Vom In­halt zur Form

Umbau Gewerberiegel Zentrale Pratteln, Stereo Architektur

Für eine bessere Lebensqualität im bislang eher industriell geprägten und von der Bahnlinie durchschnittenen Ort braucht Pratteln mehr Wohnraum. Als Flächen bieten sich stillgelegte Industrieareale an, die besonders nördlich des Bahnhofs zu finden sind. Auf dem Areal des ehemaligen Coop-Verteilzentrums bauen mehrere Bauträgerinnen gemeinnützigen Wohnraum.

Data di pubblicazione
18-11-2025

Ganze 43000 m² hatten die Lagerhallen und angrenzend genutzten Freiflächen beansprucht. Als Coop das Areal 2017 verliess, erwarb Logis Suisse, eine gemeinnützige Wohnbaugesellschaft mit Sitz in Zürich, das Gelände und organisierte einen städtebaulichen Studienauftrag für die Gesamtfläche. 

Die Jury des Studienauftrags sprach sich für den Vorschlag von Bachelard Wagner Architekten und dem Landschaftsarchitekturbüro raderschallpartner aus, der eine zentrale Quartierparkanlage inmitten einer Grossform aus hohen und dicht zueinanderstehenden Wohnbauten vorsieht und einen Riegel aus gleisbegleitenden Bestandsgebäuden für die Gewerbenutzung erhält. 

Die «Zentrale Pratteln» wird bei Fertigstellung rund 480 Wohnungen, 15'000 m2 Gewerbefläche sowie einen weitläufigen Innenhof für die Gemeinschaft bieten. Sechs gemeinnützige Bauträger – Logis Suisse AG, wgn, Gewona Nord-West, Mietshäuser Syndikat, Homebase und Habitare Schweiz AG – haben die Baufelder für unterschiedliche Einzelprojekte übernommen, die nördlich des Gewerberiegels den Innenhof entsprechend dem Bebauungsplan allseits umschliessen.

Auftakt der Arbeiten am Gewerberiegel

Während einer Phase der Übergangsnutzung wurde das gesamte Areal geöffnet und bespielt. Einige der Nutzungen im Kopfbau des Gewerberiegels, den die GEWONA Nord-West 2023 übernahm, haben sich bewährt – hauptsächlich sind es NGO im Migrationsbereich.

Stereo Architektur als beauftragtes Planungsbüro liess mit dem Beginn des Umbaus den langen, aus verschiedenen Zeitschichten zusammengesetzten Baukörper von der alten Technikzentrale auf dem nördlichen Areal entkoppeln. Dieser Schritt war notwendig, da nur so eine unabhängige Bearbeitung des grossen Baukörpers und dessen technische Unabhängigkeit gewährleistet werden konnte.

In der ersten Sanierungsetappe ging es um jene Gebäudeteile, um die der Kopfbau über die Jahrzehnte erweitert worden war. Mit ihnen musste bei der Tragwerksertüchtigung und Sanierung ganz unterschiedlich umgegangen werden. 

Schnetzer Puskas Ingenieure kombinierten verschiedene Strategien, um die Eingriffe minimal halten zu können. Zum Teil wurden Bauteile entkoppelt, andere stärker miteinander verbunden und um zusätzliche Queraussteifungen verstärkt. 

Teilweise ergänzen Betonstützen das Tragsystem, zur Erdbebenertüchtigung kamen Stahlfachwerke an einzelnen Stellen im Gebäude hinzu. Die aufkommenden Lasten werden über das bestehende Tragwerk zum Fundament abgeleitet. Da diese Eingriffe explizit der Aussteifung dienen und keine tragenden Strukturen im eigentlichen Sinne sind, blieben sie unverkleidet im Raum sichtbar. 

Wo neue statische Verbindungen notwendig waren, geschah das über Laschen in den Türbereichen. Diese minimieren die Kontaktpunkte mit der Bodenplatte und sind – auf Wunsch der Bauherrschaft – im Boden erkennbar. 

Begeisterung für den Bestandserhalt und das Weiterbauen

Erschlossen wird das Gebäude mit Liften und über mehrere bestehende Treppenhäuser, die nun auf neue Weise mit den Gewerberäumen verbunden sind. Ein engagierter Metallbauer passte alle Geländer in den Treppenhäusern so an, dass sie heutigen Anforderungen gerecht werden; eine von Stereo Architektur aus den Bauprovisorien entwickelte Leuchte, die sich als dickes Rohr neben der Steigleitung der Feuerwehr durch das Treppenauge zieht, inszeniert den Raum zusätzlich. Bestand, Technik und Beleuchtung finden hier harmonisch zusammen, ohne aufgesetzt zu wirken und ohne, dass die Treppenräume an Charme einbüssen.

Die Fassaden wirken auch heute noch historisch, obwohl sie mittlerweile saniert und gedämmt sind und neue Fenster erhalten haben. Teilweise sind es Bandfenster, die in den bestehenden Öffnungen sitzen, teilweise sind es grosse, wiedergenutzte Aluminiumfensterrahmen. 

Diese sind 30-jährig und stammen von einem benachbarten Gebäude, dessen Fassade rückgebaut wurde. Vor dem Einbau im Gewerberiegel erhielten sie eine neue Dreifachverglasung und wurden aufbereitet. Regelmässig unterbrechen die hohen Elemente nun die Gradlinigkeit der Bandfenster und zonieren die langen Innenräume. 

Nach aussen gehen die Fenster in breite und tiefe Simse über, die über die Metallfassade ragen. Diese stammt ebenfalls von einem der Abbruchbauten und war als stehendes Trapezblech an einem Gebäude verwendet worden. Am Gewerberiegel sind die Bleche liegend montiert, womit die Länge des Gebäudes betont und eine Parallelität zu den Bahngleisen und den vorbeifahrenden Zügen hergestellt wird. 

Lediglich das Erdgeschoss ist davon ausgenommen und stattdessen rückwärtig mit dicken und sägerauen Gerüstbrettern verkleidet, die künftige Nutzerinnen zur Aneignung einladen. Auf der Seite der Gleise, wo dem Bau eine Lastenrampe vorgelagert ist, überziehen grossformatige, nicht brennbare Holzplatten das Erdgeschoss.

Behutsame Sanierung des historischen Kopfbaus

Sobald die Arbeiten an den neueren Bauten des Riegels abgeschlossen sind, wird der Kopfbau saniert, der als ältester Bau dereinst auch den Auftakt der «Zentrale Pratteln» darstellt. Da die bestehende Fassade denkmalgeschützt ist, konzentriert sich die Sanierung hauptsächlich auf das Innere des Gebäudes, wobei die Räumlichkeiten auch während der Bauarbeiten genutzt werden. 

Bei den gezielten, minimalen Eingriffen geht es um den Erhalt der Substanz, die Bereinigung der Erschliessung und die Erneuerung der Nasszellen – genauso aber um eine klare Definition, wie die nutzbaren Flächen unterteilt werden können. 

Inwieweit die kleinteilige Struktur dabei für neue Nutzungen passt, wird sich schlussendlich im Betrieb beweisen müssen – jedoch stimmen die Erfahrungen aus der Übergangsnutzung bereits positiv. Laut Projektplan werden die Bauarbeiten am Gewerberiegel kommendes Jahr abgeschlossen und die Gewerbeeinheiten sowie die Wohnbauten bezugsbereit sein. 

Die Mischung aus industriellem Charme und einer Öffnung zur benachbarten Wohnbebauung über den Innenhof könnte zu vielfältigen und kreativen Interaktionen führen. Abhängig bleibt das aber auch davon, welche Nutzenden sich im Gewerberiegel einmieten und inwieweit mit ihnen ein Publikumsverkehr möglich ist. 

Relevant ist aber sicher auch die direkte Nachbarschaft: Wenn die «Zentrale» fertig ist, wird der direkt westlich anschliessende neue Stadtteil «Bredella» auf dem früheren Gelände der Buss AG noch in der Entwicklungsphase sein. Die «Zentrale» hat somit die Chance, das Gesicht Prattelns nördlich des Bahnhofs zu prägen, noch bevor die ehemaligen Buss- und Coop-Areale zum Quartier zusammenwachsen.