Ein Zu­satz­mo­tor für den So­la­raus­bau

Viele möchten klimafreundlich leben, aber nur wenige wollen mehr dafür bezahlen. Ist  der «Zusammenschluss zum Eigenverbrauch ZEV» das Wunschmodell, um die dezentrale Energieversorgung nun CO2-frei und ökonomisch zu organisieren?

Date de publication
02-12-2022

Vom KEV zum ZEV oder ein Sprung vom Plan zum Markt in rund zehn Jahren: 2009 begann der Bund den Ausbau der Photovoltaik (PV) zu fördern. Hauseigentümer, die selbst Solarstrom produzieren, erhielten damals eine «kostendeckende Einspeisevergütung» – KEV – zugesprochen. Das Modell war beliebt: Die jährlich installierte Zusatzleistung sprang von unter 20 auf über 300 Megawatt zwischen 2009 und 2012. Danach folgten moderatere Wachstumsjahre; aber nun schlagen die Verkaufszahlen für PV-Anlagen abermals Rekorde: Im letzten Jahr wurden erstmals über 700 Megawatt Leistung auf Hausdächer und Gebäudefassaden installiert, obwohl der Staat inzwischen andere Fördermodelle anwendet. Neuerdings ist ein Zusammenschluss zum Eigenverbrauch – ZEV – erlaubt. Der Betrieb ist nicht subventioniert; für die Installation von PV-Anlagen wird eine staatliche Einmalvergütung ausbezahlt.

Seit 2018 dürfen Liegenschaftsbesitzer ihre Energieinfrastruktur eigenständig organisieren und dazu die Haushalte kleiner bis grosser Siedlungen in eine Eigenverbrauchsgemeinschaft integrieren. Vor Ort erzeugte fossilfreie Energie soll möglichst lokal konsumiert werden. Und auch die Strombezüger selbst sollen davon profitieren: Die Energie aus lokaler Quelle muss weniger kosten als beim Bezug aus dem öffentlichen Netz, schreibt das nationale Energiegesetz vor. Solche Zusammenschlüsse waren in Immobilienkreisen bislang beliebt, weil sich -Solaranlagen, die auf Eigenverbrauch getrimmt sind, wirtschaftlich betreiben lassen. Inzwischen wird es ebenso interessant, eine maximale Leistung zu installieren und Überschüsse lokal zu vermarkten.

Optimierungsbedarf beim Eigenverbrauch

Solchen Rückenwind haben sich der Gesetzgeber und die Befürworter des Solarausbaus gewünscht. Aber auch die Bedenken sind nicht komplett widerlegt: Der Hauptanreiz an einem ZEV-Modell besteht darin, nur so viel Strom lokal zu erzeugen wie nötig und nicht wie möglich. Eigene PV-Anlagen wurden zuletzt so ausgelegt, dass sie wirtschaftlich finanziert werden können, ohne sie hinsichtlich des Ertrags zu maximieren. Mit «einem ausgeglichenen Verhältnis zwischen der Eigenproduktion und dem lokalen Verbrauch» sei die bislang wichtigste Wirtschaftlichkeitsanforderung erfüllt, bestätigt Bernhard Schmocker von der Energiegenossenschaft ADEV, die in Basel das grösste ZEV-Areal der Schweiz betreibt. Doch das kann sich schnell ändern, zeigen die jüngsten Marktentwicklungen. Steigen die Preise am freien Markt, ist es -lohnender, den eigenen Solarstrom weiterzuverkaufen als selbst zu konsumieren.

Bei niedrigen Strommarktpreisen sinkt dagegen das Interesse der ZEV-Betreiber, die Energie aus eigener Quelle in ein öffentliches Netz abzugeben. Denn solche Exporte brachten zuletzt nur Verluste: «Das Einspeisen der Überschüsse muss von den EW so honoriert werden, dass unsere Gestehungskosten vor Ort gedeckt sind», ergänzt Schmocker. Am Basler ZEV-Standort lautet die Rechnung zum Beispiel: Für den ZEV-Strom bezahlen die beteiligten Haushalte und Gewerbebetriebe weniger als 27 Rp./kWh, was günstiger ist als der übliche Ortstarif, aber die Kosten der Eigenversorgung jedenfalls amortisiert. Überschüsse, die in das Stadtnetz eingespeist werden, wurden mit 7 Rp./kWh, damals der Marktpreis, vergütet.

Vielfältig nutzen und speichern

Der Clou eines optimierten Eigenverbrauchs ist, die fossilfreien Energiequellen vor Ort vielfältig und selbst zu nutzen. In der Regel lässt sich auf ZEV-Arealen die Sonne und die Erdwärme ausschöpfen: Grosse Photovoltaikanlagen auf den Dächern liefern Solarstrom frei Haus. Und Wärmepumpen bereiten ihrerseits Wärme für das Heizsystem und das Warmwasser auf. Hilfreich sind zudem örtliche Zusatzspeicher, um den lokalen Konsum nach Bedarf hinauszuzögern. Ein möglichst hoher Selbstversorgungsgrad, der das positive Verhältnis zwischen Jahresertrag und Jahreskonsum wiedergibt, ist jedoch nicht das primäre Ziel. Der Eigen-verbrauchsanteil ist ein relevanteres Wirtschaftlichkeitskriterium.

Ein Einfamilienhaus oder ein kleines Mehrfamilienhaus erreicht eine Eigenverbrauchsquote von höchstens 40 %, selbst wenn das Dach vollständig mit Photovoltaikmodulen bestückt ist. In ZEV-Einheiten steigt dieser Anteil erfahrungsgemäss auf 70 bis 90 %. Zu verdanken ist dies dem Mix aus Haushalt und Gewerbe, die jeweils unterschiedliche tageszeitliche Bedarfsprofile ausweisen. Bisweilen werden zur Erwei-terung des lokalen Speichers auch Grossbatterien installiert. Und mit Blick in die Zukunft sind weitere Optionen im Gespräch: Auch Ladestationen für Elektroautos oder eine automatische Inbetriebnahme von Wasch- oder Spülmaschinen erhöhen das lokale Speichervermögen. Doch die Technologien sind in der Praxis erst vereinzelt erprobt.

Mietvereinbarungen sind anzupassen

Wie immer der Eigenverbrauch erhöht wird: Höhere Anteile verbessern auch die Wirtschaftlichkeit einer klimafreundlichen Arealversorgung. Für Bernhard Schmocker ist das Inselmodell deshalb ein «starker Motor für die Solarbauoffensive». Weil auch Mietvereinbarungen daran angepasst werden müssen, sind ZEV-Modelle im Neubausegment allerdings einfacher zu organisieren als im Gebäudebestand respektive als in einem bestehenden Stockwerkeigentum.

Einen Nachtrag zur Wirtschaftlich-keits-rechnung liefert Peter Moser, Mitglied der Baukommission einer Zürcher Wohn-bau-genossenschaft und des Zentralvorstands von Swiss Engineering. Er geht von einer Mindestgrösse für die Machbarkeit von ZEV-Arealen aus: «Der Strombedarf für -solche Eigenverbrauchssiedlungen soll 100 000 kWh/Jahr übertreffen.» Weshalb? Ab dieser Menge darf sich ein ZEV-Betreiber am freien Energiemarkt bedienen: Muss er Ökostrom beschaffen, können die Einkaufspreise im Prinzip günstiger als beim konventionellem Netzbezug sein. Allerdings erhöht sich dadurch auch das Geschäftsrisiko: Steigen die Strompreise wie zuletzt, muss externer Strom plötzlich teurer eingekauft werden. Ein Grund mehr also, möglichst viel eigenen Strom zu verbrauchen.

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Das nationale Programm EnergieSchweiz unterstützt den Aufbau von Eigenverbrauchsorganisationen mit der Vermittlung von Fachwissen und Erfahrungswerten aus Fallstudien. Ein Leitfaden und ein Handbuch zeigen konzeptionelle und technische Optionen auf, die bei einem Bauherrenentscheid zugunsten eines Zusammenschlusses zum Eigenverbrauch zu berücksichtigen sind. 


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Mit Unterstützung von energieschweiz und Wüest Partner sind bei espazium – Der Verlag für Baukultur folgende Sonderhefte erschienen:

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Nr. 5/2022 «Immobilien und Energie: Strategien des Eigengebrauchs»


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