Tun­nel- und Al­pen­blick

Vom Bauen und Brauen

Unser Redaktor Peter Seitz widmet sich während seines zweimonatigen Sabbaticals dem Umbau einer ehemaligen Brauerei und berichtet wöchentlich von seinen Erlebnissen.

Publikationsdatum
28-10-2026

Als Redaktor für Bauingenieurwesen bei espazium magazin ist man Tunnel gewohnt. Zwei Tage im Brenner-Basistunnel (unter anderem sechs Kilometer an der Ortsbrust vor der italienischen Grenze gestanden – mittlerweile ist die Grenze durchbrochen) waren ein Erlebnis, Durchschlagsfeier inklusive. «Eines muss man der Strabag lassen – feiern können die!», wie mein damaliger Tunnelführer sagte. Und auch die anderen Untertagebaustellen – Albula, Monte Ceneri, Gotthard 2. Röhre, Visper-Tunnel und wie sie alle heissen hinterliessen bleibende Eindrücke. 

Dass ich aber einmal Eigentümer eines solchen Gewölbes sein werde, das hätte ich kaum gedacht. «Mein Tunnel» wurde allerdings damals im Tagebau erstellt und dient nicht dem Verkehr, sondern dem Verzehr. Seine Sohle liegt sieben Meter unter der Erde und hat als früherer Bierkeller bestimmt auch so manches Fest gesehen. Wie in der guten alten Zeit üblich, war an der Oberfläche ein Biergarten mit Kastanien und Kegelbahn eingerichtet. Für das Eis, das im Winter auf Vorrat in den Keller eingebracht wurde, gab es eine Luke und die Nachbarin hatte Ärger mit Gästen (mit Sicherheit vorwiegend Männer), die das durch die eigenen Körper filtrierte Bier nicht mit nach Hause nehmen wollten. All das ist aber Vergangenheit, nur der Bierkeller ist noch vorhanden. Die Bäume, die Kegelbahn und der Biergarten sind verschwunden, wurde auf dem Gelände in den 1960er-Jahren doch das Brauereigebäude gebaut. Doch vielleicht schwebt noch der Geist der Gemütlichkeit über dem Ort. 

Auch 2026 lässt es sich – nun inmitten von Baumaterialien – noch an der Hauswand sitzen und genüsslich ein Bier trinken. Dank Südseite sogar im Januar, wenn die Sonne hervorkommt. Der Blick geht statt zu Kastanienbäumen über Stahlträger, Holz, ausgebauten Metallschrott, von dem es eine Menge gibt (bisher waren es weit über 20 Tonnen), zu den Hallen, die ebenfalls voll stehen. Aber halt: Einen Baum gibt es noch. Ein Holunder, der sich eine kleine Nische am Nebengebäude erzwungen hat und jährlich übervoll an Blüten und Beeren ist.

War nun früher alles besser? Nein. Denn eines hatten die Leute im Biergarten nicht: Den heutigen Turm der Brauerei mit etwa 16 m Höhe. Von der Tunnelsohle zur obersten Etage sind es 100 Stufen (mein Vater hat sie gezählt!) und von dort oben hat man die Sicht über die Stadt und bei entsprechender Witterung einen Alpenblick von der Zugspitze, Deutschlands höchstem Berg, bis zu den Allgäuer Alpen. Luftlinie sind das etwa 130 km. Bevor man dann aber träumend in himmlische Sphären entschwindet, kommt man recht schnell wieder auf den nüchternen Boden der Tatsachen zurück. Die Toiletten sind derzeit nämlich nur im Erdgeschoss. Und sie werden auch benutzt; man will ja keinen Ärger mit der Nachbarin.

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