Das Spiel mit den Pers­pek­ti­ven

Aviolat Chaperon Escobar Architekten erweiterten eine unscheinbare bürgerliche Villa in Fribourg, indem sie am Bestand aus den 1930er-Jahren anknüpften – und dessen traditionelle Grundrisstypologie bis ins Extreme fortführten. Das Ergebnis wirkt von aussen zeitlos diskret, von innen verblüffend neuartig.

Date de publication
19-04-2022

Stellen Sie sich einen Raum von vier auf fünf Metern vor. Stellen Sie sich nun zehn dieser Räume mit ähnlichen Proportionen vor – nicht zu gross für ein Wohnzimmer und nicht zu klein für einen funktionalen ökonomischen Eingangsbereich. Stellen Sie sich nun eine Wohnung vor, die aus zehn dieser beinahe identischen Räume besteht.

Stellen Sie sich vor, dass jeder Raum über ein Fenster nach aussen verfügt – immerzu identische Fenster –, und dass in den drei übrigen Wänden des Raums je eine Türe ist, ebenfalls immer identisch. Stellen Sie sich nun fünfzehn dieser Türen vor  – wenn einige der Räume drei Eingänge haben, müssen Sie auch drei Türen schliessen, um in Ihrem Badezimmer Privatsphäre zu haben.

Stellen Sie sich eine Wohnung vor, die zwar nicht ausserhalb jeglicher Norm ist, aber so ungewöhnlich, dass sie von den standardisierten Algorithmen von Immobilienbewertungsprogrammen nicht erfasst werden kann. Wie kam es dazu?

Maximale Ausnützung des Grundstücks

Am Anfang stand die Bau- und Zonenordnung. Das trapezförmige Grundstück am Chemin Guillaume-Ritter 1 in Fribourg, auf dem ein Wohnhaus aus den 1930er-Jahren stand, wies noch beträchtliche Nutzungsreserven auf – doch nur bei einem Erhalt des bestehenden Gebäudes. Während der Eingabe des Baugesuchs wurden die Nutzungsvorschriften dahingehend geändert, dass ein Ersatzneubau, wie ihn die Architekten ursprünglich vorgeschlagen hatten, nicht in dieser Grösse hätte realisiert werden können. Daher schlugen sie vor, das alte Haus zu erhalten und bis zum maximal zulässigen Volumen zu vergrössern, um die Parzelle zu verdichten. Das Prinzip ist einfach und grosszügig: Man stockte auf und addierte weitere Räume in einem Anbau auf der Südseite des Gebäudes. Auf diese Weise entstanden vier Etagenwohnungen von je 160 bis 175 m2.

In der von Villen geprägten und von grossmassstäblichen öffentlichen Gebäuden gesäumten Zone hebt sich der Bau durch seine Volumetrie ab. Die Fassaden sind mit einem in unterschiedlichen Weisstönen schimmernden gekalkten Zementputz überzogen, der das bestehende Volumen nahtlos mit den neuen, aus Holz konstruierten Gebäudeteilen verbindet. Einer nebelhaften Gestalt gleich entwickelt sich das Bauvolumen zur Strasse hin, stellenweise von alten Bäumen verdeckt.

Der Eingang ist nicht einfach zu finden: Im hinteren, nördlichen Teil angelegt, ist er auf den nahen Wald orientiert und führt die vom ursprünglichen Haus begründeten Bezüge weiter. Die repräsentativen Steinstufen, die seit jeher vom Garten zur Haustüre führten, wurden erhalten; im Inneren des Treppenhauses ist das alte Gebälk stellenweise sichtbar. Diese dezentrale Lage des Eingangs und des Treppenhauses auf der Nordseite des Hauses, die schon den Altbau prägte, wird durch den neuen Anbau auf der Südseite noch stärker akzentuiert. Um das Tragwerk des Hauses möglichst integral erhalten zu können, platzierten die Architekten den Lift in einem Fassadenvorsprung neben dem Eingang, in dem einst die Toiletten untergebracht waren – eine stimmige Lösung, die mit der Idee des dezentralen Eingangs einhergeht.

Eine Addition von polyvalenten Räumen

In unmöbliertem Zustand weist nichts auf den Zweck der einzelnen Räume hin, ihr Gebrauch wird im Lauf des Tages immer wieder neu definiert. Ihre Funktion, oder vielmehr ihre Bestimmung, ist nicht festgelegt; das, was wir üblicherweise als Privatheit bezeichnen, wird zu einem Spiel und die Türen zum Spielgeld. Was wirklich begeistert, ist weniger die Idee eines Raumkonglomerats, in dem nichts bestimmt und deshalb alles möglich ist, als vielmehr die Idee eines Lebensraums, der zulässt – er lässt zu, dass man spielt, spricht, sich ausruht und so weiter. Der Grundriss aus neutralen Raumzellen verströmt Freiheit und einen diskreten kosmopolitischen Charakter.

Im Innern der streng orthogonalen Zimmer wirken die Wohnungen grösser als erwartet. Dieser Eindruck entsteht einerseits über die fast fetischistisch gepflegte Figur der Enfilade, die mittels einer markanten Diagonalen neu interpretiert und verbessert wurde, und anderseits wegen dem Fehlen einer klaren Zimmerabfolge. Eine promenade architecturale nach festem Parcours gibt es nicht. Beinahe scheint es, als hätte das Projekt die ungewissen Zeiten vorausgesehen. Das strenge Raster tut der Neugier, die angrenzenden Zimmer zu entdecken und darin zu verweilen, keinen Abbruch. Das Projekt ist ein gelungenes Übungsstück, das Ergebnis einer erfolgreichen Erkundung der Einheitlichkeit und Gleichwertigkeit von Räumen; es zeugt aber auch von einer ungebremsten Begeisterung am Vervielfältigen. Es ist fragil und radikal.

Spiel mit Erinnerungen

Eine Auseinandersetzung mit dem Bauwerk lohnt sich, denn es trägt beinahe mnemotechnische – das Erinnerungsvermögen stärkende – Züge, die weniger komplex als viel mehr widersprüchlich wirken. Vom Volumen des Bestandshaus ausgehend führt die tiefgreifende Umgestaltung die Grundrissstruktur weiter, wobei diese aber in einer neuen Flucht steht und punktuell daraus ausbricht: Sie entwickelt sich aus der Anordnung von sechs Zellen, die sich im südlichen Teil der Parzelle staffeln und durch leichte volumetrische Verschiebungen ein gezacktes Volumen erzeugen. Das Raster, das den kompakten Körper gliedert, wird einer neuen Logik zugeführt. Im Erweiterungsbau bricht die elementare Raumzelle aus und verleiht der Komposition einen neuen Sinn.

Ab dem dritten Stockwerk ist alles neu: Das Raumsystem und die Orientierung des Erweiterungsbaus legen sich über die zwei Geschosse der alten Villa, das neue Volumen ist mit vier Geschossen mehr als doppelt so hoch wie der ursprüngliche Bau. In diesen zusätzlichen zwei Geschossen ist die Staffelung der Räume besonders stark ausgeprägt, sie umklammern den Altbau, verschmelzen die Teile zu einem neuen Ganzen. Dabei entsteht auch eine neue Hierarchie: Der Bestand büsst an Präsenz ein, die Erweiterung wird von einer untergeordneten zur beherrschenden Komponente. Dennoch bleiben unzählige bauliche Details, die den Charakter des Neuen prägen und den aufmerksamen Betrachter an das Alte erinnern: der alte Dachrand, der nun als Sims in Erscheinung tritt, und die Krönung durch ein doppeltes Gesims, das auch ein Fries sein könnte.

Dieser Umbau scheint so etwas wie ein kontextbezogenes Gedächtnis zu erforschen. Nachdem das Projekt sich das bestehende Gebäude «einverleibt» hat – ein Verb, das die Architekten zur Beschreibung ihres Eingriffs verwenden –, vereinnahmt es dessen Grundzüge und fügt diese Erinnerungsstücke in seine eigene Geschichte ein. Trotz der Grösse des Eingriffs fügt sich das Projekt in die Reihe jener aktueller Beispiele ein, die auf höchstem Niveau demonstrieren, dass «neu» nicht unbedingt «anders als das Bestehende» heissen muss. Dem Freiburger Trio gelang ein zeitloses und suggestives Werk, das auch in zwanzig Jahren schwer zu datieren sein wird.

Ein Video des Projekts gibt es hier.

Facts & Figures

 

Bauherrschaft
privat


Architektur
Aviolat Chaperon Escobar, Fribourg


Vergabeverfahren
Direktauftrag


Fertigstellung
2020


Grundfläche
235 m2


Volumen
2655 m2


Baukosten (BKP2)
2.4 Mio Fr.

 

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