Smil­jan Ra­dić Clar­ke ge­winnt den Pritz­ker-Preis 2026

Pritzker-Preis 2026

Mit dem Pritzker-Preis 2026 definiert Smiljan Radić Clarke die Architektur neu. Zwischen Zerbrechlichkeit, Erinnerung und Experimentierfreude entsteht eine Formensprache, die zwischen Instabilität und Zuflucht pendelt und auf die Unsicherheiten der Gegenwart mit intensiven, materialbetonten sowie tief im Kontext verwurzelten Werken reagiert.

Publikationsdatum
18-03-2026

Smiljan Radić Clarke macht das Offensichtliche sichtbar und geht mit seinen Werken zurück zu den unverfälschten Grundlagen der Architektur, während er gleichzeitig noch unerschlossene Grenzen erkundet. Die Jury hob diese Besonderheiten hervor und zeichnete Radić mit dem renommierten Pritzker-Preis aus. Nach Alejandro Aravena im Jahr 2016 ist Radić der zweite chilenische Architekt, der den Preis erhält. Dies bestätigt die zentrale Rolle, die das kulturelle und akademische Umfeld von Santiago de Chile in der internationalen Architekturszene eingenommen hat.

In der Begründung der Jury wird die Fähigkeit des chilenischen Architekten hervorgehoben, auf die Unsicherheiten unserer Zeit mit einer Architektur zu reagieren, die diese durchdringen kann und dabei ein kohärentes Projekt hervorbringt, das sich an den bestehenden Gegebenheiten orientiert und ein Gleichgewicht zwischen Vergänglichkeit und Beständigkeit findet: «Mit einem Werk, das sich an der Schnittstelle zwischen Ungewissheit, materieller Experimentierfreudigkeit und kulturellem Gedächtnis bewegt, stellt Smiljan Radić Clarke die Fragilität über jeden ungerechtfertigten Anspruch auf Gewissheit. Seine Gebäude wirken vergänglich, instabil oder bewusst unvollendet, fast als stünden sie kurz vor dem Verschwinden, und doch bieten sie einen strukturierten, optimistischen und stillen Zufluchtsort, der die Verletzlichkeit als wesentlichen Bestandteil der gelebten Erfahrung annimmt.»

Smiljan Radić Clarke wurde in Santiago de Chile als Sohn von Einwanderern geboren. Die Eltern seines Vaters stammten aus Brač in Kroatien, die seiner Mutter aus dem Vereinigten Königreich. Seine Kindheit war geprägt von Mobilität und dem Bewusstsein dafür, wie viel die Zugehörigkeit zu einem Ort bedeutete. Dadurch begann er das Dasein nach und nach als ein sich ständig entwickelndes Konstrukt und nicht als etwas rein Vererbtes zu begreifen: «Manchmal muss man sich seine Wurzeln selbst schaffen. Das gibt einem Freiheit», sagt Radić.

Die Lebensphilosophie des Architekten schlug sich schon früh in seiner persönlichen Herangehensweise an die Architektur nieder, als ihm im Alter von 14 Jahren ein Kunstlehrer die Aufgabe stellte, als Übung ein Gebäude zu entwerfen. Eine frühe Erinnerung, die im Nachhinein mit der Arbeit, die er später aufnehmen sollte, im Einklang steht. Er studierte Architektur an der Pontificia Universidad Católica de Chile und wurde Teil jener Generation, die die zeitgenössische chilenische Architekturszene prägen sollte. Nach einem gewundenen Weg – der auch durch das Scheitern seines ersten Versuchs bei der Abschlussprüfung vor seinem Studienabschluss 1989 geprägt war – reiste er und studierte Geschichte an der  Università Iuav di Venezia, was Radić als den existenziellsten Abschnitt seiner persönlichen und beruflichen Ausbildung betrachtet.

1995 gründete er in Santiago de Chile sein Atelier «Smiljan Radić Clarke» in einem kleinen, intimen Raum, in dem er sich gemeinsam mit seiner Frau, der Bildhauerin Marcela Correa, zunehmend einer fast abgeschiedenen, klösterlichen Lebensweise annäherte. Eine Antwort auf das Bedürfnis, sich eine eigene Stabilität aufzubauen, das aus seinem Mangel an festen Wurzeln entstand. «Die Abgeschiedenheit birgt eine gewisse Komplexität: Ein Schutzraum bietet Distanz zur Realität, während ein Rückzugsort das Gefühl vermittelt, dass das Leben in seinem Inneren einzigartig ist. Was wir jedoch brauchen, ist Schutz, ein Ort der Stabilität, um die Zerbrechlichkeit anzunehmen.»

Seit den frühen 2000er-Jahren engagiert sich Radić in Projekten von internationalem Rang. So etwa dem Bau einer transluzenten, runden Hülle aus glasfaserverstärktem Kunststoff in den Kensington Gardens für den 14. Serpentine Pavilion, der ihn auf internationaler Ebene bekannt machte. Trotz seines wachsenden Ruhms bleibt er seiner architektonischen, von Sensibilität und Kontextbewusstsein geprägten Poetik treu. Für ihn ist Architektur eine kollektive und sich ständig weiterentwickelnde Praxis, die zwischen Künstlichem und Natürlichem liegt. Aus diesem Grund gründete er 2017 die Fundación de Arquitectura Frágil, die in seinem Atelier in Santiago de Chile untergebracht ist, um experimentelle Architektur zu fördern, die disziplinäre Grenzen überschreitet.

Radićs architektonische Sprache versteht man, indem man seine Entwürfe räumlich erlebt: eine Architektur, die sofort erkennbar, aber konzeptionell schwer fassbar ist. Seine Gebäude sind nicht einfach als visuelle Artefakte konzipiert; vielmehr erfordern sie eine physische Präsenz.

Zu den bekanntesten Projekten, die von der Jury hervorgehoben wurden, zählen das Haus «House for the Poem of the Right Angle» (2013), eine Ode an Le Corbusiers Werk, das Zentrum für darstellende Künste in Santiago de Chile (2015) und das Regionaltheater von Biobío (2018): Werke, die, wie in der Preisverleihung betont wird, durch die Kunst der Architektur einen tiefgreifenden und nachhaltigen Beitrag für die Menschheit und die Umwelt leisten.

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