Zwi­schen Si­che­rheit und kind­li­cher Neu­gier

Als gelungene Kombination aus Fachbuch und Monografie präsentiert sich die Neuerscheinung «Räume für Kinder». Theoretisch und an realisierten Projekten stellt das Autorenteam wichtige Grundlagen vor, damit sich Kinder in der gebauten Umwelt optimal entfalten und entwickeln können.

Date de publication
15-10-2020

Welche Elemente regen Kinder dazu an, sich zu bewegen und ihrem Bewegungsdrang freien Lauf zu lassen? Was hält sie eher davon ab? Wie gelingt der Spagat zwischen ausreichend Freiheit und der nötigen Sicherheit? Wie müssen also Räume für Kinder gestaltet sein, um deren Entwicklung bestmöglich zu fördern? Mit diesen und vielen weiteren solcher Fragen scheinen sich Nathalie Dziobek-Bepler, Gründerin des Berliner Büros «baukind – Architektur für Kinder», und ihr Team intensiver zu beschäftigen als viele andere. Davon zeugen die tiefgründigen theoretischen Beiträge und die im Buch vorgestellten Projekte.

Drei vielsagende Worte

Offensichtlich wird dies bereits im Untertitel der Publikation: «Gestaltung auf Augenhöhe». Dabei ist er durchaus wörtlich zu nehmen, da die Kleinen unsere Welt aus ihrer eigenen und damit einer gänzlich anderen Perspektive wahrnehmen als wir Erwachsenen. Und das liegt schlicht auch an den sehr unterschiedlichen Körpergrössen. Gleichzeitig drückt die Herausgeberin Nathalie Dziobek-Bepler damit eine innere Haltung aus: Architekten müssen sich beim Entwerfen für Kinder auch mental und kognitiv in die kleinen Nutzer hineinversetzen.

Ordnung und Chaos

Als Einstieg ins Thema kommen nach einem kurzen Vorwort der 7-jährige Bobby und der 6-jährige Tom zu Wort. Sie erzählen von ihren Traumkitas, ihren Wohlfühlräumen. Gleich hier wird deutlich, wie sehr sich der Wunsch der Erwachsenen nach Ordnung und klaren Defini­tionen von der Vorliebe der Kinder nach variabler Raumnutzung und kreativem Chaos unterscheidet: Wüstenlandschaften mit Kakteen und Räume mit Monsterbergen von Legos werden hier genannt.

Es folgt ein Exkurs, der allen Leserinnen und Lesern, die kein päda­­gogisches Fachwissen haben, einen kurzen Abriss über die reform­pädagogischen Richtungen von Steiner und Montessori über Fröbel bis Reggio gibt. Daran schliessen sich sieben sogenannte Fokusthemen an, wie Bewegung, Übergangsräume und «Wie funktioniert Kitabau?». Nach wenigen einleitenden Sätzen werden hier zum jeweiligen Aspekt konkrete Beispiele genannt, beschrieben und bebildert: eine Treppe, die zur Höhle wird, eine Heiz­körperverkleidung als Murmelbahn oder Tafelwände im Bad.

Anregung und Ansporn

Welch tolle Kitas auf Basis dieser Überlegungen entstehen können, zeigen am Schluss des Buchs fünf Projekte, die baukind geplant und realisiert hat. Auf bis zu zwanzig Seiten werden sie ausführlich dargestellt mit einem Text, der sich jeweils in die Bereiche Pädagogik, Architektur und Konzept gliedert, sehr gut lesbaren und optisch ­ansprechenden Plänen, vielen Bildern – vom Briefmarkenformat bis zum Seitenfüller – sowie Zitaten von Kindern und Erziehern. Mit dabei ist sogar eine Zahnarztpraxis für Kinder, in der das Warten auf den Kletterbaum verlegt und damit viel Anspannung abgebaut wird.

Nach diesen Eindrücken wünscht man sich gleich zweierlei: Man möchte unbedingt noch einmal selbst Kind sein und an der 7 m langen Waschrinne planschen. Und man hofft, dass viel mehr dieser wohlüberlegten und pädagogisch sinnvollen Grundgedanken künftig die Planung möglichst vieler Kindertagesstätten, Museen und Arztpraxen im positiven Sinn beeinflussen. Die im Buch skizzierten Gestaltungsrichtlinien, die Übersicht über die planerischen Anforderungen von Brandschutz über Barrierefreiheit bis zum Raumklima sowie die Herangehensweise des Büros baukind an solche Aufgaben bilden einen hervorragenden Ausgangspunkt.

Angaben zur Publikation

baukind / Nathalie Dziobek-Bepler (Hrsg.): Räume für Kinder. Gestaltung auf Augenhöhe. Jovis Verlag, Berlin 2020. 160 Seiten, 270 farbige Abb., 22 × 28 cm, Klappenbroschur, ISBN 978-3-86859-620-5, Fr. 47.90
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