«Die Schweiz ist sich nicht be­wusst, wie viel Uto­pie sie um­set­zen könn­te»

Im Gespräch mit Regula Lüscher

Regula Lüscher hat als Senatsbaudirektorin in Berlin selbst erlebt, was Europan leisten kann. Als Juryvorsitzende von Europan 18 spricht sie über bösartige Probleme, Türöffner und die Frage, warum ein Ideenwettbewerb manchmal mehr bewegt als jeder Masterplan.

Publikationsdatum
27-10-2026

Frau Lüscher, was unterscheidet den Ideenwettbewerb Europan von einem klassischen Projektwettbewerb, und was wird dadurch an Risiko, Radikalität und Fragestellung überhaupt erst möglich?

Regula Lüscher: Dieser Ideenwettbewerb ist nicht in erster Linie umsetzungsorientiert, und daher sehe ich die Entwürfe eher als Forschungsarbeit. Durch Europan entstehen Arbeiten zu wichtigen, teilweise sogar kaum lösbaren Themen. Europan kann sehr konzeptionelle Antworten geben, die nicht nur auf die Lösung des gestellten Problems abzielen, sondern einen (Um)Weg aufzeigen, der zum Ziel führen kann.

Europan ist dezentral organisiert: Jedes Land lädt eigene Standorte ein, aber alle Teams können sich europaweit bewerben. Was bringt dieses internationale Netzwerk einer Stadt konkret, was ein lokal ausgeschriebener Wettbewerb nicht leisten kann?

Auch lokale Wettbewerbe werden oft international ausgeschrieben. Dennoch bewerben sich in Realität zumeist lokale Büros, die im lokalen Kontext verankert sind. In der Schweiz ist es als ausländisches Büro kaum möglich, einen Wettbewerb zu gewinnen, was auch damit zu tun hat, dass die meisten Preisgerichte lokal besetzt sind und somit auch Antworten aus der Schweizer Küche als vertrauter empfinden und bevorzugen. Bei Europan steht nicht die Eins-zu-eins-Umsetzung im Fokus, weshalb die teilnehmenden Standorte offener sind, von Aussensichten zu profitieren. 

Das Projekt kann daher Anregung, Augenöffner, aber auch Kommunikationsmittel in (politisch) schwierigen Situationen sein, etwa wenn erst Akzeptanz in der Lokalbevölkerung geschaffen werden muss. Mit den Lösungsvorschlägen können die Verantwortlichen heikle Themen angehen, Veranstaltungen und Diskussionsrunden organisieren. Die Resultate öffnen Türen, und genau dafür sollten Gemeinden und Städte das Format nutzen, denn die Tragweite und Wirkung von Europan halten langfristig an.

Alle vier Jahre gibt Europan ein übergeordnetes Thema vor, diesmal «Re-Sourcing». Wie finden sich solch globale Themen in den konkreten, lokalen Aufgabenstellungen der einzelnen Standorte wieder?

Das Thema gibt das Mindset vor, unter dem die Aufgabenstellungen bearbeitet werden sollen. Unter den Aufgaben waren neue Quartiersentwicklungen grösseren Massstabs, mal ging es um temporäre Installationen im Stadtraum, mal um die Aufwertung einer Kantonsstrasse, die Unorte hinterlässt. Es sind lokale Aufgabenstellungen, die aber alle unter dem Thema «Re-Sourcing» nach ökologischen, ressourcenschonenden und klimagerechten Kriterien von der Jury bewertet wurden. «Re-Sourcing» ist ein offener übergeordneter Begriff, der den Zeitgeist trifft. Das passt, denn bei Europan geht es in erster Linie um Innovation; die Themen sollen neue Impulse setzen.

Sie beschreiben in Ihrer Gesamtwürdigung vier Formen von Innovation: in der Aufgabenformulierung, Programmierung, im Experiment und Prozess. Welche davon hat Sie als Juryvorsitzende bei Europan18 am meisten überrascht?

Mit der Prozessorganisation können wir unglaublich viel Inhaltliches gestalten und steuern. Es freut, dass sich alle Arbeiten mit dieser Frage auseinandergesetzt haben. Es ging nicht nur um den räumlichen Entwurf, sondern auch um das Mitentwerfen des Prozesses. Gerade in der Architektur gibt es dazu noch sehr viel Luft nach oben. Ein Beispiel dafür ist die Arbeit entlang der Kantonsstrasse: Das Team hat den Fokus bewusst nicht auf die Strasse und ihre Kreuzungspunkte gelegt, sondern auf den Landschaftsraum als eigentlichen Identitätsträger. Anstatt konkrete bauliche Interventionen zu entwerfen, entwickelte es eine Planungsstrategie für die langfristige Transformation. 

Die Landschaft wird qualifiziert, zugänglich gemacht und Schritt für Schritt weiterentwickelt, weil die Strasse selbst nie zu lebenswertem Raum wird. Das Projekt beschreibt damit weniger einen fertigen Endzustand als vielmehr eine Grammatik für zukünftige Entscheidungen. Die Arbeiten aus Genf zeigen, wie temporäre Interventionen als Experimentierräume dienen können und weshalb solche Zwischenschritte für die Stadtentwicklung wichtig sind. Das Projekt aus Luzern geht in eine ähnliche Richtung: Es reagiert auf eine Aufgabenstellung, deren politische Rahmenbedingungen noch gar nicht abschliessend geklärt waren, und entwickelt deshalb bewusst eine Strategie statt eines endgültigen Plans.

Die junge Generation begreift Klimawandel, Ressourcenknappheit und soziale Gerechtigkeit nicht als Einschränkung, sondern als Chance. Woran machen Sie das konkret fest?

Für die junge Generation steht nicht zur Debatte, ob es einen Klimawandel gibt oder ob sich unsere Städte aufheizen. Das ist die Realität. Die Diskussion dreht sich darum, wie wir Städte an diese Realitäten anpassen und wie wir, falls überhaupt, bauen, obwohl die Ressourcen erschöpft sind und das Baugewerbe eine grosse Mitverantwortung für die aktuelle Situation trägt. Neue Häuser müssen Energie produzieren und CO2-neutral erbaut werden. Die Jungen sehen das Entwerfen als aktive Forschungsarbeit, um Probleme zu lösen oder zu verhindern, anstatt zu resignieren. Den Klimawandel können wir nicht mehr verhindern, aber eindämmen. Die Jungen suchen ihren Weg in klugen Adaptionsstrategien. Das hat sich auch in der letzten 18. Europan-Ausgabe gezeigt und macht Hoffnung.

Einige Themen wie Aufforstung oder Urban Farming sind in anderen Ländern bereits gelebte Praxis, in der Schweiz dagegen oft noch Vision. Was kann die Schweiz von internationalen Beiträgen lernen?

Die Schweiz hat ein hohes Level an Planungskultur, unbestritten. Die Stärken der Schweiz sind ein hoher Detaillierungsgrad sowie die konzeptionelle Durchführung von der Konstruktion bis zur Gestaltung. Aber in sozialen Themen wie der Teilhabe oder in der Klimaanpassung sind andere Länder weiter. Die Schweiz kann bei strategischen Überlegungen in Bezug auf Verkehr, Freiraum und Stadtentwicklung vom Ausland profitieren. Die Verantwortlichen in Verwaltungen und Politik stehen schnell in öffentlicher Kritik, das bremst verständlicherweise die Lust am Experiment, denn dieses kann auch scheitern. Damit verpasst man aber, was Europan leisten kann.

Eine Stadtverwaltung muss sich also am Ende vor Politik und Bevölkerung für die prämierten, teils radikalen Ideen rechtfertigen. Wie viel Utopie verträgt die Praxis der Stadtentwicklung?

Die Schweiz ist sich nicht bewusst, wie viel Utopie sie eigentlich umsetzen könnte. Sie ist kleinstrukturiert und deshalb eines der innovativsten Länder in Industrie und Wirtschaft. In kleineren Organisationen ist Innovation viel einfacher umsetzbar, weil man weniger Menschen für eine Idee gewinnen muss. Neuerung entsteht in kleineren Zellen. In diesem basisdemokratischen System ist mehr Veränderung im Städtebau und in der Stadtentwicklung möglich als gedacht.

Als Senatsbaudirektorin in Berlin waren Sie als Auslobende auf der anderen Seite des Tisches. Wie verändert das Ihren Blick auf das, was Europan leisten kann?

Ich habe das Instrument selbst genutzt und weiss, wie viel man damit bewegen kann. Es löst nicht unmittelbar Probleme, kann aber Diskussionen anstossen, Akteure zusammenbringen und als strategischer Türöffner wirken. Es ist gleichzeitig wenig und sehr viel. Wenig, weil es noch keine Umsetzung ist. Viel, weil es die Richtung für die nächsten Jahre vorgibt. Gerade bei der Kantonsstrasse war dieser strategische Ansatz entscheidend. Die Aufgabe betraf verschiedene politische Ebenen und zahlreiche Akteure. Gleichzeitig war der Leidensdruck hoch. Eine Verkehrsinfrastruktur zerschneidet einen zusammenhängenden Landschaftsraum und mindert dessen Qualität. Solche Situationen gibt es nicht nur an diesem Ort, sondern tausendfach in der Schweiz. 

Das macht die Fragestellung weit über den konkreten Perimeter hinaus relevant. Die Aufgaben in Luzern und St. Gallen beschäftigen sich mit Quartiersentwicklungen. Das sind Themen, mit denen wir in der Schweiz grosse Erfahrung haben. Infrastruktur und Landschaftsräume entlang von Kantonsstrassen stellen dagegen andere Fragen. Gerade hier entsteht ein Mehrwert, wenn internationale Teams mit unterschiedlichen planerischen und kulturellen Perspektiven zusammenarbeiten. Sie hinterfragen Selbstverständlichkeiten und eröffnen neue Lösungsansätze. 

Und: Europan könnte nicht nur international sein, sondern auch interdisziplinär – das wäre eine mögliche Zukunft von Europan. Wir leben in Zeiten von KI, in denen wir daten- und wissensbasiert entwerfen können. Die KI löst zwar nicht den Entwurfsprozess, kann uns aber im Zusammentragen von komplexen wissenschaftlichen Zusammenhängen unterstützen. Betrachten wir allein das klimagerechte Bauen, entstehen zahlreiche Zielkonflikte. In diesem Dilemma wird datenbasiertes Entwerfen immer wichtiger. Die Aufgabe der Gestaltung ist es dann, dies in einem Entwurf zusammenzubringen, was bedeutet, dass wir interdisziplinärer arbeiten müssen.

Lesen Sie hier den Jurybericht von Europan18.

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