In­ge­nieur­bau­kunst – ein Pro­jekt über Ge­ne­ra­tio­nen

Der 25. Jahrestag der Gründung der Gesellschaft für Ingenieurkunst bietet Gelegenheit, über die aktuelle Position des Bauingenieurs und die künftige Entwicklung des Berufsstands nachzudenken. Giotto Messi – Bauingenieur und junges Mitglied der Geschäftsleitung von Schnetzer Puskas Ingenieuren – ergriff in der Kolloquiumsreihe als Erster das Wort.

Publikationsdatum
12-10-2020
Giotto Messi
Bauingenieur; Mitglied der Geschäftsleitung bei Schnetzer Puskas Ingenieure

«Lettres d’un jeune ingénieur»: mit dieser Anspielung an das Buch «Briefe an einen jungen Dichter» – worin zehn Briefe von Rainer Maria Rilke veröffentlicht wurden, die der österreichische Lyriker einem begabten jungen Dichter schrieb – betitelte Giotto Messi seinen Vortrag. Es sollte ein Hinweis auf einen subtilen Generationenwechsel sein, dem die Referenzen an Ingenieurprojekte stetig unterliegen –einem in Intervallen auftretenden Wechsel an jungen Vorbildern und aktuelleren Bezugsprojekten, kombiniert mit immer wieder neuen Fragen- und Aufgabenstellungen am gebauten Werk.

So verwies Messi auf die beispielhaften Ingenieurbauten der Nachkriegszeit, sei das bei Konstrukteuren wie Pier Luigi Nervi oder Christian Menn oder auf die beispielhafte Zusammenarbeit zwischen Ingenieur und Architekt wie bei Eugen Komendant mit Louis Kahn oder Peter Rice mit Renzo Piano und Richard Rogers.

Und an diese Werke reihen sich wiederum Neue von Schweizer Ingenieurbüros, die der Dialog zwischen Bauingenieur und Architekt in der Entwurfsphase seit den 1990er-Jahren massgeblich geprägt haben, wie Jürg Buchli, Conzett Bronzini Partner, Joseph Schwartz, Ingeni, Dr. Lüchinger + Meyer Bauingenieure, Muttoni & Fernández Ingénieurs, ZPF Ingenieure, WaltGalmarini, Ferrari Gartmann, ingegneri pedrazzini guidotti oder Fürst Laffranchi Bauingenieure.

Ohne Kultur kein Mehrwert

Über diese Generationen hinweg hat sich die Wahrnehmung des Bauingenieurs in der Gesellschaft gewandelt. «Sie ist heute oft voreingenommen», denkt Messi. Der Ingenieur werde im Allgemeinen fast karikiert als eine Art Technokrat ohne kreative Fähigkeiten Der Ursprung liege wohl in der Entwicklung der modernen Gesellschaft: Akademische Berufe werden zwischen den Naturwissenschaften auf der einen und den Geisteswissenschaften auf der anderen Seite kategorisiert. Der Bauingenieur soll – wie sein historischer Vorgänger der Baumeister – ein Gleichgewicht zwischen diesen zwei Kategorien finden. Die blosse Beherrschung der technischen Komponenten des Bauens ohne Berücksichtigung der kulturellen Auswirkungen eines Gebäudes oder Kunstwerks auf die natürliche und gebaute Umwelt führe allerdings zu keinem Mehrwert für die Baukultur.

Die berufliche Spaltung des Baumeister im 18. Jahrhundert hat zu einer fast paradigmatischen Aufgabenteilung zwischen Ingenieuren und Architekten geführt. Die Ausbildung von Ingenieuren konzentrierte sich auf die Entwicklung von Basiswerkzeugen für die analytische Auflösung einfacher und definierter Tragwerke. Plötzlich wurde jedes statische System, das sich analytisch nicht leicht lösen liess, irgendwie nicht mehr machbar.

Darüber hinaus vernachlässigte man in der Ingenieurausbildung alsbald den konzeptionellen Projektierungsansatz, der die menschliche Komponente sowie den sozialen und baulichen Kontext berücksichtigt. Das Bauprojekt wurde und wird oft immer noch nach rein technischen und wirtschaftlichen Kriterien angegangen, in der Überzeugung, dass die ästhetische Qualität des Ergebnisses eine Art direkte Folge sein wird.

Die Ausbildung von Architekten hat sich in die entgegengesetzte Richtung entwickelt. Die konzeptionellen Komponenten sind hier im beruflichen Alltag vielfach wichtiger als die technischen. Die Lehre der Statik beschränkt sich oft auf einen analytischen Ansatz, der vielen schwer zugänglich ist und das intuitive Verständnis von Strukturen aufgibt. Infolgedessen ist der Dialog zwischen Architekt und Ingenieur so komplex geworden, dass es zu einer oft dysfunktionalen Beziehung zwischen den beiden Berufen kommt.

Ein echter Dialog zwischen den am Projekt Beteiligten – bereits in der Entwurfsphase – kann aber die Fähigkeiten jedes Akteurs verstärken und zu bemerkenswerten Ergebnissen führen, wie so manche auf diese Weise umgesetzte Projekt zeigen.

Macht des Verständnisses für das gebaute Erbe

«Um ein Niveau der Zusammenarbeit zu erreichen, das erspriesslich und Mehrwerte schaffend ist, braucht der Ingenieur einen Paradigmenwechsel in seiner Herangehensweise an das Projekt und in seiner Arbeitsmethode», erläutert Messi weiter. Die Beherrschung der technischen und analytischen Komponenten des Berufs bleibt der wesentliche Pfeiler seiner Ausbildung an den Hochschulen.

Ebenso engagiert sollten sie aber ihr Wissen aktiv für ein ganzheitliches Arbeiten einsetzen, indem sie sich nicht auf das Lösen technischer Probleme beschränken, ohne deren Ursache zu kennen und diese in Frage zu stellen. Die Berechnung, die von vielen als der zentrale Teil des Berufsstands eines Bauingenieurs angesehen wird, muss vielmehr vor allem ein Instrument zur Validierung von Entwurfsansätzen sein.

In diesem Zusammenhang ist es von essenzieller Bedeutung, dass die Ingenieurin und der Ingenieur sich für die Baugeschichte interessieren. Denn das Verständnis für das gebaute Erbe – das letztlich das Ergebnis einer jahrhundertelangen Entwicklung ist – ist ein wichtiges Werkzeug, mit dem man neue Aufgaben angehen kann. Die Beherrschung der ingenieurspezifischen Besonderheiten von Baumaterialien erlaubt es, sich um konstruktive Details zu kümmern und verschiedene Elemente des Tragwerks auf neuartige Weisen zu kombinieren, angepasst an die Materialeigenschaften, statische Anforderungen und Bauprozesse.

Eine ganzheitliche Herangehensweise an das Projekt, die die Anforderungen der verschiedenen beteiligten Akteure von den ersten Projektphasen an berücksichtigt und bündelt, führt zu klareren und konsistenteren Ergebnissen – selbstverständlich mit einem kritischen Auge begutachtet. Weshalb der Berufsstand auch offen sein sollte für eine Diskussion, die über die rein technischen Aspekte hinausgeht, ohne Angst vor Kritik.

Austausch über Generationen

Die zunehmende Komplexität der Gebäudetechnik und das veränderte Verhältnis zwischen dem Preis für Arbeit und dem Preis für Baumaterialien haben zu einem Baustandard mit oft überdimensionierten Bauteilen und wenige Flexibilität geführt.

Unsere Generation steht vor einer Klimakrise, die eine Änderung der Herangehensweise in der Bauindustrie erfordert, die die Kreativität der Ingenieure bedingt. Der Erhalt von Bauwerken nimmt eine zunehmend wichtige Rolle in der Bauindustrie ein, und bei Neubauten wird eine sparsamere Haltung gegenüber der Verwendung von Ressourcen erforderlich sein. Tragwerke, die sich an die Nutzungen und Betriebsanforderungen mehrerer Lebenszyklen anpassen können, tragen massgebend und verantwortungsvoll zu einem künftig nachhaltigen Gebäudepark bei.

Findet ein Austausch zu solchen aktuellen Themen des Bauingenieurwesens und der Bauindustrie über Generationen und über Ingenieurdisziplinen hinweg statt, dann entsteht ein Mehrwert für die Allgemeinheit und damit letztlich auch eine wertvolle Baukultur. Dafür braucht es kreative und verantwortungsbewusste Ingenieure, die die Ingenieurbaukunst des 21. Jahrhunderts neu definieren.

Gerade diese Vorträge wie sie die Gesellschaft für Ingenieurbaukunst nun organisiert, sind – wie Briefe oder eben lettres d’un jeune ingénieur – insbesondere auch Mittel zur Reflexion der eigenen Arbeit und zum Gedanken- und Wissensaustausch mit anderen. Mit der bewundernswerten Offenheit, mit der Giotto Messi seine persönlichen Ansichten preisgab und mit welchem Engagement die Zuhörenden im Anschluss mit dem Referenten diskutierten, ist offensichtlich, dass dieser Austausch durchaus auf bereichernde Weise stattfindet – es braucht nur immer wieder entsprechende Impulse und den hat die Gesellschaft für Ingenieurbaukunst gegeben.

Die Gesellschaft für Ingenieurbaukunst, 1995 von Prof. Marti an der ETHZ gegründet, feiert ihr 25-jähriges Bestehen. Zu diesem Anlass veranstaltet sie eine Reihe von Kolloquien, die zwischen Herbst 2020 und Frühling 2021 in allen Sprachregionen der Schweiz stattfinden. Ziel dieser Konferenzen ist, das Bewusstsein der kulturellen Bedeutung der Ingenieurbaukunst und ihr Stellenwert für die Tätigkeit des Bauingenieurs und der Bauingenieurin aufzudecken.

 

Seine und ihre baukulturell wertvolle Tätigkeit beschränkt sich nicht auf den pragmatischen Ansatz, die technischen Aufgaben zu lösen. Vielmehr pflegen die Ingenieurin und der Ingenieur einen reflektierten Umgang mit dem vererbten Bestand an Bauwerken und mit den komplexen Randbedingungen im bereits gebauten Umfeld. Neben dem fundierten Fachwissen sind dafür auch die Kenntnis der geschichtlichen Entwicklung der Bauweisen und das Wissen um die Historie der zu bearbeitenden Standorte wichtig. Nicht selten ergeben sich daraus wertvolle Denkanstösse oder gar innovative Lösungsansätze für die Projektierung und Realisierung neuer Bauwerke sowie für die Erhaltung bestehender Objekte.

 

Die Referentinnen und Referenten beschreiben ihren persönlichen Bezug zur Ingenieurbaukunst an konkreten und für sie beispielhaften Projekten. Neven Kostic von Dr. Neven Kostic GmbH wird dies als zweiter Referent mit dem Vortragstitel «L‘incertitude et la médiane» am 23. Oktober an der EFP in Lausanne tun, gefolgt von Jacqueline Pauli von ZPF Ingenieure am 24. November an der ETH Zürich auf dem Hönggerberg mit «Spektrale Planung».