Trag­werk mit Cha­rak­ter

Kieswerk Gunzgen

Publikationsdatum
14-11-2025
Revision
11-11-2025

Heinz Hossdorf lebt weiter – in Tragwerken, die Haltung zeigen. Sein Kieswerk in Gunzgen von 1962 ist kein alter Betonklotz, sondern ein Lehrstück über das Prinzip der Vorfabrikation: Jedes Element greift ins nächste, präzise gefügt wie in einem Puzzle, funktional und formbewusst. Hossdorf verstand es, Tragelemente zu komponieren – mit Spannweite, Rhythmus und Formgebung. Das Werk verkörpert seine Idee, Ingenieurbau als gestaltete Konstruktion zu begreifen: Statik als Element und Ausdruck des Gestaltungsprozesses – nicht als Starrheit.

Heute steht neben dieser Ikone der Schweizer Ingenieurbaukunst ein glattpolierter Kubus, so scharfkantig, dass man sich die Gedanken daran schneidet. Ein gegensätzliches Ensemble, ein Spiegel von Funktion, Form und Haltung. Als würde der alte Bau den neuen daran erinnern wollen, dass Tragwerk auch Charakter haben und sichtbar sein darf. 

Der alte Bau von Hossdorf bleibt trotzig stehen – halb genutzt, ganz Charakter. Sein Beton trägt Patina und Geschichte, kein Filter nötig. Er wartet darauf, wieder vollumfänglich Kies zu sieben, Staub zu atmen, Tragkraft zu beweisen. Oder wenigstens darauf, dass jemand bemerkt, wie gut er trotz allem noch dasteht – ein Stück gelungener Ingenieurbaukunst in unverwechselbarer Prägnanz.

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