Elf Räu­me hell leu­ch­ten­der Fo­to­kun­st

Jeff Wall in der Fondation Beyeler

Licht, Farbe und Spannbreite des fotografischen Werks von Jeff Wall fesseln das Publikum in der grossen Schau in der Fondation Beyeler. Über 50 Werke aus fünf Jahrzehnten zeigen inszenierte Realitäten: Landschaft und Zersiedelung, Stadt und Peripherie, Menschen in gebauten und verbauten Lebensräumen. Soziale Gemeinsamkeit und Einsamkeit, Stille und Drama, werden erlebbar.

Data di pubblicazione
12-02-2024

Den Auftakt zur Schau bildet ein faszinierend schönes Lichtspiel. So hatten wir den Pavillon von Ludwig Mies van der Rohe in der Tat noch nicht gesehen! Die Fotografie «Morning Cleaning. Mies van der Rohe Fondation, Barcelona», 1999, fokussiert einen Mann, der sich im Licht der Morgensonne bückt, um die Glasfront zum Skulpturenhof reinigen.

Steht bei fotografischen Ansichten des 1929 errichteten Pavillons gemeinhin das Zusammenspiel von Architekturmoderne, Interieur und Kunst im Vordergrund, so lenkt Jeff Wall den Blick unerwartet auf eine, für die Pavillonbesucher sonst nicht sichtbare Aktion. Als Allegorie gesehen, erzählt das Bild von der Pflege und Bewahrung zeitloser Moderne durch Arbeit von Menschenhand.

Harmonie in der Dissonanz

Dass Jeff Wall neben die Innenansicht des Barcelona-Pavillons einen zweiten Leuchtkasten mit einem Stall, «A Donkey in Blackpool», (1999), platziert hat, mag befremden. Indes, die Kombination von sehr unterschiedlichen Bildmotiven durchzieht die gesamte Ausstellung, wobei jedes Bild, so Wall, eine singuläre Entität darstellt. Inwieweit sich daraus der Eindruck einer «harmony in dissonance», so Wall, ergibt, liegt im Auge der Betrachtenden.

Willkommen in der hell leuchtenden Bilderwelt des 1946 in Vancouver geborenen und dort arbeitenden Begründers der inszenierten Fotografie. Seit den späten 1960er-Jahren erforscht Jeff Wall das Medium Fotografie für die Gegenwartskunst. Inspiration fand er in jener Zeit im Alltag der städtischen und suburbanen Landschaft seiner Heimatstadt. Leben, Wohnen, Arbeit wurden zur ersten Quelle und zum konstituitiven Bestandteil des fotografischen Werks. Mitte der 1970er-Jahre begann Wall, das Werbemittel «Leuchtkasten» zu verwenden und schuf ein Novum für die Präsentation von Fotokunst.

Der Dolch im Rücken     

Im Raum 2 der Ausstellung knüpfen Leuchtkästen wie das Panorama «Coastal Motifs», (1989) und «Pine at the Street Corner» (1990) an Walls ursprünglichen Ansatz an, mit der Kamera die Normalität – oder Gewöhnlichkeit – suburbaner Landschaft zu dokumentieren. Gleichzeitig sehen wir, ebenso im Raum 2, wahrhaft aussergewöhnliche Aufnahmen.  

Der Dolch im Rücken von «The Thinker» (1986) gibt einen Eindruck davon, wie der Künstler in die Rolle eines Regisseurs schlüpft. Er positioniert Bildmacht an die Schnittstelle von Realität und Fiktion, und erzeugt so den Eindruck eines Filmstills. Inspiriert zum Portrait «The Thinker» wurde Wall durch den Entwurf «Bauernsäule» (1525) von Albrecht Dürer, einem Denkmal der Niederlage der Bauern im Bauernkrieg. Neben diesem Werk beziehen sich einige der inszenierten Bildkompositionen auf Themen der Kunstgeschichte, Malerei und Literatur.

Aufwendige Vorarbeit, detaillierte Ausarbeitung der Szenerien, Imagination und Zufälle, bestimmen diese cinematografisch angelegte Fotokunst, und klar sichtbar, Perfektion. Von 1991 an wird Jeff Wall die Technik der Fotomontage nutzen, um Komposition und Ästhetik des Gesamtbilds zu perfektionieren.   

Haus und Heim  

Die Lebensnotwendigkeit, eine Bleibe zu haben, erweist sich als ein Dauersujet im Werk des Künstlers. Auf den szenischen Fotografien der Innenräume scheinen die Bewohner zu fremdeln, sie wirken verloren, sind verstummt. Wohnglück? – eine vergebliche Hoffnung.

Nehmen wir «An Eviction» (1993). Der Widerstand eines Paares gegen eine Zwangsräumung des Bungalows bewegt. Nachbarn verfolgen die Szene im hellen, klaren Licht eines Sommertages. «An Eviction» gibt nicht bloss einen Faden in die Hand, den wir weiterspinnen können, sondern stellt die Frage nach Wahrheit von Fotografie und nach ihrer Relevanz für gesellschaftliche Probleme.  

Krieg und Frieden

Im grossen Saal, dem Raum 5 der Ausstellung, treffen acht der grössten Werke des Künstlers aufeinander. Die unterschiedlichsten Motive sorgen hier für einen optischen Clash. Die grossartige, 1993 entstandene Aufnahme «Restoration» simuliert eine Restaurierung des Luzerner Bourbaki-Panoramas von Edouard Castres und erinnert an Krieg, Gewalt und Elend.  

«Restoration» setzt sich aus digitalen Einzelaufnahmen zusammen, wie auch die luftige, sich auf die Holzschnittkunst des japanischen Künstlers Katsushika Hokusai (1760–1849) beziehende Fotografie eines plötzlichen Windstosses, der über die Felder weht. «A Sudden Gust of Wind, After Hokusai» vermittelt eine friedliche, poetische Stimmung auf dem Lande. Poetisch erscheint die bukolische Gartenlandschaft auf dem grössten Leuchtkasten der Schau, ein 13 Meter langes Triptychon, nur vordergründig. Denn die Idylle trügt, die Giardini werden bei näherer Betrachtung zum Set eines Dramas.  

Die Geschichtenerzählerin   

Zum Scheitelpunkt des Parcours bestimmte der Geschichtenerzähler Jeff Wall, kaum überraschend, eine Geschichtenerzählerin: «The Storyteller» von 1986. Die Performer der Szene sind Angehörige der First Nation Kanadas, so auch die Geschichtenerzählerin, die im Schatten einer Betonbrücke spricht. Ob sinnstiftendes Erzählen im Lärm der Gegenwart Gehör finden kann? Das Bild visualisiert, wie Mobilität die Landschaft verändert, und wie indigene Minderheiten und deren Sprache ins Abseits gedrängt werden.

Welches Bild aber sticht uns gegen Ende des Parcours ins Auge? Es handelt sich um das jüngste Werk von Wall, geschaffen 2023. Die Fotografie zeigt eine ältere Frau, die in einer mit Bücherregalen gefüllten Kammer eine Socke in der Hand hält. Als «Maquette für ein Denkmal an das Nachsinnen über die Möglichkeit, ein Loch in einer Socke zu stopfen», betitelt Wall die Szene und stellt damit Nachdenklichkeit auf einen Sockel.

Die Ausstellung ist noch bis 21. April in der Fondation Beyeler in Riehen BS zu sehen.
 

Weitere Informationen: fondationbeyeler.ch

 

Der Katalog zur Ausstellung ist erhältlich bei Hatje Cantz.