einem Terrassencafé, einem Boccia-Platz, einer in den Hügel eingebetteten Freilichtbühne für öffentliche Veranstaltungen, einem Olivenhain mit Belvedere, einem öffentlichen Obstgarten sowie Gemeinschaftsgärten.
Immobilienwert und Lebensqualität
Der Parco Casarico ist nicht nur wegen seiner gestalterischen Qualität und der gemeinsamen Anstrengungen aller Beteiligten beispielhaft, sondern auch, weil er in einem landschaftlichen und kulturellen Umfeld liegt, das – trotz der starken Auswirkungen des Klimawandels und des Drucks durch Neophyten – seit Langem eine gewisse ökologische Belastbarkeit zeigt.
Sie ist vermutlich auch einer tief verwurzelten Gartenkultur zu verdanken, die sich stark an traditionellen Bewirtschaftungsformen orientiert.
Pflegekonzept für die Biodiversität
Die Landschaftsarchitekten haben einen Pflegeplan erstellt, der regelmässig aktualisiert wird. Das Gesamtkonzept besteht darin, das Mähen und Beschneiden auf ein Minimum zu beschränken, um die Schaffung einer durchgehenden, naturnahen grünen Vegetationsdecke zu fördern. Das Mähgut wird vor Ort kompostiert.
Die Pflegearbeiten werden von zwei Gärtnerteams durchgeführt: Ein Team ist regelmässig vor Ort, um Routineaufgaben zu erledigen (Rasenmähen, Reinigung der gepflasterten Flächen und Wege usw.), während das andere periodische Pflegearbeiten durchführt (Baumschnitt, Mulchen, Bewässerung, Wartung der Rückhaltebeckeninfrastruktur etc.).
Erfolgsfaktor auf dem Immobilienmarkt
Die Gestaltung der Freiraumanlagen wirkte sich unmittelbar auf den Erfolg des Immobilienprojekts aus. Die Qualität der Freiflächen erhöhte nicht nur den ästhetischen und funktionalen Wert der Immobilie, sondern steigerte auch ihre Marktattraktivität.
Die Schaffung eines Umfelds, das Wohlbefinden und soziale Interaktion fördert, hat in der Tat Käuferinnen und Mieter angezogen, die bereit sind, einen Aufpreis für hohe Lebensqualität zu zahlen. Darüber hinaus erwies sich die Fokussierung auf eine naturnah gestaltete Umgebung im stark urbanisierten Umfeld von Lugano als entscheidender Erfolgsfaktor in einem zunehmend wettbewerbsorientierten Immobilienmarkt.
Parco Casarico, Sorengo (TI)
Am Projekt Beteiligte
Bauherrschaft
Conca d’Oro SA, Lugano
Landschaftsarchitektur
De Molfetta Strode, Lugano
Architektur
Attilio Panzeri & Partners, Lugano
Gartenbau
Hofer Degiorgi SA, Comano
Generalunternehmung
Garzoni, Lugano
Forstunternehmung
co2000, Riva S. Vitale
Wasserinfrastruktur
Aquaplan, Pregassona
Naturstein
Società Anonima San Giorgio, Stabio
Projekt
Fläche: 40 000 m²
Wassermanagement: Entwässerungs-, Rückhalte- und natürliche Versickerungssysteme
Vegetation: Unterschiedlich je nach Bereich, mit besonderem Augenmerk auf den Klimawandel und die Biodiversität
Auszeichnungen: Binding Innovationspreis 2022
Daten und Kosten
Fertigstellung: 2022
Bauzeit: 7 Jahre (2015–2022)
Gesamtkosten: 1.4 Mio. CHF