Ener­gie­wende: Viele Ideen, ein Ziel

Ausstellung «Transform!» im Vitra Design Museum

Der Ausstellungstitel «Transform!» ist ein Verb, das Ausrufezeichen setzt es in den Imperativ: Die Schau im Vitra Design Museum überrascht mit einer grossen Bandbreite an Möglichkeiten der Stromerzeugung und mit etwas zu viel Exklusivität.

Date de publication
27-03-2024

Ins Staunen kommen hier sogar informierte Fachleute: Die postfossilen Techniken, mit Wind, Sonne, Wasser oder auch menschlicher Kraft Energie zu erzegen, sind zwar bekannt. Doch die Spielarten, diese Elemente zu orchestrieren und zu platzieren sind offensichtlich längst nicht ausgeschöpft.

In der aktuellen Ausstellung im Vitra Design Museum ist Krafterzeugung auch kollektiv erlebbar, nämlich auf drei Fahrrädern. Die Strom generierenden Velos sind allerdings nur für grössere Menschen ausgelegt. Was passiert also, wenn die Tretenden nicht gross genug sind? Nichts. Wie in so manchen Szenarien einer nachhaltige(re)n Zukunft ist auch diese Idee nicht zu Ende gedacht. Die Energiewende braucht eben alle, auch kleine Männer, Frauen und Kinder, die in die Pedale treten!

Andere Exponate richten sich an noch exklusivere Gruppen, so beispielsweise das Rendering einer zur autonomen Ferieninsel umfunktionierten Bohrplattform. Der gedankliche Horizont ist zwar weit: Auch solche obsoleten Strukturen weit draussen in den Ozeanen stellen die Frage nach einer Nachnutzung. Ob allerdings die dank entsalztem Wasser aus der photovoltaisch betriebenen Wasseraufbereitungsanlage üppige Begrünung auch ohne intensive Pflege überlebt, wenn die per Helikopter eingeflogenen Millionäre wieder abreisen?

Hightech-Fantasien

Solche Fragen beantwortet die Ausstellung leider nicht. Die vier Räume des Gehry-Baus versammeln, wie es auch bei bisherigen Ausstellungen des Vitra Design Museums immer wieder die Ambition war, eine grosse Bandbreite an Themen. Kurator Jochen Eisenbrand spricht nicht nur von unterschiedlichen räumlichen Massstäben, sondern auch von der zeitlichen Spannweite der weit über 100 Jahre alten Geschichte von Ideen einer alternativen, nicht fossilen Energieerzeugung, die «die Fehler früherer Generationen beheben sollen».

Der Grossteil der gut 50 in der Ausstellung gezeigten Objekte und Projekte stammt aus der Gegenwart. Es sind Leihgaben von jungen Designerinnen und Designern oder Hochschulen, wo das brennende Thema der Energieerzeugung Anlass für überraschende Entwicklungen ist: schillernde Leuchten, rollende Solarkocher, mit Photovoltaik bestückte Pullover sowie Cargofahrräder und Windräder aller Art.

Es gibt viel Hightech in dieser Ausstellung, die mit dem Titel auch nichts anderes verspricht: «Transform! Design und die Zukunft der Energie». Der Beweis, dass Designerinnen und Designern in der laufenden Energiewende eine wichtige Rolle zukommt, ist erbracht. Dass das alles zuweilen auch gar nicht so neu ist, zeigen Plakate am Anfang der Ausstellung, beispielsweise die «Atomkraft? Nein danke»-Sonne der Dänin Anne Lund von 1975 und verschiedene, über alle vier Räume verteilte Objekte, darunter eine Dokumentation der verschollenen «Solar Do-Nothing Machine» von Charles und Ray Eames aus dem Jahr 1957.

Ein grosses Architekturmodell des Powerhouse Brattørkaia von Snøhetta, des «nördlichsten energiepositiven Hauses der Welt» im norwegischen Trondheim, dokumentiert die Gegenwart. Farbige Pläne von Herman Sörgels Entwurf für das gigantische Wasserkraftwerk «Atlantropa» im Mittelmeer von 1932 verkörpern die Vergangenheit. Und OMAs «Eneropa», ein Teil der Roadmap 2050, zeigt grossräumige Zukunftsvisionen. Lohnend ist auch die eigens für die Ausstellung installierte Projektion zum Freilager-Areal auf dem Basler Dreispitz, die in einer Animation die Energieersparnisse infolge des Bestandserhalts in dieser «Eco-Renovation» erklärt.

Wichtige Wechselwirkungen und mehr Tiefe

Neben vielen Einzelobjekten kommen in der Ausstellung auch holistische Ansätze zum Zug. Das ist wichtig, weil der Wandel von fossilen zu postfossilen Energiequellen nicht allein mit Photovoltaikanlagen, sondern nur ganzheitlich über systemisches Design und den Einbezug von Wechselwirkungen geschehen kann.

Zwar am Rand, aber mit interessanten Ideen zeigt die Schau auch einzelne Lowtech-Strategien, etwa die in einer wandfüllenden Zeichnung im Obergeschoss erklärte «Human Power Plant», entwickelt von einem Team um den niederländischen Wissenschaftsjournalisten Kris De Decker und den Künstler Melle Smets. Und während die Ausstellung doch so manche technokratische Energie-Utopie im luftleeren Raum stehen lässt, setzt sich die Begleitpublikation auch mit den grösseren Zusammenhängen auseinander. Sie bietet den von Hightech-Visionen Übersättigten (zu denen sich auch die Autorin zählt) das nötige Futter in Sachen Lowtech.

➔ Wer die Bezeichnungen «high» und «low» als unzureichend empfindet, kann sich in der bis 13. Mai laufenden Ausstellung «Beyond High Tech Low Tech» der Galerie Archizoom in Lausanne inspirieren lassen. Einige der Vorschläge dort:  «Wild Tech», «Rebel Tech», «Zombie Tech», «Retro Tech» oder «Easy Tech».

Im ersten Teil des Bands werden etwa 100 Projekte in alphabetischer Ordnung porträtiert. Darunter ist beispielsweise auch das «Low-tech Magazine» von De Decker. Die Website wird seit 2018 teilweise, seit 2023 vollständig über einen mit Solarenergie gespeisten Server betrieben. An bewölkten Tagen führt dies zu gelegentlichen Ausfällen. Im zweiten Teil gibt es längere Aufsätze, darunter auch ein lebensnaher Comic über den Alltag des legendären Lowtech-Verfechters De Decker.

Die Dinge zu Ende denken

Hinweise auf die Grenzen technokratischer Strategien gibt es in der Schau des Vitra Design Museums leider kaum. Viel eher herrscht hier der Glaube, dass Energie in endloser Menge vorhanden und nutzbar sei. Viele der gezeigten Prototypen lösen zwar die Herausforderung einer Energieversorgung ohne fossile Brennstoffe, schaffen gleichzeitig aber eine Menge anderer Probleme, wie giftige oder nicht rezyklierfähige Abfälle sowie hohe Herstellungskosten – auch diesbezüglich sind die meisten Fachleute längst gut informiert.

Einen Hinweis auf eventuelle Gefahren gibt es im Obergeschoss im vierten und letzten Raum der Ausstellung: Neben der Hochglanzvisualisierung der erwähnten solarkollektorbestückten und üppig begrünten ehemaligen Bohrplattform leuchtet rot der Alarmknopf für die Feuerwehr. Im wahrscheinlichen Fall, dass dieser öffentliche Dienst den Einsatz einer Illusionslöschaktion verweigert, bleibt also die Herausforderung dringend: Die Energiewende muss zu Ende gedacht werden. Transform!

Die Ausstellung «Transform! Design und die Zukunft der Energie» ist bis zum 1. September 2024 im Vitra Design Museum in Weil am Rhein (D) zu sehen.

Begleitpublikation
Mateo Kries, Jochen Eisenbrand: Transform! Design und die Zukunft der Energie. Vitra Design Museum, Weil am Rhein 2024. 196 Seiten, 220 Abb., 24 × 32 cm, Leineneinband, Softcover mit Fadenheftung, ISBN 978-3-945852-59-0, 55.– Euro

 

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