Wie ganz selbst­verständ­lich

Gemäss UN-Zielsetzung sollen 2030 alle Formen der Armut beseitigt sein. Trotzdem hat die Heilsarmee am Helvetiaplatz in Zürich ein Obdachlosenheim renovieren und aufstocken lassen. Oliv Brunner Volk Architekten ergänzten mit schmalem Budget Altes mit Neuem. Denn: Armut wird es auch in sieben Jahren noch geben.

Date de publication
17-01-2023

Armut ist auch in der reichen Schweiz ein Thema. Im Jahr 2021 waren rund 10 Prozent davon betroffen – all jene, die mit weniger als 2200 Franken pro Monat leben müssen. Eine spezielle Form davon ist Obdachlosigkeit. Betroffene leben unfreiwillig auf der Strasse oder übernachten in Notschlafstellen. Verlässliche Zahlen gibt es nicht. Schätzungen1 zufolge leben in der Schweiz 2200 Obdachlose und rund 8000 Personen, die kurz davor sind, ihre Wohnung zu verlieren.

Experten verorten die Gründe für Obdachlosigkeit individuell. Sucht­erkrankungen, psychische sowie finanzielle Probleme gehören dazu. Marginalisierte Menschen sind potenziell davon bedroht, also Sans-Papiers und Leute, die ihren Aufenthalt in der Schweiz oder einem anderen Kanton erfolglos von einer Arbeit abhängig machten.

Vom gesetzlichen Standpunkt aus existiert eine «obdachlose Person» bei uns nicht. Obdachlosigkeit ist ein Zustand, aber keine Eigenschaft – deshalb lasse sich die Situation durch das Bereitstellen von Wohnraum beheben.2 Das inter­na­tionale Recht verpflichtet die Schweiz, Obdachlosigkeit zu bekämpfen und sicherzustellen, dass die Wohnsi­tuation für alle angemessen ist. Die Bundesverfassung garantiert allen Menschen in der Schweiz, unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus, soziale Grundrechte.

Karitativ und kommerziell

Genau um Menschen in solchen Situationen kümmert sich die Heils­armee. Am Zürcher Helvetiaplatz leuchtet an der Molkenstrasse die frisch gestrichene erbsengrüne Fassade des Wohnheims hinter der
Béton-Brut-Architektur des Sozialamts hervor. Der Platz in Nähe der Langstrasse ist seit vielen Jahren der Startpunkt der 1.-Mai-Demonstrationen. Weitere öffentliche Institutionen wie das Bezirksgericht mit dem Gefängnis und das Volkshaus, einst gegründet von Gewerkschaften und Sozialdemokraten, mit seinem heute gut besuchten Restaurant befinden sich in Sichtweite.

Auch im Wohnheim gibt es im Erdgeschoss ein Café und ein Restaurant, in denen Externe willkommen sind. Inwieweit Passanten in Zürich, wo es Gastronomie für jedes Budget gibt, hierher gelangen, wird sich zeigen – sicher aber wird der Besucherkreis durch Freunde und Verwandte der Bewohnenden ergänzt.  Und ganz allein karitativ geht es auch bei der Heilsarmee nicht: Die externe Vermietung der sechs Kleinwohnungen in der Aufstockung zu marktüblichen Preisen soll Synergien fördern und einen Teil der 11 Mio. Franken Baukosten quer­finanzieren.3 Diese selbstbewusste Sichtbarkeit und die Öffnung nach aussen wünschte sich die Heils­armee im Wettbewerbsprogramm.

Veränderte Bedürfnisse

Die 100-jährige Existenz der Un­terkunft der Heilsarmee an der ­Molkenstrasse 6 begann als «Zufluchtshaus», «Hoffnungsburg» und «Logis für Durchreisende» – die Schriftzüge kennzeichneten die damalige Eingangsfassade. Das Wohnangebot wurde im Lauf der Zeit durch die drei benachbarten dazu gekauften Gründerzeitbauten an der Müllerstrasse 87, 89 und 91 erweitert. Im Rahmen einer Gesamtsanierung 1985 wurde der Komplex komplett ausgehöhlt und darin ein Betonbau erstellt, der sich nach aussen an der rückseitigen Hof­fassade abzeichnet.

Rund vierzig Jahre später entschied die Heilsarmee, dass eine Renovation nötig sei. Die Innenarchitektur war abgenutzt; Brand-, Erdbebenschutz und Wärmedämmung unzureichend. Aber die Räume sollten auch veränderten Bedürfnissen angepasst werden. Vor der Ausschreibung wurde mit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW eine Studie durchgeführt, die der Frage nachging, wohin sich das Angebot der Heilsarmee entwickeln soll.

Einfluss darauf haben auch bürokratische Grundlagen: An der Molkenstrasse wohnen IV-Bezüger und Personen aus anderen Kantonen, das Haus hat aber keinen Leistungsvertrag mit dem kantonalen Sozialamt Zürich. Das heisst, Klienten mit einem erhöhten Betreuungsbedarf können nur an einem anderen Stanort betreut werden, einem 2019 eröffneten Neubau an der Ankerstrasse von Allemann Bauer Eigenmann Architekten

Weiter gibt es unter ihnen immer mehr Menschen mit multiplen Problemen – zum Beispiel mit einer Sucht und zudem mit physischen und soma­tischen Beschwerden. Mehr- oder Doppelbettzimmer sind da unge­eignet. «Vor 16 Jahren, als ich für die Heilsarmee Zürich zu arbeiten begann, gab es an der Molken­strasse 90 Plätze, nach der Renovation sind es noch 67 Einzelzimmer und 6 Kleinwohnungen», so Roger Berger, Institutionsleiter Wohnen und Begleiten der Heilsarmee.

Die Organisation ist spezialisiert auf betreutes Wohnen. In der Stadt Zürich finden an der Anker­stras­se Personen mit erhöhtem Betreuungsbedarf eine langfristige Wohnmöglichkeit. An der Molkenstrasse wohnen dagegen unter 30-Jährige für durchschnittlich sechs bis zwölf Wochen, neben einigen Älteren, die meist länger bleiben. Sie sollen Boden unter den Füssen zurückgewinnen und dann in eine weniger intensiv betreute Unterkunft wechseln. Entsprechend wichtig sind also neben den Einzelzimmern die Gemeinschaftsbereiche, wo die Leute zum Beispiel kochen können.

Neu ergänzt alt

Nach einem Auswahlverfahren konnte Oliv Brunner Volk Architekten mit der Planung und im Sommer 2021 mit der Renovation und der Aufstockung beginnen. Mit der Denkmalpflege erarbeiteten sie eine Basis für den Erhalt der geschützten Substanz: Vorne, gegen die Molkenstrasse, durfte um zwei Etagen und das Dachgeschoss aufgestockt werden, an der Seite Müllerstrasse mussten die bestehenden Höhen beibehalten werden, im Innenhof gibt es mehrere Zonen. Die aus­sen verputzte Holzbauaufstockung nimmt die Fensterfluchten der unteren Etagen auf.

Im Dachgeschoss für die Verwaltung gibt es offene Arbeitsplätze und separate Einzelbüros. «In einem Altbau sind die Elemente oft schräg, das macht teure Massarbeiten nötig – anderseits hatten wir ein schmales Budget», so Andrej Volk. Die Fenster im Dachgeschoss sind deshalb aus Kunststoff/Metall, in den Wohngeschossen aus Kunststoff und im Erdgeschoss aus Holz und Metall. Für den Aufgang in die neuen Holzetagen musste auch das Treppenhaus aufgestockt werden. Man sieht das an den alten Bodenkacheln.

Das Gebäude wurde innenarchitektonisch vom Bestand ausgehend entworfen. Zum Beispiel stammen der weisse Bodenbelag im Erdgeschoss und das Buffet aus dem Jahr 1985. Generell wurde wo möglich und sinnvoll das Alte übernommen. «Das ist in Ordnung; es ist ein einfacher Bau», sagt Volk. Das Neue fügt sich harmonisch und ergänzend hinzu. So zeichnen sich die Kleinwohnungen in der Aufstockung an der Fassade diskret über Jalousien und französische Fenster mit ihren kleinen Balkonen ab.

Letztere sind mit Stahlkonsolen an den Holzelementen befestigt. Das war keine Auflage, ging aber im Holzelementbau recht einfach. Im Hof verbinden elegant geschwungene Terrassen die Häuser. Eine schöne Gelegenheit für die Bewohnenden, sich dort zu treffen, genauso wie in den grosszügigen Etagenküchen.

Die Zimmer in den bestehenden Etagen haben gegen die Molkenstrasse und den Hof unterschiedliche Qualitäten – einige sind durch die kleinen Fenster des Bestandes und die Nähe der Nachbarhäuser relativ dunkel, andere verfügen über einen eigenen komfortablen Balkon. Alle Zimmer sind einfach materialisiert und werden von den Bewohnenden oder durch das Heilsarmee-Brockenhaus möbliert. 

Teure Kampagnen für alte Erkenntnisse

Während die Armutszahlen in Europa steigen – nur die der extrem Armen in Entwicklungsländern haben in den letzten Jahren abgenommen – sollen, wenn es nach der UN und ihren Nachhaltigkeitszielen (SDG) geht, bis 2030 alle Formen der Armut beseitigt sein. So wichtig das Thema, so unrealistisch erscheint das Ziel.

Bereits im Jahre 1966 wurde von der UN-Generalversammlung der Pakt über wirtschaftliche, so­ziale und kulturelle Menschenrechte verabschiedet und trat in Kraft, nachdem ihn die Mitgliedstaaten ratifizierten, darunter auch die Schweiz. Er ist bindend und umfasst das Recht auf einen angemessenen Lebensstandard mit Nahrung, Bekleidung und Wohnung.  Die Gründe für Armut sind weltweit un­terschiedlich, sodass Massnahmen individuell und interdisziplinär umgesetzt  werden müssen.

Wie der Bau an der Molkenstrasse zeigt, sind architektonische Entwicklungen mit sparsamem Ressourcenverbrauch, mit Denkmalschutz sowie räum­licher Anpassung an soziale Veränderungen und mit einem schmalen Budget vereinbar. Das ­Ergebnis kommt direkt jenen zugute, die von Armut betroffen sind und schafft ohne zusätzlichen Aufwand und ohne teure Kampagnen Sichtbarkeit und Öffnung nach ­Aussen.

Umbau Heilsarmee Molkenstrasse, Zürich

 

Bauherrschaft
Stiftung Heilsarmee Schweiz


Architektur
Oliv Brunner Volk, Zürich


Baurealisation
Befair Partners, Zürich


Tragkonstruktion
Federer & Partner Bauingenieure, Zürich


Landschaftsarchitektur
Sabine Kaufmann Landschafts­architektin, Zürich


Tragkonstruktion Holzbau
Pirmin Jung Schweiz, Thun


HLKS-Planung
EHV Technik, Illnau-Effretikon


Elektroplanung
Gutknecht Elektroplanung, Au


Bauphysik
Durable, Zürich


Brandschutz
BrandProteQ, Wil


Anmerkungen

 

1 FHNW, «Ausmass, Profil und Erklärungen der Obdachlosigkeit in acht der grössten Städte», für das Bundesamt für Wohnungswesen 2021, hg. v. J. Dittmann, S. Dietrich, H. Stroezel, M. Drilling.

 

2 FHNW, «Obdachlosigkeit in der Schweiz. Verständnisse, Politiken und Strategien der Kantone und Gemeinden», hg. v. M. Drilling, M. Küng, E. Mühlethaler, J. Dittmann.

 

3 Die Heilsarmee setzt in der Schweiz jährlich 200 Mio. Fr. mit vermieteten Zimmern und Wohnungen um. Der Umbau am Helvetiaplatz wurde durch Eigenmittel – vor allem Spenden – ­finanziert.