In­dus­tri­el­le In­no­va­ti­ons­kraft in Wohn­raum über­set­zen

Initialprojekt Hof, Jenny Areal, Glarus Nord

Seit der Schliessung der Textilproduktion wird das Glarner Jenny-Areal schrittweise weiterentwickelt. Nun soll neben dem Bahnhof Ziegelbrücke neuer Wohnraum entstehen. Das Initialprojekt «Hof» führt den Massstab der markanten Industriebauten und damit den zukunftsweisenden Geist der Besitzerfamilie fort.

Publikationsdatum
11-03-2026
Daniela Meyer
Architektin ETH, freischaffende Journalistin und Texterin

Der Kanton Glarus verfügt über zahlreiche Industrie-Ensembles, die vom Erfolg der hiesigen Textil- und Druckindustrie im 19. und 20. Jahrhundert erzählen. Das grösste dieser Areale liegt in Glarus Nord und zählt zum Inventar schützenswerter Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung (ISOS). Das Areal ist bis heute im Besitz der Fritz + Caspar Jenny AG, die aus der 1834 gegründeten Spinnerei hervorgegangen ist.

Auf dem Jenny-Areal wurde seit jeher nicht nur gearbeitet, sondern auch gewohnt. Eine Gruppe von Ein- und Zweifamilienhäusern, die früher von den Familien der Vorarbeiter bewohnt wurden, bildet heute den nordwestlichen Auftakt. Zusammen mit grösseren Wohn- und Kosthäusern aus verschiedenen Epochen gehören sie zum Gebiet Rosenegg. Südöstlich davon erstrecken sich die historischen Fabrikbauten samt Fabrikweiher, Fabrikantenvilla und Park. Dort nahm die Umnutzung des Areals ihren Anfang, nachdem 2001 die Spinnerei und 2020 auch die Weberei ihren Betrieb einstellen mussten. Seither konnten verschiedene Gewerbetreibende angesiedelt werden, darunter die Carlsberg Supply Company, und mit dem Umbau der Spinnerei zu Lofts wurde bereits neuer Wohnraum geschaffen.

Das Projekt «Hof», wofür letztes Jahr ein Studienauftrag ausgelobt wurde, ist somit kein Initialprojekt im klassischen Sinne. Vielmehr soll es den Grundstein für die weitere Entwicklung im Teilgebiet Rosenegg legen. Wie soll dort zukünftig gewohnt werden? Sollen in der Linthebene, hinter der markante Berge aufragen, Zeilenbauten mit grünen Zwischenräumen entstehen, die an die Gartenstadt erinnern? Oder kann an dieser zentralen Lage, die zum kantonalen Entwicklungsschwerpunkt ernannt wurde, Grösseres gewagt werden?

 

Urbaner Städtebau

Mit ihrem Entscheid für das Projekt «Paradiso» von Knorr & Pürckhauer Architekten setzt die Jury auf einen Massstab, der an die benachbarten Industriebauten anknüpft – und der vom Masterplan, der ebenfalls aus einem Konkurrenzverfahren hervorgegangen ist, abweicht. Dieser sieht vor, dass ein grosszügiges grünes Band, das die Funktion eines Quartierparks hat, vom Bahnhof Ziegelbrücke erst Richtung Süden und dann in östlicher Richtung durch das Gebiet Rosenegg führt. «Diese Grundstruktur hat uns überzeugt, die Typologie der angrenzenden Wohnhäuser haben wir jedoch hinterfragt», erzählt Philipp Knorr. 

Nachdem die Architekturschaffenden unzählige Varianten getestet hatten, wählten sie einen radikalen Vorschlag: zwei 75 m lange und bis zu 21 m breite siebengeschossige Längsbauten. «Im Gegensatz zu Projekten in einem städtischen Kontext hatten wir hier die einzigartige Chance, den Freiraum zusammen mit den Gebäuden zu denken», erklärt Moritz Pürckhauer. «Wir entschieden uns für zwei einfache Häuser im Park, deren Luxus aus zwei grossen angrenzenden Aussenräumen besteht.» 

Damit unterscheidet sich das Projekt nicht nur vom Masterplan und den anderen Vorschlägen, die meist mehrere halbprivate Grünräume zwischen fünf- bis siebengeschossigen Häuserzeilen vorsahen, ähnlich einer Gartenstadt-Siedlung. Es hebt sich auch von den zahlreichen weiteren Areal­entwicklungen ab, die im Kanton Glarus derzeit geplant werden und ebenfalls meist kleinräumigere Ansätze verfolgen.

«Das Projekt befindet sich zwar nicht in einem urbanen Raum, doch der Ort erlebte bereits vor über 175 Jahren einen Massstabssprung, als die ersten grossen Produktionshallen entstanden», ruft Knorr in Erinnerung. Die beiden Neubauten bewegen sich im Rahmen der Regelbauweise. Bis zu 22 m hoch darf in der «Zone für höhere Bauten» gebaut werden, seit 2024 in Glarus Nord die neue Nutzungsplanung in Kraft getreten ist. Sie strebt dort Verdichtungen an, wo bereits dichte Bebauungsstrukturen anzutreffen sind: innerhalb des bestehenden Siedlungsgebiets und auf den Industriearealen. Die verdichtete Bauweise ermöglicht es, grosszügige Aussenräume freizuspielen.

Individuell, aber nicht introvertiert

Die beiden Häuser des Projekts «Paradiso» sind zwar gross, reagieren aber feinfühlig auf ihre Umgebung. Ihre Stirnseiten bilden den Auftakt zum neuen Quartier Rosenegg und wenden sich im Nordwesten dem vom Bahnhof kommenden Publikum zu, im Südosten dem Kulturplatz, der dort entstehen soll. An diesen Stellen sind in den Erdgeschossen gemeinschaftliche Nutzungen vorgesehen, während auf der übrigen Fläche gewohnt wird. Die südseitigen Erdgeschoss-Wohnungen liegen im Hochparterre und schweben dadurch über dem Landschaftsraum.

Auf die Forderung nach preiswerten Wohnungen reagiert «Paradiso» mit einer sehr effizienten Gebäudestruktur: Das Regelgeschoss bildet den kompletten geforderten Wohnungsmix ab und enthält elf Wohneinheiten mit 1.5 bis 5.5 Zimmern. Insgesamt entstehen 148 Mietwohnungen, die in zwei Etappen realisiert werden können. Die kompakten Grundrisse zeichnen sich durch zentrale Wohnhallen aus, die sich von der Nord- bis zur Südfassade strecken oder einseitig orientiert sind und dann in unterschiedliche Richtungen zu den Zimmern führen

 «Unabhängig von den Wohnungsgrössen legten wir grossen Wert auf räumliche Qualitäten wie eine vielseitige Ausrichtung oder diagonale Durchblicke», so Pürckhauer. Die meisten Loggien sind windgeschützt in Gebäudenischen angeordnet, ragen aber gleichzeitig leicht in den Freiraum hinaus, wobei sie die undulierende Gebäudeform akzentuieren und mit ihren vorspringenden Stützenpaaren die langen Fassaden gliedern.

Den Schlussbericht und weitere Details finden Sie auf competitions.espazium.ch

«Paradiso» gewährleistet einen individuellen Lebensstil, der das Zusammenleben verschiedener Menschen ermöglichen soll. Gemeinschaftlich genutzte Räume spielen im Vergleich mit städtischen Genossenschaftssiedlungen eine untergeordnete Rolle. «Dennoch spricht das Siegerprojekt ein Publikum an, das zukunftsorientiert denkt», ist Jürg Riedl überzeugt. Als Präsident der Gestaltungs­kommission Glarus Nord war er in der Jury vertreten und kennt auch die anderen Industrieareale im Kanton gut, die derzeit transformiert werden. «Beim Jenny-Areal hat sich die Jury auch hinsichtlich der Wohnungen für dasjenige Projekt entschieden, das nicht auf introvertierte oder gar konventionelle Typologien setzt.»

Der urbane Massstab, die Wohnungstypologie oder die Etappierbarkeit: Aus verschiedenen Gründen wird der einstimmig gefällte Jury-Entscheid von den Beteiligten als mutig bezeichnet. In der Jury war mit Caspar Jenny auch die sechste Generation der Eigentümerschaft vertreten. Sie hält am visionären Geist ihrer Vorfahren fest und zeigt, welches Potenzial in den Glarner Industrie-Ensembles schlummert, wenn diese unter Einbezug des Bestands und fachkundiger Begleitung weiterentwickelt werden.

Initialprojekt Hof, Jenny Areal, Glarus Nord
Studienauftrag auf Einladung 

 

Empfehlung zur Weiterbearbeitung
Knorr & Pürckhauer Architekten, Zürich mit Gersbach Landschaftsarchitektur, Zürich
 

Weitere Teams
Diagonal Architekten, Winterthur mit KOLB Landschaftsarchitektur, Zürich
Blättler Dafflon Architekten, Zürich & Tony Fretton Studio, London mit Studio Vulkan Landschaftsarchitektur, Zürich
toblergmür Architekten, Zürich/Luzern mit MOFA urban landscape studio, Zürich
wild bär heule Architekten, Zürich mit Skala Landschaft Stadt Raum, Zürich
 

Fachjury
Dalila Chebbi, Architektin, Zürich; Andreas Hoffmann, Landschaftsarchitekt, Zürich; Anja Meyer, Architektin, Zürich (Ersatz); Hanspeter Oester, Architekt, Zürich; Jürg Riedl, Präsident Gestaltungskommission Glarus Nord; Markus Schaefer, Architekt, Zürich (Vorsitz) 
 

Sachjury
Christoph Isler, Präsident Verwaltungsrat Fritz + Caspar Jenny AG; Caspar Jenny, Bauherrschaft, Geschäftsleitung Fritz + Caspar Jenny AG; Philipp Maurer, BauSatz GmbH, Projektleitung strat. Überbauungsplan (Ersatz); Reto Strotz, Architekt, Projektleitung Bauen Fritz + Caspar Jenny AG
 

Bauherrschaft
Fritz + Caspar Jenny AG, Niederurnen


Verfahrensbegleitung
planzeit GmbH, Zürich

Verwandte Beiträge