Die gros­se Ge­ste

Das Buch zeigt eine Werkschau über siebzehn Jahre intensiven Bauens des Zürcher Ingenieur- und Architekturbüros Penzel Valier.

Data di pubblicazione
17-06-2026
Hella Schindel
Innenarchitektin und Fachjournalistin, Korrespondentin Architektur/Innenarchitektur

Die Zusammenarbeit von Architekturschaffenden, Ingenieurinnen, Landschaftsplanenden und Innenarchitekten steht seit jeher im Fokus vom espazium magazin. Das Ideal der gleichberechtigten Disziplinen ist zwar nicht die Regel in der Branche, bildet aber die Grundlage des Schaffens bei Penzel Valier. Konstruktive und gestalterische Qualitäten, die sich in Körpern unterschiedlichster Dimensionen vereinen, finden bei der Entwurfsentwicklung ebenbürtig Berücksichtigung. 

Die Überzeichnung von wiederkehrenden Tragwerkselementen prägt manches Erscheinungsbild. Geometrische Grundformen, die an bauliche Gegebenheiten angepasst und dadurch individualisiert werden, zwischendurch Spannung und Verwirrung auslösen, werden bis zu einem identitätsstiftenden Ausdruck weitergetrieben.

Manchmal liegt die ingenieurtechnische Idee, die man vermeintlich abzulesen glaubt, allerdings im Abwesenden. Denn wie es Christian Penzel erläutert, kreisen die Entwurfs­gedanken zuweilen auch über die Umkehrung von Konstruktionsprinzipien. Als Beispiel nennt er das Vorgehen von Robert Maillart, dessen Brücken durch die Raffinesse der ephemeren Gerüste und Schalungen, die Maillart zusammen mit Richard Coray für die Bauphasen entwickelt, teils noch übertroffen wurden.

Verewigung des Bauprozesses

Einem solchen Denkmodell folgten Penzel Valier bei der Herstellung der Tiefgarage des SRF-Gebäudes in Zürich. Den schwierigen Bodenverhältnissen geschuldet, kam hier ein substraktives Vorgehen zur Anwendung: Kurz gefasst wurde Beton in Deckelbauweise auf das Erdreich gegossen, das anschliessend unter der jeweils gegossenen Ebene entfernt wurde. 

Zurück bleiben amorphe Betonoberflächen, die den Bauablauf abbilden und ein höhlenartiges, zumal in einer Tiefgarage unerwartetes Raumerlebnis schaffen. Baukünstlerisches Surplus: Parkhaustypische Linien und Symbole auf den glatten Fahrbahnen bilden einen graphischen Kosmos, der den umgebenden Raum umso expressiver erscheinen lässt.

Ganzheitliches Denken

Ein weiteres Gewicht liegt darauf, technische Elemente, die üblicherweise aus dem Blickfeld verbannt werden, zu inszenieren. Nun hat man es zum Beispiel beim Wasserkraftwerk Hagneck am Bielersee auch mit spektakulären Bauteilen zu tun: übergrosse Turbinen, Kräne und Wehrtore werden in ihrer seltsamen Schönheit im Sinne einer «Metropolis-Ästhetik» zur Schau gestellt.  

Gleichzeitig ist dieser Bau auch unter dem Aspekt einer aufmerksamen Landschaftsplanung zu betrachten. Der Beton ist im Farbton an den umliegenden Jurakalk angeglichen. Eingebettet in die horizontale Naturlandschaft am Seeufer entwickelt das Ensemble eine skulpturale Kraft.

Innenarchitektur als bauliche Qualität

In ausgesuchten innenarchitektonischen Projekten zeigt sich die Haltung gegenüber dem Bauen im Bestand. Für das Restaurant «Lily’s Factory» in Zürich-Wiedikon zieht sich eine Schicht aus Stahl und Beton an der Innenseite der Architektur entlang, verbindet sich mit ihr und betont zugleich den entblössten Charakter des vorhandenen Raums. Die Möbel, mit denen die Gäste in Berührung kommen, sind aus Holz und entfalten ihre Wirkung in der industriellen Atmosphäre.

Identität

Allen vorgestellten Bauten gemein ist die grosse Geste, vor der die Planenden nicht zurückscheuen. Ihr einprägsamer Charakter hebt sie aus dem Dschungel der «gewöhnlichen» Architektur heraus. Dieser einen Idee über die Laufzeit der Planung und Umsetzung trotz der zuverlässig auftauchenden Herausforderungen treu zu bleiben, ist bemerkenswert – und auch für die Bauherrschaft mit Aufwand verbunden. 

Erhellend dazu ist der Text von Martin Tschanz, der über die Ganzheit und Offenheit von Ingenieurbauten sinniert. Im Hinblick auf eine gelungene Synthese von Architektur und Ingenieurkunst beschreibt er Baukörper als «durchgebildete, gleichsam athletisch gebaute Körper mit Muskeln, Sehnen und artikulierten Gelenken. Als tektonische Gebilde zeigen sie ein Schauspiel der Kräfte und Widerstände, wenn sie es nicht gar selbst inszenieren. Ihre Schönheit gewinnen sie aus der Anschaulichkeit dieses Spiels und aus der Schlüssigkeit, in der dabei die Vielheit der Teile zu einer in sich ruhenden Einheit findet.» (Martin Tschanz, S. 531).

Vom jetzigen Standpunkt aus kritisch zu betrachten ist die durchgängige Präsenz von Beton und überhaupt von Neubauten. Bei Dimensionen wie dem Wasserwerk Hagneck gibt es wohl keine Wahl; bei kleineren Aufgaben könnte man auch alternative Materialien in Betracht ziehen.

Entwurfsprinzipien und Beispiele

Die vorliegende Monografie von Penzel Valier konzentriert sich auf herausragende Projekte, deren Dimension sich von Interieurs über Sportbauten bis zu grossformatigen Infrastrukturbauten erstreckt. Zusammengefasst zu fünf Themenfeldern werden neun Bauten genauer dargestellt. In knapper Form schildert Christian Penzel jeweils die Grundlagen, aus denen der Entwurf destilliert wurde. 

Bezüge zu den Grossen des 20. Jahrhunderts, von Sigurd Lewerentz über Pier Luigi Nervi zum Architekten- und Ingenieurgespann Renzo Piano und Richard Rogers mit Peter Rice liegen als Ausgangsthese zugrunde, von der aus man weiterdenkt und infragestellt. Den Schwerpunkt bilden Fotos vom Bauablauf und den fertigen Gebäuden sowie Pläne und Illustrationen, die einen facettenreichen Eindruck von den Projekten vermitteln. In einer Reihe von Essays mit Aussenperspektiven auf das übergreifende Verständnis von Konstruktion und Gestaltung beziehen Designer, Theoretiker und Kollegen Stellung.

 

Penzel Valier Architektur, Konstruktion, Design 2007–2024.


Herausgegeben von Leonore Daum, Christian Penzel, Friedrich Tellbüscher, Martin Valier

Park Books, Zürich 2025
608 Seiten 
671 farbige und 1078 s/w Abb. 
23 × 28.5 cm, gebunden

ISBN 978-3-03860-367-2, 
Fr. 69.–
(auch als engl. Ausgabe 
ISBN 978-3-03860-366-5)

 

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