«Das Ex­pe­ri­men­tie­ren hat sich in den De­si­gn­pro­zess der Ar­chi­tek­tur ver­la­gert»

Im Oktober 2018 wurde der Prix de Genève für architektonische Experimente ins Leben gerufen. Als Partner dieser Auszeichnung präsentiert espazium – Der Verlag für Baukultur eine Reihe von Interviews mit Ingenieuren, Architekten und Architekturkritikern. Im ersten Teil: Jurymitglied Carlotta Darò.

Date de publication
23-04-2019

Frau Darò, der Schlüsselbegriff dieses neuen Preises lautet «Experimentieren». In der Architekturgeschichte wird die Idee des Experimentierens mit Architekten oder Leistungen in Ver­bindung gebracht, die avantgardistisch oder zumindest ihrer Zeit voraus waren. Was bedeutet dieses Wort Ihrer Meinung nach im aktuellen Kontext?
Carlotta Darò:
Ich denke, es ist die Frage nach dem Prozess, die aktuelle Experimente von denen der Vergangenheit unterscheidet. Heute kann man sich formal alles vorstellen und projizieren. Das Experimentieren hat sich in den Design- oder Herstellungsprozess der Architektur verlagert. Wenn ich mir die Arbeit von jemandem wie Daniel Grataloup im Kontext der 1960er- und 1970er-Jahre ansehe, habe ich den Eindruck, dass im Vergleich zu heute das fertige Objekt viel mehr Bedeutung hatte. Inzwischen wird das Endergebnis in bestimmten Zusammenhängen sogar «ignoriert». Der Prozess hat Vorrang. Das scheint mir ein wesentlicher Unterschied zu sein.

Können Sie einige Designer nennen, die sich im Moment eher auf den Prozess als auf die Form konzentrieren?
Anstatt Menschen zu zitieren, halte ich es für wichtiger, Ansätze hervorzuheben. Ich denke zum Beispiel an die Erforschung der Anforderungen, die das Klima an die Architektur stellt, partizipative Ansätze, den Einsatz der Gebäudetechnik als generierender Faktor für ein Projekt oder das Experimentieren mit neuen Fertigungstechnologien …

Ist es nicht so, dass damit manchmal eine Form der Moral ein­hergeht, wie schon bei bestimmten Stilen in der Vergangenheit?
In vielen Fällen sind wir tatsächlich mit visuellen Codes konfrontiert, die uns glauben machen wollen, eine bestimm­te Architektur sei das Ergebnis eines Prozesses, der die Bewohner partizipativ einbezieht. Dies ist jedoch nicht immer der Fall.

Im Bereich der sogenannten nachhaltigen Architektur wird dieses moralisch korrekte Label oft missbraucht. Dabei glaube ich nicht, dass eine leichte Architektur aus rezyklierten oder zerbrechlichen Materialien immer die einzig mögliche Lösung ist. Die klassischen Pariser Haussmann-Gebäude zum Beispiel sind beständig und lassen sich der jeweiligen Nutzung anpassen. So betrachtet hat diese Architektur keinen negativen Einfluss auf die Umwelt.

In der Geschichte der zukunftsweisenden Architektur scheint Genf einen prominenten Platz einzunehmen. Wie erklären Sie sich das?
Lassen Sie mich mit einer Hypothese antworten. Es ist durchaus möglich, dass um Eugène Beaudouin, Direktor der Fakultät für Architektur an der Universität Genf und später Lehrer an der Ecole des Beaux-Arts de Paris, ein günstiges Klima für eine vorwärts­gewandte Architektur herrschte. In Zusammenarbeit mit Marcel Lods oder Jean Prouvé interes­sierte er sich für Experimen­­te, insbesondere mit industriellen Materialien.

Natürlich war sein gestalterischer Ansatz nicht mit dem der folgenden Architekten vergleichbar, aber man kann den Beginn einer Entwicklung er­kennen. Paul Maymont zum Beispiel hebt die Bedeutsamkeit der Lehrtätigkeit von Beaudouin für seine Ausbildung an den Beaux-Arts de Paris hervor, gleichzeitig kam auch Ionel Schein nach ­Frankreich, um sein Studium an derselben Schule abzuschliessen. Pascal Häusermann, in den 1970er-Jahren als Protagonist biomorpher Architektur hervor­getreten, machte seinen Abschluss in Genf ebenfalls bei Beaudouin …

Ich glaube auch, dass gerade in weniger exponierten kulturellen Kontexten oftmals besonders interessante Strömungen entstehen. So entwickelte sich im eher abgelegenen Florenz als Reaktion auf den Akademismus Italiens eine besonders freie und experimentelle Form dessen, was später als radikale Architektur bezeichnet wurde. Häusermann respektierte und bewunderte zum einen die Bewegung der Moderne, ins­besondere Le Corbusier. Dieser war ja sogar ein zentraler Akteur bei der Sicherung und Wieder­­herstellung des Clarté-Gebäudes. Aber auf der anderen Seite wünsch­te sich Häusermann, die definierte Form der Moderne hinter sich zu lassen und sich den wirklich zukunftsweisenden Themen zuzuwenden.

Wie soll sich dieser Architekturpreis Ihrer Meinung nach von allen anderen abheben? 
Ich verstehe diese Auszeichnung als eine Ermutigung zu Projekten in Form von Forschungsvorhaben. Es ist wichtig zu zeigen, dass das Imaginäre, die visionäre Perspektive und das Projekt aus­serhalb eines realen Kontexts nicht nur als Experimentierfeld in den Studienjahren des Architekten bedeutsam sind. Parallel zum Berufsleben eines Architekten sind es oft experimentelle Erfahrungen, die sich für die konkretesten Aspekte der Arbeit nutzen lassen. Dieser Preis soll gerade solche Pro­jekte auszeichnen, die aufgrund ihrer freien Form sonst wenig Be­achtung finden.

Das Gespräch führte Mounir Ayoub, Redaktor Architektur, TRACÉS. Übersetzung aus dem Französischen mit www.DeepL.com/Translator, Hella Schindel

Interview #1: Carlotta Darò

Carlotta Darò ist Kunsthistorikerin, leitende Dozentin an der ENSA Paris-Malaquais und Mitglied des Laboratoire Infrastructure Architecture Territoire. Ihre Forschung beschäftigt sich mit den Auswirkungen von Sound-Technologien, Telekommunikations-infrastruktur und Medien auf die Architektur- und Stadtkultur des 20. Jahrhunderts. Sie ist Autorin des im Jahr 2013 erschienenen Buchs «Avantgardes sonores en architecture» (Presses du réel) und «Les murs du son, le Poème électronique au Pavillon Philips» (Editions B2, 2015).


Auslober des Prix de Genève: Etat de Genève, Office du patrimoine et des sites, donation Daniel Grataloup.

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